Home
http://www.faz.net/-gqc-74ae8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Gershom Gorenberg: Israel schafft sich ab. Radikalkur für den Staat Israel

Der orthodoxe Jude Gershom Gorenberg hält es für unumgänglich, „Staat und Synagoge“ zu trennen; den Schlüssel für die Zukunft Israels sieht er vor allem im Ende des Siedlungsbaus.

© Monika Rittershaus Vergrößern Eine Gruppe orthodoxer Juden in Jerusalem

Glaubt man Netanjahu, dann steht Israel vor dem Abgrund. Dem Land drohe ein zweiter Holocaust, wenn nicht schnell das iranische Atomprogramm gestoppt werde, mahnt der Ministerpräsident. In Reden und Interviews erweckt er den Eindruck, dass sich Israel von der internationalen Gemeinschaft ähnlich alleine gelassen fühlt wie die Juden während des Zweiten Weltkriegs, als die Alliierten sich weigerten, das Konzentrationslager Auschwitz zu bombardieren. Israelischen Politikern fällt es oft leichter, an die traumatische Vergangenheit zu erinnern, statt Visionen für die Zukunft zu formulieren. Angst lähmt zionistische Träume: Israel laufe Gefahr, von seinen inneren Widersprüchen zerrissen zu werden, warnt jetzt Gershom Gorenberg. Es drohe zu einem „Pariastaat“ zu werden, in dem Juden über Araber herrschen, ein Land, von dem die jüdische Diaspora nichts mehr wissen will.

Der orthodoxe Jude und überzeugte Zionist, der mit seiner Familie in Jerusalem lebt, gibt seinen Staat nicht verloren, sondern empfiehlt ihm eine Radikalkur. „Die Entscheidungen, die Israel heute trifft, werden bestimmen, ob seine Anfänge als Geburt eines gescheiterten Staates oder einer erfolgreichen Demokratie in Erinnerung behalten werden“, mahnt er. Seine Zuversicht setzt voraus, dass Israel aufhört, sich selbst zu demontieren, und sich „neu“ gründet. Gorenberg schildert schonungslos die immer tiefer werdenden Risse in den Grundfesten des Staates. Dabei wird er aber nicht müde, darauf hinzuweisen, dass diese Entwicklung nicht unumkehrbar ist. Sie gehe auf Entscheidungen zurück, die Menschen getroffen haben und damit korrigierbar sind. Um das zu zeigen, nimmt er seine Leser mit zu radikalen Siedlern im Westjordanland und zu Strenggläubigen in Jerusalem. Die Auswahl der Beispiele macht deutlich, wo der Autor die gefährlichsten Bruchlinien sieht. Immer mehr Israelis lassen sich in den Siedlungen im Westjordanland nieder. Für ihren Schutz sind immer mehr Soldaten nötig, die zunehmend aus den Reihen der religiösen Rechten rekrutiert werden. In der Armee machen Offiziere Karriere, die „an die unverletzliche Heiligkeit Großisraels glauben“ und sich einem Befehl zur Räumung von Siedlungen widersetzen könnten. Gorenberg schließt eine „offene Meuterei“ nicht aus.

Gleichzeitig wächst unter den strenggläubigen Juden eine Minderheit heran, die sich zwar vom Staat alimentieren lässt, aber nichts für ihn tut. Das war nicht immer so. Der Lebensstil der Frommen sei ein „Produkt der Moderne“. Fundamentalistische Bewegungen bezeichnet Gorenberg als „Schöpfungen der Gegenwart, die sich als Religion der alten Zeit ausgeben“. So arbeiteten früher die meisten Strenggläubigen für ihren Lebensunterhalt. Die Väter waren Handwerker oder besaßen ein Geschäft. Heute studieren ihre Söhne ein Leben lang hauptberuflich Tora und Talmud. Auf der Suche nach einer Regierungsmehrheit umwerben israelische Politiker die Ultraorthodoxen mit Sozialleistungen und Sonderrechten. Wurden im Jahr der Staatsgründung 1948 etwa 400 Tora-Studenten von der Wehrpflicht freigestellt, sind es heute mehr als 60 000. Gleichzeitig wird eine Rückkehr in die säkulare Welt immer schwieriger. In den eigenen Schulen der Strenggläubigen werden nicht genug Naturwissenschaften und Fremdsprachen unterrichtet, um außerhalb weiterzukommen.

Der Autor hält es für unumgänglich, „Staat und Synagoge“ zu trennen. Als den „Schlüssel für die Zukunft Israels“ bezeichnet er das Ende des Siedlungsbaus. Ein gemeinsamer Staat mit den Palästinensern sei keine Alternative zur Zwei-Staaten-Lösung, sondern würde in einem Albtraum enden: Beide Volksgruppen würden sich in einem endlosen Kampf verbeißen, eine Massenflucht könnte einsetzen. Israel müsse endlich von einer „ethnischen Bewegung zu einem demokratischen Staat werden, in dem auch die arabische Minderheit gleichberechtigt ist“, verlangt er. Derzeit gibt es jedoch kaum Anzeichen dafür, dass die Gründung eines demokratischen Israels im zweiten Anlauf gelingt. In Ramallah wird darüber diskutiert, die Oslo-Verträge zu kündigen. Im Westjordanland wurde im vergangenen Jahr so viel in Siedlungen gebaut wie schon lange nicht mehr. Israels Regierung scheiterte im Sommer damit, die Lasten der Wehrpflicht gerechter zwischen der säkularen Mehrheit und der ultraorthodoxen Minderheit zu verteilen. Netanjahu standen am Ende seine frommen Koalitionspartner näher als die Kadima-Partei, mit der er eine solide Mehrheit für eine grundlegende Reform hatte. Während ungewiss ist, ob es in absehbarer Zeit zu einem israelischen Luftangriff auf Iran kommt, sind vorgezogene Wahlen sicher. Ein Befreiungsschlag, der einer neuen Generation von „Wiederaufbauern“ eine Chance gibt, ist dabei nicht zu erwarten. „Die Wiederaufbauer“ nennt Gorenberg seine drei Kinder, denen er sein Buch widmet.

Gershom Gorenberg: Israel schafft sich ab. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2012. 316 S., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Lügen und Propaganda

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die EU muss der Wahrheit ins Auge sehen: Wenn es um die Destabilisierung der Ukraine und um den Bürgerkrieg dort geht, dann ist Putin kein Partner, der es ehrlich meint, sondern ein Gegner. Mehr 2 6

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden