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Georg Schreiber : Akten des Reichsprälaten

Reichstagsgebäude in Berlin Bild: AFP

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Georg Schreiber war seit 1920 Reichstagsabgeordneter für Westfalen-Nord und unterrichtete am 23. März 1933 Hitlers Reichsinnenminister Wilhelm Frick darüber, dass das Zentrum dem Ermächtigungsgesetz zustimmen werde. In einer jetzt von Rudolf Morsey edierten Aufzeichnung hielt Schreiber fest, dass er das Votum als „Zeichen einer Partnerschaft“ erläutert habe, „die Vertrauen gegen Vertrauen bekunde“.

          Es soll vorkommen, dass ein Professor eine Ausarbeitung eines Mitarbeiters unter dem eigenen Namen veröffentlicht. Bei dem mit den Initialen R.M. gezeichneten Artikel der „Westfälischen Nachrichten“ vom 6. Dezember 1951, der Rezension des bei Herder erschienenen zweibändigen Werkes „Das Weltkonzil von Trient“, liegt die Sache umgekehrt. Als Autor ausgewiesen wurde der vierundzwanzigjährige Rudolf Morsey, verfasst hatte den Text Prälat Georg Schreiber, emeritierter ordentlicher Professor für Kirchengeschichte und historische Caritaswissenschaft an der Universität Münster. Schreiber kannte das besprochene Werk gut – er war der Herausgeber. Morsey kannte es noch besser – er hatte es Korrektur gelesen. Wie er in einer Fußnote der von ihm zum Druck gebrachten fragmentarischen Lebenserinnerungen des Gelehrtenpolitikers berichtet, hatte er Schreiber zur Ablieferung des Manuskripts nach Freiburg begleitet und im Zug letzte Änderungen eingearbeitet.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          1962 bekundete Schreiber im Dankschreiben für die Glückwünsche Bundeskanzler Adenauers zum achtzigsten Geburtstag die Hoffnung, dass ihm Zeit für die Niederschrift einer „Reihe von Erinnerungen“ vergönnt sein werde. „Es ist so einseitig, wenn junge Historiker nur Akten bearbeiten und übersehen, dass Akten nicht immer eine Seele haben.“ Einer dieser Historiker war Schreibers 1927 geborener früherer Amanuensis, ein anderer der vier Jahre ältere, am 2. April 2017 verstorbene Konrad Repgen. Sie richteten ihre kritische Neugier auf ein Kapitel der Zeitgeschichte, in dem der „Reichsprälat“ eine prominente Rolle gespielt hatte: die Geschichte der Zentrumspartei.

          Schreiber war seit 1920 Reichstagsabgeordneter für Westfalen-Nord und unterrichtete am 23. März 1933 Hitlers Reichsinnenminister Wilhelm Frick darüber, dass das Zentrum dem Ermächtigungsgesetz zustimmen werde. In einer jetzt von Morsey edierten Aufzeichnung hielt Schreiber fest, dass er das Votum als „Zeichen einer Partnerschaft“ erläutert habe, „die Vertrauen gegen Vertrauen bekunde“. Diese Formel habe Frick akzeptiert. Die Zeitgeschichte ist als Geschichte der Mitlebenden auch die Geschichte der Mitredenden – und der Schweigenden. Am 29. März 1958, ein Vierteljahrhundert nach der Abstimmung, sagte Schreiber zu Morsey: „Alles werden Sie nicht erfahren. Ich werde vieles mit ins Grab nehmen.“ Zwei Jahre vorher hatte er seine Ansicht zu einer Frage fixiert, die Morsey und Repgen jahrzehntelang beschäftigen sollte: „Ermächtigungsgesetz und Reichskonkordat hatten nicht das Mindeste miteinander zu tun. Es ist bloße Phantasie und groteske Naivität, hier einen Kausalnexus zu sehen.“

          Sein kritisches Urteil über Morseys Publikationen zum Thema nahm Schreiber nicht mit ins Grab. „Es ist für Sie nicht vorteilhaft, wenn Sie stark in die Kontroverse geraten. Sie kennen nur die Akten.“ Oder: „Mit Ihrem Aufsatz bin ich allerdings nicht einverstanden.“ Morsey fügt hinzu: „Nahezu jeder Autor, der Schreiber eine Veröffentlichung übermittelte, erhielt mit dessen Dank ähnliche ,Zensuren‘ mitgeteilt.“

          Ob ein Autor, der Dankesschulden in dieser Weise abträgt, seinerseits mit Dankbarkeit rechnet, muss wohl unter die Arcana der historischen Caritaswissenschaft gezählt werden. Es ist jedenfalls charakteristisch für die Gewissenhaftigkeit Rudolf Morseys, dass er, der kürzlich seinen neunzigsten Geburtstag beging, es offenbar als Ehrenpflicht empfunden hat, die verstreuten autobiographischen Dokumente seines Mentors zu sortieren, in der ihm eigenen Gründlichkeit zu kommentieren und zu publizieren. Die Pietät steht einer nüchternen Bewertung von Schreibers Leistungen und Grenzen nicht im Weg. Trocken vermerkt Morsey, dass Schreiber sehr wohl auf dem Primat der Akten bestehen konnte, um eine mündliche Mitteilung des früheren Reichskanzlers Heinrich Brüning ins Reich der Fabel zu verweisen.

          Die von Schreiber 1962 erhoffte Muße, seine Lebenslaufbahn im Zusammenhang zu schildern, war ihm nicht beschieden. So sagen die „Akten“ auch im Fall dieses Lebens gewiss nicht alles – aber wie Schreiber sie führte, spricht doch für sich: Der Eindruck drängt sich auf, dass der Vielbeschäftigte, Vielgefragte und Vielgeehrte sich verzettelte. Auf fünfzig Seiten fortlaufenden, aber von Morsey montierten Lebensbericht folgen in der Edition alphabetisch geordnete Stichworte zu Personen und Ereignissen. Viele dieser Bruchstücke sind von Morsey angefertigte Diktate. Sie entstanden im Zusammenhang mit der Arbeit an Schreibers Schriftenverzeichnis zum siebzigsten Geburtstag 1952. In Morseys eigenem Schriftenverzeichnis trägt diese Bibliographie die Nummer 1298, die vorliegende Edition die Nummer 1336 und die Rezension über „Das Weltkonzil von Trient“ die Nummer 7.

          Rudolf Morsey (Herausgeber): Georg Schreiber (1882–1963). Ein Leben für Wissenschaft, Politik und Kirche vom Kaiserreich bis zur Ära Adenauer. Konrad Adenauer Stiftung, St. Augustin 2016. 314 S., kostenlos von der Stiftung zu beziehen.

          Quelle: F.A.Z.

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