20.11.2011 · Sarah Wagenknecht hat mit ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ ein solides Werk im Genre Agitprop geschrieben. Es munitioniert die Überzeugten.
Von Mechthild KüpperSelbst wenn die Kritik zutreffend und alle vorgeschlagenen Maßnahmen garantiert die richtigen wären, fühlte man sich von Sahra Wagenknechts Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ überwältigt und nicht überzeugt. Etwas netter ausgedrückt: Das Buch gehört zum Genre Agitprop, es munitioniert die Überzeugten. „Obwohl das Grundgesetz der Bundesrepublik Sozialstaatlichkeit gebietet, sind heute die sozialen Kontraste größer als im Kaiserreich“, heißt es knapp auf Seite 139, die Quelle ist das Buch einer Journalistin von 2010. Wer sich mit so etwas zufriedengibt, liest wahrscheinlich selten Bücher.
Jeder Volontär, der ins seriöse Fach strebt, lernt, nicht nur die hässlichen, sondern auch die attraktiven Seiten eines Politikers oder einer Idee zu bedenken. Das Personal aber, das Frau Wagenknecht beschreibt, stammt offenkundig aus der Geisterbahn. Vorgeführt wird der „Totentanz der Finanzgiganten“, „die Hydra der Private-Equity-Haie hebt erneut ihr Haupt“, überall „lauert die Fratze der ShaFreiheit statt Kapitalismus“ reholder-Value-Doktrin“. Wer die Dinge anders sieht als sie oder von ihr missbilligte politische Entscheidungen traf, ist entweder dämlich, niederträchtig oder raffgierig. Ihr Kapitalismus-Bild ist phantasievoll und persönlich und äußerst schlicht: „Heureka, riefen Hans Eichel, der damalige SPD-Finanzminister, und seine mit Ackermanns Bad-Bank-Problem betrauten Staatssekretäre und Ministerialdirektoren, als sie sich mit den Finessen dieses Modells vertraut gemacht hatten. 300 Milliarden Euro faule Kredite zum Verschwinden bringen?“ Wie immer es im Ministerium zuging: so bestimmt nicht.
Aus der schaurig beschriebenen Gegenwart führt Frau Wagenknecht in die lichte Zukunft des Sozialismus; es ist ganz einfach, dorthin zu gelangen: „Auch die private Säule des deutschen Finanzsektors gehört in öffentliche Hand“, heißt es etwa beim Thema Banken. Und da „Versicherungsleistungen ähnlich elementar wie Bankdienste sind“, „gelte“ die Verstaatlichung auch für sie. „Die Frage von Entschädigungen stellt sich in diesem Falle nicht“, findet Frau Wagenknecht, denn die Krise hätten die Banken „ohne Steuermilliarden ohnehin nicht überstanden“. Kleine Privatbanken dürften wiederum die „Veränderung der Eigentumsordnung“ nicht überstehen. Wer mit so leichter Hand den Sozialismus aufbaut, hält es auch nicht für eine Zumutung, die Behauptung, dies werde ein „wettbewerbsorientierter, ein kreativer Sozialismus“ sein, nicht weiter zu belegen.
Der Wagenknechtsche Sozialismus wird häppchenweise verabreicht. Wenige Argumente benötigen mehr als eine Seite, es wimmelt von Zwischenüberschriften, für zitabel gehaltene Sätze werden gefettet gedruckt, mit feinen Strichen rechts und links, als habe man sie mit dem Lineal angestrichen. Das Layout drückt die Verachtung der Autorin für ihre Leser aus: Von diesem Potpourri fühlt sich jeder unterfordert. Wer die Lektüre durchhält, ist von Prosa und Denkungsart à la „Nieten in Nadelstreifen“ am Ende so erschöpft wie von einer Stunde Boulevardzeitunglektüre: „Jobvernichtung und Hungerlöhne, Effizienz durch Ausbeutung, Service und Qualität auf Sinkflug“ - das sind die Zwischentitel der Seiten 258 und 259. Unter „Tödliche Rendite“ fährt eine Seite später abermals die schlimme britische Eisenbahn durch Sahra Wagenknechts Geisterbahn.
Frau Wagenknecht ist wirtschaftspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linkspartei und deren stellvertretende Vorsitzende. Man staunt, wie unpolitisch sie argumentiert: Mit dem guten Alten - dem Ahlener Programm der CDU und den Großen des ursprünglichen „Neoliberalismus“ Walter Eucken, Alfred Müller-Armack, Ludwig Erhard - gegen das schlechte Neue. Was ihr bei den Linksradikalen, denen sie als Ikone dient, als Sünde ausgelegt wird - Erbschaften bis zu einer Million Euro sollen steuerfrei sein - könnte man auch als zeitgenössische Spielart des „Stalinismus als System“ verstehen, denn alles darüber wird zu 100 Prozent versteuert, keineswegs „verstaatlicht, sondern in unveräußerliches Belegschaftseigentum übertragen“. Wie aber Mehrheiten für solche Pläne zu bekommen wären, wie mit Menschen verfahren werden soll, die von den schlichten Analysen und Rezepten nicht überzeugt wurden, davon kein Wort.
Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2011. 366 Seiten, 19,95 €.