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Ruanda : Nur die Fassade ist mustergültig . . .

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Frauen im Südkivu, die 2008 von verschiedenen Gruppierungen vergewaltigt und/oder misshandelt wurden Bild: Abb.a.d.bespr. Band

Der Völkerrechtler Gerd Hankel beschreibt das heutige Ruanda als ein Land, in dem die einst über Leben und Tod entscheidende Frage, wer Hutu ist und wer Tutsi, vermeintlich keine Bedeutung mehr hat. Dies sei ganz im Sinne der Regierung, die proklamiert: „Wir sind alle Ruander.“

          Ruanda gilt heute als einer der Vorzeigestaaten Afrikas. Die Hauptstadt Kigali wächst in atemberaubendem Tempo. Die Streitkräfte wurden modernisiert und gehören zu den schlagkräftigsten des Kontinents. Sie sind auch für Einsätze der Vereinten Nationen unverzichtbar. Die Verfassung garantiert die Achtung der Menschenrechte. Das Land war sogar Gastgeber des Weltklimagipfels und empfing Vertreter von mehr als 150 Nationen. Präsident Paul Kagame führt das Land mit eiserner Hand und steht zugleich für ein neues afrikanisches Selbstbewusstsein. Kritik an seinem harschen Umgang mit der Opposition kontert er mit dem Verweis, dass die reiche Welt ihr Urteil ständig über das der Afrikaner stelle.

          Vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten, im Frühjahr 1994, war Ruanda die Hölle auf Erden. Achthunderttausend bis eine Million Tote, vor allem Angehörige des Volkes der Tutsi, zumeist brutal abgeschlachtet, in einem Zeitraum von nur drei Monaten: Das ist die unfassbare Dimension des Völkermordes in diesem zentralafrikanischen Land. Als die Weltöffentlichkeit endlich begriff, was sich im zuvor oft als „Schweiz Afrikas“ charakterisierten Ruanda abspielte, war es zu spät. Die Regierungen in Washington, London oder Paris hatten seinerzeit andere Sorgen, etwa die Entwicklungen auf dem Balkan. Und in Südafrika fanden die ersten freien Wahlen nach dem Ende der Apartheid statt und schienen von einer blühenden Zukunft des gesamten Kontinents zu künden. Endlich einmal gute Nachrichten aus Afrika, da störte Ruanda nur.

          Rassismus spielte beim Nichthinsehen ebenfalls eine Rolle. Bis heute unvergessen ist der zynische Ausspruch des damaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand: „In Ländern wie diesen ist ein Genozid nicht so bedeutsam.“ Der von Tutsi unter Paul Kagame geführten Rebellenarmee „Ruandische Patriotische Front“ gelang nach drei Monaten der militärische Sieg gegen die Völkermörder. Mehrere Millionen Hutu – Zivilisten, aber auch Drahtzieher des Genozids – flohen in die Nachbarländer, wo sie unter oft katastrophalen Bedingungen in Flüchtlingslagern hausten. Parallel fielen zahllose humanitäre Helfer und Polittouristen in Ruanda ein.

          Der Völkerrechtler Gerd Hankel beschreibt in seinem vorzüglichen Buch das heutige Ruanda als ein Land, in dem die einst über Leben und Tod entscheidende Frage, wer Hutu ist und wer Tutsi, vermeintlich keine Bedeutung mehr hat. Dies sei ganz im Sinne der Regierung, die proklamiert: „Wir sind alle Ruander.“ Diese Beobachtung macht der Autor nicht allein für die prosperierende Hauptstadt, sondern ebenso für ländliche Regionen. Überall herrsche eine scheinbar unspektakuläre Normalität, nicht selten gar eine Art Stolz über die Fortschritte, die das Land etwa in der Infrastruktur, im Gesundheitswesen und im Bildungsbereich gemacht hat.

          Vom Völkermord sei nicht die Rede. Zugleich ist, wie Hankel berichtet, die Erinnerung an den Genozid allgegenwärtig. In Kigali weisen zahlreiche Hinweisschilder auf die zentrale Genozidgedenkstätte Gisozi hin, wo Gebeine von rund 250 000 Opfern in großen Kammern bestattet sind und Texte sowie Bilderreihen Entstehung und Verlauf des Völkermordes erklären. Tafeln an öffentlichen Gebäuden und größeren Hotels listen die Namen dort ehemals Beschäftigter aus, die im Frühjahr 1994 ermordet wurden. Und auf dem Land gibt es, schreibt der Autor, kein größeres Dorf, in dem nicht in einen Gebäude – nicht selten unter Zurschaustellung von Gebeinen und Tötungsinstrumenten – oder auf einem Stein der lokalen Völkermord-Toten gedacht wird.

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