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Franz von Papen 1933/34 : Vizekanzlei-Gruppe gegen Hitler

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Bild: Abb.a.d.bespr.Band

Franz von Papen ließ sich nicht nur von Hitler manipulieren, sondern wohl auch von seinen Vertrauten. So gelang es einer in der alten Bürokratie der Reichshauptstadt gut vernetzten Gruppe, die Etablierung der Vizekanzlei als Behörde durchzusetzen.

          Gab es bereits 1933/34 und damit zehn Jahre vor dem „20. Juli“ eine Verschwörergruppe, die auf den Sturz Hitlers hinarbeitete? Eine Gruppe, die mit Hilfe von Reichspräsident und Reichswehr den eskalierenden Konflikt zwischen Röhms renitenter SA und der Armee für einen Regimewechsel nutzen, den Ausnahmezustand ausrufen lassen, die braune Diktatur beenden und eine Übergangsregierung etablieren wollte, die wieder zu Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit ohne Rassenwahn und Rassenhass zurückkehren sollte? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der monumentalen, von Michael Wildt betreuten Dissertation von Rainer Orth.

          Der Autor beantwortet sie mit einem entschiedenen Ja. Seine Antwort, die zugleich einschließt, dass hier eine Gruppe von der zeitgeschichtlichen Forschung übersehen, mindestens aber stiefmütterlich behandelt worden ist, stützt sich auf eine akribische Materialsuche, die bis in die Sonderarchive nach Moskau führte – allein die Anmerkungen, bisweilen regelrechte Miniaturnovellen, umfassen rund 300 Seiten. Auch bei Orth stehen – wie schon bei Wildts „Generation des Unbedingten“ – Biographien jener um 1900 Geborenen, von Krieg, Niederlage und Nachkriegswirren Gezeichneten, Aufgeladenen im Zentrum, verknüpft mit der Geschichte einer Institution. Nur geht es diesmal nicht um das Reichssicherheitshauptamt, sondern um das Vizekanzleramt unter Franz von Papen.

          1933/34 war zum ersten und einzigen Mal in der deutschen Geschichte das Amt des Vizekanzlers mit einem eigenen Apparat, einer Art Ministerium mit rund fünfzig Mitarbeitern ausgestattet – und zwar als oberste Reichsbehörde. Wie es dazu kommt, ist bereits ein wichtiger Teil des ebenso dramatischen wie spannenden Geschehens, das Orth vor uns entfaltet und das nicht nur in den Eingangspassagen an einen Kriminalroman erinnert – die Brutalität, der wir begegnen, und das Blut, das hier fließt, sind allerdings echt. Um Leben und Tod geht es vom Anfang bis zum Schluss – und um politisches „Networking“. Man sollte dabei nicht den Fehler machen, das Buch aus der Hand zu legen, wo es scheinbar endet, im Sommer 1934, sondern auch jene mit „Nachlese“ überschriebenen Kapitel anschauen, wo der weitere Weg vieler Beteiligter skizziert wird. Man wird erschreckt feststellen: Nur wenige entkamen dem mörderischen Mahlstrom des „Dritten Reiches“.

          Ganz besonders gilt das für die engsten Mitarbeiter des Vizekanzlers. „Qui mange du Papen, en meurt“ (Wer bei Papen speist, stirbt), sagten damals diplomatische Beobachter des Geschehens mit gutem Grund – drei seiner neun wichtigsten Mitarbeiter, um die es bei Orth vor allem geht, wurden von Gestapo und SD erschossen. Papen, dieser Anti-Midas ohne festen moralischen Kompass, der voller Opportunismus und Geltungssucht alles, was er politisch anfasste, verhunzte und verbockte, hielt ergreifende Totenreden und blieb doch weiter im Dienst der Mörder, als wäre nichts geschehen.

          Aber immerhin, er hatte diese Mitarbeiter versammelt, hatte sie sich 1932 und Anfang 1933 anempfehlen lassen von seinen Beratern, dem „Jordans-Kreis“, dem preußischen Herrenclub, Paul Reusch oder dem schlesischen Industriemagnaten Nikolaus von Ballestrem. Seine Mitarbeiter, fünf von Adel, vier großbürgerlich, waren wie ihre nationalsozialistischen Gegenspieler von SD und SS jung – um die dreißig. Die wichtigsten waren Herbert von Bose, der Ghostwriter Edgar Jung, Wilhelm von Ketteler und der persönliche Adjutant Fritz Günther von Tschirschky, die meisten nach der Weltkriegniederlage früh antirepublikanisch aufgeladen mit Erfahrung in Freikorps und Nachrichtendiensten. Bose hatte unter Hauptmann Papst in der Garde-Kavallerie-Schützen-Division gewirkt, ohne allerdings unmittelbar mit der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Verbindung gebracht worden zu sein; Jung hatte bei einem politischen Attentat auf einen Separatistenführer einen Streifschuss abbekommen.

          Zauberlehrlinge waren diese jungkonservativen Antidemokraten allesamt. Voll Verachtung für Massen, Wahlen, Demokratie – dass die Nationalsozialisten seit 1930 immer mehr Wähler anzogen, war ihnen nur eine Bestätigung –, hatten sie dem antidemokratischen Denken den Boden bereitet. Jung hatte 1927 sogar den Bestseller geschrieben, der der Zeit das Etikett aufdrückte: „Die Herrschaft der Minderwertigen“. Die braunen Geister allerdings, die sie mit heraufbeschworen hatten, wollten sie 1933/34 so schnell wie möglich wieder loswerden – unter dem Eindruck der realen Diktatur wandelten sie sich zu Vernunftrepublikanern, öffneten sich sogar der verfolgten SPD.

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