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Friedrich Wilhelm von Loebell : Dem Strom der Zeit das Bett abgraben

  • -Aktualisiert am

Friedrich Wilhelm von Loebell Bild: Droste Verlag

Friedrich Wilhelm von Loebells politisches Handeln war an drei Grundprinzipien orientiert, die zum Wesenskern des deutschen Konservatismus der Epoche gehörten. Er trat ein für die Stärkung des Reiches, den Schutz von Monarchie und Staat sowie die Bekämpfung der Sozialdemokratie.

          Das „Hamburger Fremdenblatt“ übte harsche Kritik, als Friedrich Wilhelm von Loebell 1904 Chef der Reichskanzlei wurde. Reichskanzler Bernhard von Bülow habe damit die Reaktion gestärkt. Die Regierung erstrebe jetzt „im Geheimen schon/ die ,Meinung zu organisieren‘,/ Zum Schutze von Altar und Thron/ muss jederzeit das Volk parieren“. Tatsächlich war mit Loebell ein Konservativer reinsten Wassers in ein Spitzenamt des wilhelminischen Deutschland eingerückt, der zwischen 1914 und 1917 sogar als preußischer Innenminister amtierte.

          Dank der von Peter Winzen besorgten Edition liegt jetzt ein stattlicher Teil der politischen Korrespondenz Loebells vor. Sie ist in der Kommentierung vorzüglich geraten, nur erschwert ein lückenhaftes Register die Nutzung. Glücklicherweise hat der Herausgeber den Fokus nicht auf die bekannten Dokumente, sondern halbamtliches Schriftgut gelegt. Es ist streckenweise eine dramatische Lektüre, die insbesondere die Verhandlungen im Kontext von Blockpolitik, Polen-Frage, Finanzreform, Marokko-Krisen und Rüstung nachvollziehbar macht. Als besonders explosives Thema sollte sich während des Ersten Weltkrieges die preußische Wahlrechtsfrage erweisen.

          Loebells politisches Handeln war an drei Grundprinzipien orientiert, die zum Wesenskern des deutschen Konservatismus der Epoche gehörten. Er trat ein für die Stärkung des Reiches, den Schutz von Monarchie und Staat, sowie – eng damit verbunden – die Bekämpfung der Sozialdemokratie. Der SPD war er in besonderer Abneigung verbunden. Die „vaterlandslosen“ Sozialdemokraten arbeiteten gemäß Loebells dichotomischer Weltsicht an der Zersetzung der Monarchie und bedrohten damit das, was vergangene Generationen mühsam erworben hatten. Das Erreichte sollte stattdessen zu imperialer Größe emporwachsen. Während der Marokko-Krise 1911 trat er für eine große Heeres- und Marinevorlage ein, zwei Jahre später betonte er, dass die „ernste Zeit“ Männer nötig mache, die „den Willen zur Tat“ besäßen und eine Politik der nationalen Stärke verfolgten. Im Ersten Weltkrieg warb Loebell für einen Annexionsfrieden.

          Auf den ersten Blick scheint Loebells Biographie die Sonderwegsthese zu bestätigen, wonach die modernitätsfeindlichen Eliten das Kaiserreich auf einer undemokratischen Bahn festhielten und jeglichen Wandel verhinderten. Tatsächlich jedoch reicht dieses Bild nicht aus, um Zeit und Person angemessen zu erfassen. Die Korrespondenz macht vielmehr deutlich, dass eine konservative Politik auch im wilhelminischen Deutschland nicht oktroyiert werden konnte, sondern ausgehandelt werden musste. Sie trug – ständig von einer kritischen Presse begleitet – immer auch die Möglichkeit des Scheiterns in sich. Trotz aller kraftmeierischen Rhetorik verlief Loebells Rüstungsinitiative zunächst im Sande, ebenso wie zuvor seine Forderung nach einer Sondergesetzgebung gegen sozialdemokratische Demonstrationen. Stattdessen plädierte man 1906 im Preußischen Staatsministerium dafür, nur im Rahmen bestehender Gesetze einzuschreiten, um innenpolitische Konflikte nicht noch zu verschärfen.

          Loebell empfand die Epoche der Hochmoderne als eine Zeit krisenhafter Zuspitzung innen- und außenpolitischer Konflikte und sah mit Sorge, wie die „Menge“ auf die politische Bühne drängte. Das rief erhebliche Unsicherheiten hervor, die er mit den genannten Abwehrmaßnahmen zu bewältigen trachtete. Dabei blieb er gleichwohl nicht stehen, sondern bezog das Faktum der politisierten und fragmentierten Gesellschaft – wenn auch widerstrebend – in seine Tätigkeit ein. Besonders deutlich wird das im Umgang mit der Presse, die er als politisches Instrument nutzte. Auch seine Sozial- und Wirtschaftspolitik entzieht sich einer einseitigen Beschreibung als rückwärtsgewandt oder reformfeindlich. Vielmehr erwies er sich hier als Konservativer in der Tradition von Edmund Burke. Dieser hatte 1790 in seinen Betrachtungen zur Französischen Revolution festgehalten, dass die permanente Erneuerung des Staates notwendig sei, um ihn zu erhalten und Umstürze zu verhindern. Zu einem ähnlichen Schluss kam 1910 auch der demissionierte Bülow, nachdem er Hippolyte Taines Darstellung der Revolution gelesen hatte. Er schrieb an Loebell, die „Verbohrtheit der Hofleute“ habe eine Konstitutionalisierung des Ancien Régime verhindert, die doch „der Entwicklung eine andere Wendung“ gegeben hätte.

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