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Freiheit und Einheit : Patriot im schwierigen Vaterland

  • -Aktualisiert am

Peter Brandt (rechts) am 13. März in Berlin Bild: Picture-Alliance

Peter Brandt ist mehr als nur „der Sohn“. Sein Denken in Aufsätzen ist in zwei Bänden gesammelt.

          Peter Brandt, langjähriger Leiter des Lehrgebiets Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der Fernuniversität Hagen, Mitglied der Historischen Kommission der SPD und streitbarer linker Patriot, hat in einem Doppelband fast drei Dutzend Aufsätze wiederveröffentlicht, die er seit 1981 geschrieben und teilweise prominent, zum Teil aber nur an entlegener Stelle publiziert hat. Die Beiträge, weniger auf eigenen Archivstudien als auf der sorgsamen Durchsicht der Literatur basierend, bieten einen guten Überblick über Brandts wissenschaftliches Schaffen und zeigen zugleich, wie sich im Lauf der vergangenen drei Jahrzehnte der Blick auf die „deutsche Geschichte“ gewandelt hat. Der rote Faden der Beiträge ist der „emanzipatorische Strang“ der deutschen Freiheitsbewegungen, der, seit dem Ende der napoleonischen Herrschaft „vielfach durchbrochen“ und „teils verschüttet“, nach Brandts Einschätzung heute doch noch zur Geltung gekommen ist. Insofern bieten die Beiträge sogar eine Art „success story“ im Sinne der Hegelschen List der Vernunft im Willen des Weltgeists.

          Den Ausgangspunkt dieser Tour d’Horizon bilden die Befreiungskriege, der vielbeschworene „Geist von 1813“, das Wartburgfest von 1817 und das Hambacher Fest – Fixpunkte der vagen studentischen Hoffnung auf „Freiheit und Einheit“. Gleich mehrere Beiträge kreisen um diese Aufbruchsjahre. Selbst die gescheiterte Revolution von 1848 hat für Brandt eine positive Seite, wie er in einem nun erstmals gedruckten Vortrag erläutert, denn mit Blick auf Pressefreiheit und Vereinswesen habe sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen lassen: „Eine Rückkehr zu den Zuständen der 1820er und 1830er Jahre fand nicht statt und wäre auf dem gegebenen gesellschaftlichen Entwicklungsniveau kaum möglich gewesen.“

          Sogar zu der unter Bismarck vollzogenen Reichseinigung von 1870/71 macht Brandt, bei allen Hinweisen auf die parlamentarischen Defizite der Reichsverfassung, darauf aufmerksam, dass dieser Schritt aus der Sicht des Bürgertums einen „epochalen Erfolg“ dargestellt hat. Sie ermöglichte die Institutionalisierung des Industriekapitalismus und die Gestaltung einer den bürgerlich-liberalen Prinzipien entsprechenden Rechtsordnung. Und sie förderte die Entwicklung von Wissenschaft und Kultur beziehungsweise behinderte diese zumindest nicht.

          Dass jedoch Brandts Sympathien nicht dem „weißen Revolutionär“ Bismarck gehören, sondern eindeutig bei einem linken Helden jener Jahre, dem Sozialdemokraten August Bebel, liegen, macht ein weiterer Aufsatz klar: Bebel sei unbestritten derjenige gewesen, der „den Geist der Bewegung und dessen Einheit in seiner Person repräsentierte, verehrt und geliebt von der ganzen Partei in allen ihren Strömungen“, und eine Art „charismatischer Gegenkaiser der Arbeitermassen“ gewesen sei.

          Ein Beitrag aus den 1990er Jahren fragt, ob das Deutsche Kaiserreich reformierbar gewesen sei. Brandt erkennt eine zweifellos vorhandene „innenpolitische Dynamisierung“, betont aber eher die hemmenden und retardierenden Momente der ambivalenten Situation vor 1914. Heute werden in der Forschung andere Akzente gesetzt: Neue Arbeiten zum Wahlrecht, zum Beispiel von Margaret Lavinia Anderson, belegen dessen „Erziehungsfunktion“. Selbst wenn es taktisch in erster Linie um die Stärkung des konservativen Wählerpotentials ging, wirkte das Wahlrecht faktisch liberalisierend, demokratisierend und egalisierend.

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