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Globale Agrarkrise : Zucker gegen Gewalt?

  • -Aktualisiert am

Zuckerrübenernte Bild: dpa

Wenn jeder nur noch an sich denkt, ist an alle gedacht, heißt es. Was wirtschaftlich passieren kann, zeigt ein Buch über die Zwischenkriegszeit.

          Mit Internationalismus in der Zwischenkriegszeit verbindet man sogleich eine Geschichte des Scheiterns. War doch die internationale Organisation des Völkerbunds, der von Woodrow Wilson erzwungene Versuch, den Egoismus der Nationalstaaten zu zähmen, allzu offensichtlich ein Fehlschlag. Die Idee der kollektiven Sicherheit blieb eine lediglich rhetorisch vielbemühte Formel. Die schon 1925 im Grundsatz beschlossene Abrüstungskonferenz des Völkerbunds trat erst 1932 zusammen, als der Verfall der Nachkriegsordnung schon Platz griff. Aber auch die 1927 in Genf durchgeführte Weltwirtschaftskonferenz brachte nicht die erhoffte Rückkehr zur Stabilisierung einer aus den Fugen geratenen europäischen Wirtschaft, ebenso wenig wie die 1933 vom Völkerbund organisierte Londoner Konferenz über Währungs- und Wirtschaftsfragen.

          Die Neigung zu Protektionismus war stärker als die Bereitschaft zum Abbau von Handelsbarrieren. Bereits auf dem Höhepunkt der deutsch-französischen Entspannung während der Locarno-Ära hatten die Außenminister Stresemann und Briand hochgesteckte Erwartungen geäußert. Wirtschaftliche Kooperation sollte nicht nur Wachstumsimpulse auslösen, sie sollte darüber hinaus auch zur Wahrung und Sicherung des Friedens beitragen. Doch ging das liberale Modell im Strudel der schon 1927 bestehenden Agrarkrise mit ihrem weltweiten Preisverfall für landwirtschaftliche Produkte und dann endgültig in den Verwerfungen der Weltwirtschaftskrise unter.

          Ohne die gängige Darstellung des Völkerbunds und seiner Rolle in den internationalen Beziehungen grundlegend in Frage stellen zu können, will der Autor doch zu einem „historiographischen Perspektivwechsel“ beitragen. Man solle nicht in erster Linie nach Erfolg oder Misserfolg des Völkerbunds fragen, sondern nach seinem Vermächtnis und seiner Langzeitwirkung über den Krieg hinaus, den er nicht verhindern konnte. Nachdem das sicherheitspolitische Mandat des Völkerbunds seit der Expansion Japans 1931 und dem Austritt Deutschlands 1933 praktisch obsolet geworden war, „erfand sich die Genfer Institution neu“ und reduzierte ihren vormals umfassenden Auftrag auf Wirtschaftsinternationalismus. Es galt nun, jenseits des Nationalstaats über die Schaffung weltwirtschaftlicher Strukturen zu reflektieren, über eine globale Ordnung, von der sich der Brite Arthur Salter als Direktor der Wirtschafts- und Finanzorganisation des Völkerbunds eine Verschmelzung von kooperativem Handel, sozialer Gerechtigkeit und transnationaler Demokratie erhoffte.

          Ohne dieser maximalistischen Vision anhängen zu müssen, richteten kleinere Expertengremien in den wirtschaftspolitischen Unterabteilungen des Völkerbunds den Blick jenseits der gleichzeitig einsetzenden Kriegsvorbereitung auf internationale Kooperationsformen und Marktplanung. Der damit beschrittene „Möglichkeitsraum“ wies in die Zukunft. Nachkriegsinstitutionen wie der Internationale Währungsfonds, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (Gatt) und nicht zuletzt die gemeinsame europäische Agrarpolitik im Rahmen der EWG konnten an die konzeptionelle Arbeit der Genfer Denkfabrik anknüpfen.

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