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Freidrich Kießling: Die undeutschen Deutschen Im Schrebergarten forscht es sich schlecht

Der Zauber, der allem Anfang innewohnt, lässt mitunter vergessen, dass Kontinuitäten stärker sein können als Zäsuren. Das gilt für Ideen, die nach 1945 in Deutschland fortwirkten.

© Barbara Klemm Vergrößern Dolf Sternberger

Von der ominösen „Stunde null“ ist in der Bundesrepublik nach 1945 mehr als einmal die Rede gewesen. Weil durch Krieg und Gewaltherrschaft alles zerstört worden sei, habe man buchstäblich vor dem Nichts gestanden. So lautet die Kurzfassung der erbaulichen Geschichte vom unbedingten Neuanfang. Sie ließ den rasanten Aufstieg Westdeutschlands umso respektabler erscheinen. Und auch die wunderbare Welt der Adenauer-Zeit funkelte vor diesem Hintergrund nur noch prächtiger. Genau das war der Effekt, auf den diese frühe Meistererzählung der Bonner Republik, an der einflussreiche Publizisten und Intellektuelle mitschrieben, angelegt war. Karl Jaspers betonte in seiner polemischen Wortmeldung „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ noch 1966, wie notwendig „Abbruch der Kontinuität, Distanz, der Sprung zum neuen Anfang“ nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen seien.

Nun weiß die Geschichtswissenschaft nicht erst seit gestern, dass es den totalen Bruch selten gibt - aller Beschwörung des Neubeginns zum Trotz. Der Zauber, der allem Anfang innewohnt, mag mitunter vergessen lassen, dass Kontinuitäten stärker sein können als einzelne Zäsuren. Dies zu verdrängen ist therapeutisch gewiss heilsam. Die Aufgabe des Historikers besteht allerdings darin, im Wechsel alles Menschlichen auch das Bleibende zu ergründen. Insofern ist es naheliegend, dass Friedrich Kießling in seiner ideengeschichtlichen Studie gezielt nach den Kontinuitäten fahndet, die über die vieldiskutierte Epochenscheide 1945 hinausreichen. Er findet sie in den intellektuellen Debatten, die in den fünfziger und sechziger Jahren um Staat und Demokratie, das Problem der Moderne und geopolitische Konzepte kreisten.

Ein solches Vorgehen ist umso mehr zu begrüßen, als die Forschung lange Zeit den Akzent auf die historischen Brüche gelegt hat, die die junge Bundesrepublik vollzog. Das gilt etwa mit Blick auf die außen- und sicherheitspolitischen Weichenstellungen, die Konrad Adenauer gegen mancherlei Widerstände durchgesetzt hat. Erst recht gilt dies für die Annäherung an den Westen, die viel weiter reichte, als es der Siegeszug von Fastfood und Bluejeans im Nachhinein erkennen lassen. Denn der steigende Konsum von Coca-Cola und Hamburgern war nur Ausdruck einer inneren Transformation der Gesellschaft, die in ihren langfristigen Wirkungen gar nicht überschätzt werden kann. Was sich dabei Bahn brach, war eine deutsche Adaption jenes amerikanischen consensus liberalism, der sich seit dem New Deal zur neuen Staatsidee der Vereinigten Staaten entwickelt hatte. Ihre Grundbestandteile: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Eigentumsgarantie waren aus deutscher Sicht zwar eigentlich alte Bekannte. Neu jedoch war der Umstand, dass der Konsensliberalismus nicht mehr der traditionellen Vorstellung eines Nachtwächterstaates anhing, sondern dem Staat eine aktive Rolle zubilligte - sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Sozialpolitik.

Tatsächlich war der deutsche Wiederaufbau von Tradition und Innovation zugleich geprägt. Insofern rennt Kießling mit seiner These, die Bundesrepublik verdanke ihren Erfolg nicht unwesentlich dem Rückgriff auf politische Konzepte aus der Zwischenkriegszeit, im Grunde genommen offene Türen ein. Für eine Studie, deren Anspruch darin liegt, die „westdeutschen Ideenwelten“ neu zu vermessen, ist das keine besonders günstige Voraussetzung. Es sind denn auch vor allem alte Bekannte, die dem aufmerksamen Leser begegnen. Ein „vieldimensionales historisches Bezugsgeflecht zwischen Zweitem Weltkrieg, Drittem Reich, Weimarer Republik und spätem Kaiserreich“, so stellt Kießling heraus, habe die Bonner Republik geprägt. Was unzweifelhaft richtig ist, aber belanglos bleibt, solange nicht deutlich wird, welche Dimensionen konkret gemeint und wie die symptomatischen Verschiebungen innerhalb des Bezugsgeflechts zu erklären sind. Ob das anhand einer Inhaltsanalyse von vier kulturpolitischen Zeitschriften (“Die Wandlung“, „Der Ruf“, „Merkur“, „Frankfurter Hefte“) möglich ist, darf nach der Lektüre des Buches bezweifelt werden. Zumal zwei von ihnen bereits 1949 wieder eingestellt wurden.

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Veröffentlicht: 04.11.2012, 15:40 Uhr

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