http://www.faz.net/-gpf-96sxl

Glaubensfragen : Neigung zum Krieg

  • -Aktualisiert am

Soldatenfriedhof bei Verdun am 29. Mai 2016 Bild: dpa

In der Geschichtswissenschaft ist nie etwas wirklich erledigt. Das zeigt dieser Band über die Fischer-Kontroverse(n).

          In der „Fröhlichen Wissenschaft“ plädierte Nietzsche dafür, eigene Überzeugungen zugunsten eines offenen Gedankenaustauschs über Bord zu werfen. Gelegentlich hat die Geschichtswissenschaft diesen klugen Rat ignoriert, beispielsweise Gerhard Ritter, der 1962 seine Historikerkollegen dazu aufforderte, „das Ungeheuer der neuen Geschichtslegende zur Strecke zu bringen“. Gemeint waren Thesen Fritz Fischers, der Deutschland nicht nur die Hauptverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zugewiesen, sondern sogar behauptet hatte, er sei gezielt vom Kaiser und seiner Entourage vorbereitet worden.

          Mit einer ähnlichen Verve ist zuletzt über Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“ diskutiert worden. Die Forschungslandschaft ist mittlerweile recht unübersichtlich, weshalb Beiträge zu ihrer Einordnung willkommen sind. Der vorliegende Sammelband hat sich das vorgenommen, indem er das Fortwirken von Fischers Thesen in der heutigen Forschung mit Aufsätzen von meist hervorragender Qualität analysiert. Bedauerlicherweise wurden die meisten Manuskripte vor 2014 abgeschlossen, so dass die jüngeren Debatten fehlen.

          Ein großer Rahmen wird aufgespannt, indem die Texte Fischers Themenwelt durchstreifen und sich insbesondere mit Flottenrüstung, Julikrise und Kriegszielen befassen. Fischer hatte sich auf das Kaiserreich konzentriert, wodurch sich die von ihm postulierte Ausnahmestellung der deutschen Expansionspolitik selbstreferentiell verstärkte. Glücklicherweise ist die Wissenschaft mittlerweile vorangeschritten, und so kann der Band beeindruckende Einzelstudien zu den wichtigen europäischen Mächten und Krisenherden präsentieren. Sie zeigen, dass es um 1914 in Europa eine ganze Reihe struktureller Ähnlichkeiten in der Sicherheitspolitik gab, die den Kriegsausbruch begünstigten.

          Die Politik war von diffusen Bedrohungsgefühlen gekennzeichnet. Österreich-Ungarn und Russland sahen ihren Großmachtstatus gefährdet, Italien befürchtete eine Krise seines Mittelmeerprojektes, Deutschland vermutete eine feindliche Einkreisung. Interessant ist, wie das Bedrohungsgefühl instrumentalisiert wurde. Andreas Rose zeigt, dass die britische Publizistik eine „deutsche Gefahr“ beschwor, was den Absatz ihrer Erzeugnisse förderte. Admiral Fisher erblickte darin nichts als einen Popanz, fand diesen aber äußerst „useful“, weil er damit seine Flottenpolitik untermauern konnte. Ähnlich in Deutschland. Hier betonte Generalstabschef Moltke, nur ein Präventivkrieg könne das Reich vor der russischen Dampfwalze noch retten. Letztlich aber ging es ihm nur darum, seinen Rüstungsforderungen Nachdruck zu verleihen. Ein folgenreiches Missverständnis, wie Stig Förster betont.

          Beinahe alle europäischen Staaten reagierten auf diese Unsicherheit mit einer Flucht nach vorn. Aus den Krisen und Kriegen um Marokko, Libyen und auf dem Balkan hatten sie die Lehre gezogen, dass Stärke Richtschnur ihrer Politik sein musste. Nichthandeln wurde dagegen als Schwäche ausgelegt. Frankreich wollte sich gegen die deutsche Bedrohung absichern, indem es Defensiv- und Offensivplanungen für den nächsten Krieg vornahm, Rüstungsmaßnahmen in Russland finanzierte und Serbien zum Faktor in seinem Bündnisgeflecht machte. Das ist hochspannend, mittlerweile aber bekannt, weshalb die Diskussion der neuesten Forschung gerade hier wichtig gewesen wäre.

          War Krieg überall ein akzeptiertes Mittel der Politik, so gab es doch auch große Unterschiede. Geopolitisch waren die Mächte von den Krisen und Bündnisverschiebungen vor 1914 ganz unterschiedlich betroffen und infolgedessen verunsichert. Einzig das weltumspannende britische Empire konnte sich leisten, in der Bewahrung des Status quo eine attraktive Option zu erblicken. Insgesamt zeigt die Lektüre dieser Abschnitte, dass die Entscheidungskulturen nicht auf Friedenssicherung hin organisiert waren, sondern eine Neigung zum Krieg aufwiesen – mit dramatischen Folgen.

          Neben diesem Problemkomplex werden auch andere von Fischer aufgeworfene Fragen thematisiert. Die Kakophonie der deutschen Kriegszieldebatte belegt einmal mehr die Diversität der Meinungen und Entscheidungswege im Reich. Russland kämpfte um Großmachtstatus und imperiale Ehre, wobei eine Gruppe um den Zaren wieder auf Konstantinopel zielte. Bizarr wirkt dagegen Keith Neilsons These, Großbritannien habe keine Kriegsziele gehabt – so als ob die Bewahrung des Bestehenden nicht auch hätte errungen werden müssen. Weitere Aufsätze widmen sich der deutschen Politik, die mit religiöser und nationaler Agitation versuchte, Osteuropa und Persien zu erschüttern.

          Rang Deutschland also um die Weltherrschaft? Eine klare Antwort auf diese schwierige Frage vermag auch der vorliegende Sammelband nicht zu geben. Der Schluss liegt nahe, dass Deutschland dafür zu klein, aber dennoch groß genug war, um einen spürbaren Machtanspruch zu verkörpern. Dieses Paradox weist Parallelen zur heutigen Lage auf, verdeutlicht aber zugleich, dass Europa die Lehren aus den Weltkriegen gezogen hat und Machtpolitik mittlerweile mit anderen Mitteln verfolgt.

          Fischer hatte also im Kern die deutsche Frage aufgeworfen. Das ist der Grund dafür, dass die Weltkriegsdebatte immer wieder in geschichtspolitische Glaubensfragen abrutscht und Fischers Kritiker zeitweise den Ausschluss aus der Historikerzunft riskierten. Auch im vorliegenden Band ist das spürbar, denn er versammelt Autoren, die sich derart uneins sind, dass sie sich teilweise nicht einmal gegenseitig zitieren. Nietzsche dagegen hatte vor 136 Jahren die „Bescheidenheit einer Hypothese“ zur wissenschaftlichen Gewissensfrage erklärt. Eine Rückbesinnung darauf würde die endlose Kontroverse erheblich voranbringen.

          Andreas Gestrich, Hartmut Pogge von Strandmann (Hrsg.): Bid for Worls Power? New Research on the Outbreak of the First World War. Oxford University Press, Oxford 2017. 476 S., 85.- £

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nebenkosten im EU-Parlament : Brüssels geheime Rechnungen

          Eine Pauschale sorgt in Brüssel für Unmut. Journalisten forderten die EU vor zwei Jahren auf, die Verwendung der Gelder der „allgemeinen Kostenvergütung“ offen zu legen. Nun hat das Gericht der Europäischen Union entschieden.

          Global Wealth Report : Chinesen verdienen am Aktienboom

          Die privaten Vermögen sind rund um den Globus 2017 weiter gewachsen, vor allem dank der Entwicklung der Wertpapiermärkte. Während China reicher wird, gibt es in den alten Industrieländern auch viele Absteiger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.