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Gine Elsner/Gerhard Stuby: Wehrmachtsmedizin & Militärjustiz Erhalter der Wehrkraft?

Nach Schätzungen sollen wegen des Delikts der Selbstverstümmelung im Zweiten Weltkrieg etwa 10.000 Soldaten verurteilt worden sein. Gine Elsner und Gerhard Stuby ermittelten und werteten 131 Kriegsgerichtsakten aus.

© AP Vergrößern Deutsche Soldaten beim Angriff auf die Sowjetunion am 26. Juni 1941.

Den geplanten Krieg vor Augen, erließ das nationalsozialistische Regime am 17. August 1938 eine „Kriegssonderstrafrechtsverordnung“, welche die Zersetzung der Wehrkraft unter Todesstrafe stellte. In minder schweren Fällen konnte auf Zuchthaus oder Gefängnis erkannt werden. Diese Strafen sollten auch verhängt werden, falls jemand versuchen sollte, sich oder einen anderen durch Selbstverstümmelung teilweise oder ganz der Wehrpflicht zu entziehen. Nach Schätzungen sollen wegen des Delikts der Selbstverstümmelung im Zweiten Weltkrieg etwa 10 000 Soldaten verurteilt worden sein. Gine Elsner und Gerhard Stuby ermittelten und werteten 131 Kriegsgerichtsakten aus. Für diese Fälle wurden mehr als zweihundert ärztliche Stellungnahmen angefertigt, wobei es zumeist die Truppen- oder Bataillonsärzte der Wehrmacht waren, die als erstbehandelnde Ärzte im Rang vom Unterarzt bis zum Oberstarzt den Verdacht auf eine Selbstverstümmelung meldeten. Natürlich gab es auch Wehrmachts-Ärzte, die solche Fälle nicht anzeigten. Weitere ärztliche Stellungnahmen zu gemeldeten Fällen erfolgten sodann von zumeist anerkannten Wissenschaftlern, die für eine Armee oder einen Wehrkreis als Beratende Ärzte zuständig waren. Besonders häufig nahmen sehr junge Soldaten Selbstbeschädigungen vor oder gerieten in den Verdacht, sich selbst verstümmelt zu haben. Für 111 der 131 ermittelten Fälle ist der Ausgang des Verfahrens überliefert. Es erfolgten 18 Freisprüche, weitere 38 Verfahren wurden eingestellt und somit die Hälfte der Beschuldigten verurteilt. In den 14 Fällen, in denen die Todesstrafe verhängt wurde, erfolgte in fünf Fällen die Umwandlung in eine Haftstrafe, und drei weitere zum Tode verurteilte Soldaten wurden „zur Bewährung“ zurück an die Front geschickt.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, den Beratenden Gerichtsmedizinern der Wehrmacht sei es von Kriegsbeginn an in erster Linie um die Erhaltung der Wehrkraft gegangen, ihr hätten sich alle anderen Aspekte, auch die der ärztlichen Ethik, untergeordnet. „Ärzte wurden immer mehr zu Polizisten und Jägern, die sich auf der wahnhaften Jagd nach Simulanten, Aggravanten und Selbstverstümmlern befanden. Nicht nur das humane Engagement blieb dabei auf der Strecke.“ Zum Einsatz und zur Rolle der Ärzte der Wehrmacht sowie der Beratenden Ärzte muss nun weiter geforscht und veröffentlicht werden, um zu einem wissenschaftlich befriedigenden Ergebnis zu gelangen

REINER POMMERIN

Gine Elsner/Gerhard Stuby: Wehrmachtsmedizin & Militärjustiz. Sachverständige im Zweiten Weltkrieg: Beratende Ärzte und Gutachter für die Kriegsgerichte der Wehrmacht. VSA Verlag, Hamburg 2012. 199 S., 16,80 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.11.2012, 15:40 Uhr

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Von Michael Martens, Istanbul

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