Eine vielseitig begabte Frau, die sich alle möglichen Zeitströmungen anverwandelte, ohne in einer von ihnen ganz heimisch zu werden: Das Leben der Philosophin, Schriftstellerin, Musikerin und Verbandsaktivistin Lenore Kühn (1878-1955), von ihrem Großneffen mit Sympathie und apologetischer Tendenz erzählt, lässt den Leser einigermaßen ratlos zurück.
Denn Detlef Kühns Biographie vereint Facetten, die auf den ersten Blick schwer zusammenpassen: Als Schülerin des Neu-Kantianers Rickert war sie eine der ersten promovierten Philosophinnen in Deutschland; mit Kant wollte sie Einsteins Relativitätstheorie widerlegen. Die Verehrung für Goethe und Nietzsche verband sie mit eifrigstem Nationalismus. Sie trat für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein, die sie nicht mit dem Ideal von Mutterschaft begründete, sondern - nicht zuletzt vor dem Erfahrungshintergrund zweier gescheiterter Ehen - mit dem Anspruch einer berufstätigen, um Emanzipation ringenden Frau.
Juden hielt sie für Deutschlands Übel, aber ihr Antisemitismus war - wie der Autor im Bemühen um Schadensbegrenzung betont - nicht biologischer, sondern „nur“ kulturell-religiöser Natur. In den frühen dreißiger Jahren engagierte sie sich in der DNVP, war in rechts orientierten Frauenverbänden aktiv und hing der „Deutschen Glaubensbewegung„ an, die das vermeintlich „orientalische“ Christentum durch eine Schrumpf-Religion „germanischen“ Ursprungs ersetzen wollte.
Lenore Kühn erzielte ihren größten publizistischen Erfolg anonym mit dem Sexualratgeber „Die Schule der Liebe“. Tucholsky widmete ihm eine boshafte Rezension und zog den schwülstigen Stil ins Lächerliche. Damit traf er jenen Nerv, der auch heute die Lektüre von Werken wie „Das Buch Eros“, „Frauenkraft in der Kulturgeschichte der Menschheit“ oder „Magna Mater“ schwer erträglich macht: Es sind der hohe Ton und die Abwesenheit von Selbstironie.
Immerhin bezahlte Lenore Kühn ihr vielfältiges, nicht unbedingt kohärentes Engagement mit einem Außenseitertum, das sie zeitweise an den Rand der Armut führte und von der Unterstützung durch Bekannte abhängig machte, darunter Elisabeth Förster-Nietzsche. Die historische Forschung, die sich in den vergangenen Jahren vermehrt mit Vertreterinnen rechts-konservativer und rechtsnationaler Politik beschäftigt hat, trifft in Lenore Kühn auf die Exponentin einer Weltanschauung, in der Aufklärung, Germanentum, Nationalismus und sexuelle Emanzipation eine heute bizarr wirkende Synthese eingingen.
Detlef Kühn: Lenore Kühn. Eine nationale Mitstreiterin der Frauenbewegung. Cardamina Verlag, Plaidt 2010. 152 Seiten, 15,- €.