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Fred Pearce: Land Grabbing Destruktive Folgen

Fred Pearce, reiseerfahrener Wissenschaftsjournalist aus Großbritannien, schildert in seinem informationsgesättigten Bericht über das Land Grabbing eine andere Art der Globalisierung.

© AFP Vergrößern Exzessives Abholzen auf der Insel Sumatra, die zu Indonesien gehört (August 2010).

Die meisten wirtschaftlichen und politischen Vorgänge, die eine gewisse Größenordnung übersteigen, lassen sich heute nur noch in ihren globalen Kontexten erkennen und analysieren. Probleme, die sie bewältigen wollen, wie Hunger, Armut und Krieg, und Probleme, die sie schaffen, also auch Hunger, Armut und Krieg, kann man nicht mehr nur lokal oder regional definieren. Nun sind heute romantisierende Metaphern der Globalisierung zu Recht ein wenig aus der Mode geraten: vom Raumschiff Erde und dem global village sprechen nur noch Graubärte beiderlei Geschlechts. Und auch der Begriff der Weltgesellschaft - einst auf elegante Weise von Niklas Luhmann postuliert - stolperte über seine eigenen appellativen Füße. Globalisierung als „Kampf der Kulturen“, da ist schon mehr dran, wenn auch auf ganz andere Weise, als von Samuel Huntington beschrieben.

Fred Pearce, reiseerfahrener Wissenschaftsjournalist aus Großbritannien, schildert in seinem informationsgesättigten Bericht über das Land Grabbing eine andere Globalisierung. Symbolisiert wird sie etwa durch die Mobilfunkmasten, auf die er auch in den entlegendsten Gebieten der Erde gestoßen ist, ob in Patagonien oder Papua-Neuguinea. Freilich sind das nur die äußeren Symbole, die Hardware. Was über sie an Daten und Aktionen läuft, darauf kommt es an.

Der Anglizismus Land Grabbing klingt etwas übertrieben nach Kriminalität und Mafia, der deutsche Ausdruck Landnahme hingegen eher zu harmlos. Benannt wird damit die umstrittene Aneignung von Landbesitz oder Landnutzungsrechten in großem Stil durch Ausländer oder andere Fern-Besitzer, unabhängig davon, ob dieser Vorgang auf legalen Wegen abläuft oder nicht. Wenn die Globalisierung bewirkt, dass „der Erdball schrumpft“ (auch so eine der etwas zu eingängigen Metaphern), im Übrigen die Erdbevölkerung gleichzeitig weiter anwächst, dann liegt der Schluss nahe, dass die Ressource Land immer wertvoller wird. Zumal diese Ressource zahlreiche existentielle Aufgaben zugleich erfüllt: Nahrungsmittelproduktion, Erhaltung der Biodiversität, Abmilderung von Umweltschäden, Selbstregeneration.

Die von Pearce hier in deprimierender Übersichtlichkeit zusammengestellten Entwicklungsvorgänge um die Ressource Land auf verschiedenen Kontinenten während der vergangenen Jahre laufen darauf hinaus, dass hier etwas Elementares in Unordnung geraten ist. Und das nicht etwa, weil irgendwelche „Bösen“ (Spekulanten, Kapitalisten, schwache Regierungen, reiche Leute an sich) solche Unordnung planen und zielbewusst herbeiführen würden. Dieses Attac- und Occupy-Weltbild ist von bestrickender Simplizität, aber beschränkt, selbst wenn ein paar Punkte davon nicht zu widerlegen sind. Stattdessen kommt es, weil verschiedene Akteure, oft mit den besten Absichten, ihre jeweiligen Interessen verfolgen, zu Nebenfolgen, die in ihrer Summe viel mehr zu Buch schlagen als die primären Ziele.

Das schlagendste Beispiel der jüngsten Zeit ist der Biosprit, dessen Kosten für die Welt den propagierten Nutzen bei weitem übersteigen. Die industrialisierte Landwirtschaft (“Fabrik ohne Dach“) und das globale Agri-Business sind eine Antwort auf die gestiegene Nachfrage nach Nahrungsmitteln. Die ist zweifellos vorhanden und kann nicht einfach ignoriert werden. Landwirtschaftliche Kleinbetriebe gelten als unfähig, genügend Nahrung zu produzieren. Ob das wirklich stimmt, darüber streiten die Fachleute. Unübersehbar aber ist, dass die industrielle Landwirtschaft riesige Naturgebiete wie die Cerrados in Brasilien oder (im Falle der industriellen Holzwirtschaft) den Regenwald auf Sumatra verdirbt. Sie zieht die transnationale Spekulation an. Sie zerstört nachhaltige soziale Strukturen indigener Bevölkerungen und Natur-Mensch-Balancen. Die gigantischen Monokultur-Farmen, im Vergleich zu denen die Güter der ostelbischen Junker Mini-Klitschen waren, versprechen große Gewinne, egal, ob Mais, Soja, Zucker, Weizen oder Ölpalmen (oder Akazien) angebaut werden. Die Regierungen von landreichen Staaten willigen nur zu gern in Landverkäufe riesigen Ausmaßes ein, weil dieses Land angeblich unbenutzt ist und weil sie sich davon eine Modernisierung der Nahrungsmittelproduktion versprechen.

Unbenutztes Land aber gibt es nicht, nirgends. Nur unterschiedlich intensiv genutztes. Die Nutzarten differieren, ob es sich um wandernde Viehhirten in der Savanne handelt, um Jägervölker im Urwald, um Karawanenhändler in der Wüste oder um eine 42 000 Hektar große Farm, auf der 180 Mitarbeiter beschäftigt sind. Die positiven Auswirkungen der Nutzungsintensivierung der Erde sind heute noch ungewiss. Jedoch bestehen kaum Aussichten, die zwiespältigen bis destruktiven Folgen der Land-Grabbing-Globalisierung abzuwenden.

Fred Pearce: Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden. Verlag Antje Kunstmann, München 2012. 397 S., 22,95 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.11.2012, 15:40 Uhr

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