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Nikita Chruschtschow : Mehr als einen Koffer in Berlin

  • -Aktualisiert am

Leonid Breschnew, Fidel Castro und Nikita Chruschtschow Anfang Mai 1963. Bild: Picture-Alliance

Mit dem Berlin-Ultimatum setzte Nikita Chruschtschow den Hebel an die schwächste Stelle der westlichen Deutschland-Politik an: Der Kreml-Chef wollte die alliierten Besatzungsrechte liquidieren, den Westteil Berlins zur „Freien Stadt“ erklären, vom Westen isolieren und langfristig der DDR einverleiben.

          Sowjetische Politik anhand russischer Akten zu erforschen ist aufgrund restriktiver Zugänge zu Moskauer Archiven ein mühsames Unterfangen. Sie öffnen sich oft nur bei Kooperationsprojekten mit westlichen Finanzzuschüssen oder wenn eigenes Interesse besteht, durch Aktenfreigabe internationale Forschung zu beleben und Geschichtsbilder zu ändern - wie im Falle Nikita Sergejewitsch Chruschtschows. Vielen ist er als Poltergeist in Erinnerung, der am Verhandlungstisch Fäuste reckte und vor der UNO angeblich einen Schuh aufs Rednerpult schlug, was jedoch umstritten ist.

          Von russischer Seite wurde ein Projekt mit deutschen Historikern angeregt, das die Chance bot, an Sitzungsprotokolle des Präsidiums des Zentralkomitees und Gesprächsaufzeichnungen des KPdSU-Führers mit ausländischen Staatsmännern und Botschaftern während der Berlin-Krise heranzukommen. Obwohl allein die russischen Partner 50 Dokumente aus der Zeit von November 1958 bis Oktober 1960 auswählten und viele Bezugsvorgänge unter Verschluss blieben, sind diese Brosamen Manna für westliche Sowjet-Exegeten. Ungeachtet dieser Unausgewogenheit bietet das Material, wie Gerhard Wettig hervorhebt, ein „zuverlässiges Bild“ der Intentionen und Perzeptionen Chruschtschows.

          Mit dem Berlin-Ultimatum setzte dieser den Hebel an die schwächste Stelle der westlichen Deutschland-Politik an: an den Status West-Berlins. Der Kreml-Chef wollte die alliierten Besatzungsrechte liquidieren, den Westteil zur „Freien Stadt“ erklären, somit vom Westen isolieren und langfristig der DDR einverleiben. Andernfalls drohte er, mit Ost-Berlin einen separaten Friedensvertrag abzuschließen und der DDR die Zugangskontrolle nach West-Berlin zu übertragen. Ohne Verschärfung der Krise gebe es keine Lösung, tönte Chruschtschow intern und prophezeite dem SED-Chef Walter Ulbricht die Wiedervereinigung Deutschlands unter sozialistischen Vorzeichen. Indem er die Handlungsinitiative übernahm, sollten die Westmächte in die Zwangslage geraten, zwischen Krieg und Rückzug wählen zu müssen. Hätten sie allein die Option einer bewaffneten Intervention zur Wahrung ihrer Rechte, schreckten sie davor zurück, um West-Berlin einen Krieg zu führen oder gar Atomwaffen einzusetzen. Deren Vertreibung aus Berlin brächte die Sicherheit Westeuropas ins Wanken, erschüttere das transatlantische Verhältnis und ruiniere über kurz oder lang die Nato.

          Dabei unterschätzte Chruschtschow die Symbolwirkung, die West-Berlin nach der Luftbrücke 1948/49 für die Westmächte besaß. Diese gingen das Risiko des einseitigen Abschlusses eines Friedensvertrages ein, bürdeten so Chruschtschow die Entscheidungslast auf und zeigten sich verhandlungsbereit. Die Genfer Außenministerkonferenz 1959 blieb ergebnislos, weil die Westmächte am Status von West-Berlin festhielten und die Sowjetunion kosmetische Erfolge erzielte. Delegationen beider deutschen Staaten durften an zwei „Katzentischen“ den Verhandlungen beiwohnen. Das verschaffte der DDR den ersten Erfolg einer faktischen Anerkennung durch die Bundesregierung. Der sowjetische Parteiführer erhielt die erhoffte Einladung zum Treffen mit Präsident Eisenhower in Camp David, was sein Ego als Partner Washingtons auf Augenhöhe stärkte.

          Die Drohung eines Separatfriedensvertrags war für Chruschtschow das Instrument, mit den Vereinigten Staaten wieder über Abrüstungsfragen zu sprechen. Denn keine der vier Mächte wollte ein wiedervereintes Deutschland. Auch stellte die Bundeswehr und ihre Ausrüstung mit nuklearen Trägersystemen angesichts des sowjetischen Nuklearpotentials keine reale Gefahr dar. Das erzählte damals schon Bundeskanzler Konrad Adenauer jedem. Chruschtschow unterstellte ihm, mit der Forderung nach Wiedervereinigung revanchistische Ziele zu verfolgen, und verglich ihn sogar mit Hitler. Mehrfach argumentierte er sprunghaft und teils inkonsequent.

          Als Botschafter Hans Kroll im Januar 1960 einen Burgfrieden zwischen Bonn und Moskau auslotete, schien Chruschtschow nicht abgeneigt. Tatsächlich aber beharrte er - wie der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der britische Premierminister Harold Macmillan - auf der Teilung Deutschlands als entscheidender Gleichgewichtsfaktor in Europa. Gegenüber de Gaulle, gerade in den Kreis der Atommächte aufgestiegen, deutete er vor dem Pariser Gipfel im Mai 1960 an, keine Ansprüche auf West-Berlin zu erheben, wenn sich die vier Mächte auf einen Friedensvertrag über Deutschland verständigten. Vollends zur Farce geriet sein Auftritt auf dem Vierertreffen, als er vom amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower eine Entschuldigung für amerikanische Spionageflüge über Sowjet-Territorium und deren Einstellung forderte, wozu der Präsident bedingt bereit war. Was Chruschtschow bewog, den Gipfel platzen zu lassen, bleibt offen. Vieles spricht dafür, dass er sich letztlich von Washington gedemütigt und nicht als gleichwertig anerkannt fühlte.

          Leider haben die Herausgeber nicht immer die Chronologie der Dokumente eingehalten. In der Kommentierung fehlen einige Quellennachweise. Auch wenn die Edition nur partielle Einblicke in das Denken und Handeln Chruschtschows erlaubt, liefert sie dennoch wichtige Erkenntnisse für die Erforschung des Kalten Krieges.

          Gerhard Wettig: Chruschtschows Westpolitik 1955 bis 1964. Band 2. Anfangsjahre der Berlin-Krise. Verlag De Gruyter Oldenbourg, Berlin-München 2015. 570 S., 69,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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