http://www.faz.net/-gpf-7qrsp

Gerd Krumeich: Juli 1914/ Gerd Krumeich: Der Erste Weltkrieg : Ausgeprägte Zukunftsangst

Ein Gesellschaftsspiel mit der Aufschrift „Unsere Brummer - Patriotisches Geduldspiel.“ (1914-1918) ist am 27.06.2014 in der Ausstellung „Kriegs(er)leben im Rheinland - Zwischen Begeisterung und Verzweiflung“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern (Nordrhein-Westfalen) zu sehen. Bild: dpa

Das kaiserliche Deutschland betrieb in der Juli-Krise 1914 eine „äußerst risikobehaftete“ Politik, die Gerd Krumeich auf fatalistisches Denken zurückführt. Deutschland und Österreich-Ungarn würden „am Ausbruch des Krieges die Hauptverantwortung tragen“.

          Als einer der profundesten Kenner der Geschichte des Ersten Weltkrieges ist Gerd Krumeich momentan ein vielgefragter Mann: wissenschaftlicher Berater für Ausstellungen, Beiträger der Begleitpublikationen, Diskussionsteilnehmer. Zum 100-Jahr-Gedenken tritt er nun mit zwei neuen eigenständigen Werken hervor. „Juli 1914“ ist seine Replik auf den Bestseller „Die Schlafwandler“. Laut Krumeich geht Christopher Clark beim Sarajevo-Attentat vom 28. Juni 1914 „von einer echten Verstrickung der serbischen Regierung aus, ohne dies aber belegen zu können“. Dann versuche er, Wiens Ultimatum vom 23. Juli an Belgrad „herunterzuspielen“ durch einen politisch-polemischen Vergleich. Schließlich behaupte Clark, dass „höchstwahrscheinlich“ die russische Unterstützung Serbien veranlasst habe, einige Punkte des Ultimatums abzulehnen. Solche Kritik ist elegant in Anmerkungen versteckt.

          Rainer  Blasius

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Berlin betrieb - so Krumeich - eine „äußerst risikobehaftete“ Politik, die er auf fatalistisches Denken zurückführt. Deutschland und Österreich-Ungarn würden „am Ausbruch des Krieges die Hauptverantwortung tragen“, jedoch hätten sich beide Mittelmächte die darauf folgende „Ausuferung“ und die immense Zahl der Opfer nicht vorstellen können: „Nicht Weltmachtambition oder Kalkül imperialer Vorherrschaft waren also die Triebkräfte für die Entscheidungen des Juli 1914, sondern eine ausgeprägte Zukunftsangst.“ Besonders zu empfehlen ist der Epilog: „100 Jahre Diskussion um die Schuld am Krieg“. Hier lobt der Autor vor allem die älteren Forschungen von Pierre Renouvin (1927) und Luigi Albertini (1942/43). Ein Anhang mit fünfzig „Schlüsseldokumenten“ rundet die Darstellung ab; störend wirken dabei die in Superlativen schwelgenden und leicht oberlehrerhaft wirkenden Kurzeinführungen zu den Quellen.

          Ohne Namen zu nennen, wendet sich Krumeich ebenfalls in dem Bändchen „Der Erste Weltkrieg“ gegen einen „neuen Trend der ,Umverteilung‘ der Kriegsschuld“. In der bewährten Reihe „Die 101 wichtigsten Fragen“ gibt er Antworten zu sieben Themenkomplexen: Vorkriegszeit und Juli-Krise, große Schlachten, Politik im Krieg, Front und Heimat, Kultur, Technik und Wirtschaft sowie Kriegsende und Kriegsfolgen. Sein Schwerpunkt liegt klar auf Deutschland und Frankreich. Immer wieder stellt Krumeich das „anonyme Massensterben“ als das Charakteristische am Weltkrieg heraus, dem damalige Propagandisten schnell Heldenfiguren entgegensetzten. Insgesamt seien die deutschen Feind-Stereotypen „relativ gemäßigt“ geblieben: „Hasspropaganda mit ganz ähnlichen Bildern, wie sie die Franzosen und Engländer im Ersten Weltkrieg erfunden hatten, kam in Deutschland erst nach 1918 auf, als Reaktion auf den sogenannten Schandfrieden und vor allem als Reaktion auf die Rheinland- und Ruhrbesetzung 1919 bis 1924.“

          Krumeich weckt die Neugier des Lesers, wenn er fragt: „Warum war der Papst so unglücklich?“ oder „Wer waren die Dicke Berta und der Lange Max?“ Seine Einschätzungen sind klar formuliert, etwa zu den Friedensschlüssen. Diese konnten nicht dauerhaft sein, „weil sich die Siegermächte zu Richtern aufschwangen und vor allem die Kriegsschuld nach Belieben verteilten. Das waren sie ihrer Öffentlichkeit schuldig.“ Durch den „Kriegsschuld-Paragraph“ 231 habe aus dem Versailler Vertrag „kein wirklicher Neuanfang in der internationalen Verständigung resultieren“ können.

          Gerd Krumeich: Juli 1914. Eine Bilanz. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014. 362 S., 34,90 €.

          Gerd Krumeich: Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen. Verlag C. H. Beck, München 2014. 155 S., 10,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Deutsches U-Boot aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt Video-Seite öffnen

          Belgien : Deutsches U-Boot aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt

          Taucher haben vor der belgischen Küste ein deutsches U-Boot aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt. Das rund 27 Meter lange und sechs Meter breite Wrack liegt nach Angaben der Wracktaucher in etwa 30 Metern Tiefe. Demnach soll das Wrack vollständig intakt und alle Luken geschlossen sein.

          Die Aufrechnung der Verluste

          Reparationsforderungen : Die Aufrechnung der Verluste

          Die polnische Regierung treibt die Debatte über Reparationen voran. Ein Gutachten des polnischen Parlaments liefert weitere Argumente. Die Bundesregierung bleibt bei ihrer Haltung – eine schwierige Gratwanderung.

          Linksextreme Internetseite „linksunten.indymedia.org“ verboten Video-Seite öffnen

          Berlin : Linksextreme Internetseite „linksunten.indymedia.org“ verboten

          Bundesinnenminister Thomas de Maiziere hat die linksextremistische Internetplattform „linksunten.indymedia.org“ und den zugehörigen Verein verboten. Es handele sich um die bedeutendste Internetplattform für gewaltbereite Linksextremisten in Deutschland, sagte der Minister am Freitag in Berlin.

          Topmeldungen

          Aufstieg bei den Konservativen : Der britischste aller Briten

          Jacob Rees-Mogg war schon immer anders. Mit fünf Jahren wurde er Mitglied der Tories, doch niemand sagte ihm eine große Karriere voraus. Nun steht er plötzlich im Rampenlicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.