http://www.faz.net/-gpf-8wju1

Franz Pfeffer von Salomon : Begabt zu sein macht’s nicht allein

  • -Aktualisiert am

Bild: Abb.a.d.bespr.Band

Mark Fraschka hat sich die Aufgabe gestellt, den preußischen Hauptmann und hochdekorierten Frontoffizier des Ersten Weltkriegs Franz Pfeffer von Salomon der Vergessenheit zu entreißen, der ein lebensweltliches Kontrastprogramm zum Typus des ungehobelten Draufgängers im SA-Führerkorps darstellte.

          Die Bedeutung der nationalsozialistischen „Sturmabteilung“ (SA) für den politischen Aufstieg der Hitler-Partei ist unbestritten. Als gewaltbereiter Schlägertrupp sollte die SA den politischen Gegner einschüchtern – und dazu scheint auch das SA-Führerkorps perfekt zu passen: eine Ansammlung von Rauhbeinen und finsteren Gesellen, deren Gesicht Ernst Röhm war, der vierschrötige SA-Stabschef, der geradezu lustvoll gegen bürgerliche Normvorstellungen verstieß.

          Der Schatten Röhms und seiner Landsknechtsnaturen hat allerdings verdeckt, dass es ein anderer war, der die SA zu einer schlagkräftigen organisatorischen Einheit zusammenschweißte und Hitler damit ein veritables innerparteiliches Machtinstrument zur Verfügung stellte: der westfälische Adlige Franz Pfeffer von Salomon. Von 1926 bis 1930 schuf er als „Oberster SA-Führer“ (Osaf) die strukturellen Grundlagen dafür, dass die „braunen Bataillone“ immer mehr den öffentlichen Raum in Besitz nahmen. Mark Fraschka hat sich die verdienstvolle Aufgabe gestellt, den preußischen Hauptmann und hochdekorierten Frontoffizier des Ersten Weltkriegs der Vergessenheit zu entreißen, der durch seinen Bildungsgrad und seinen Familiensinn ein lebensweltliches Kontrastprogramm zum Typus des ungehobelten Draufgängers im SA-Führerkorps darstellte.

          Dass ihm dieses Unterfangen nur partiell geglückt ist, hängt nicht nur mit der schwierigen Quellenlage zusammen. Gewiss erschwert der Verlust nahezu sämtlicher persönlicher Unterlagen Pfeffers eine historische Annäherung an diese Gestalt. Aber es fällt negativ ins Gewicht, dass der Verfasser das heuristische Potential nicht ausschöpft, welches sein Untersuchungsgegenstand offeriert. Dabei hat er zu einer auf der Hand liegenden Leitfrage durchaus überzeugende Antworten parat: Der 1888 geborene Pfeffer hatte durch die Erfahrungen der Kriegsniederlage und der revolutionären Unruhen die altkonservative Gesinnung seines Standes über Bord geworfen und sich zu einem völkischen Nationalisten entwickelt, dessen zweite Natur der Kampf gegen den inneren und äußeren Feind geworden war. Daher zählte Pfeffer auch zu den Freikorpsführern der ersten Stunde, der vor allem in den beiden Haupteinsatzgebieten dieser paramilitärischen Einheiten seine Spuren hinterließ: im Baltikum und in Oberschlesien. Ähnlich wie die Freikorpsführer Ehrhardt und Roßbach gelang es Pfeffer, einen auf ihn eingeschworenen Verband zu formieren und damit das Charisma des Condottiere zu mobilisieren.

          Doch Pfeffer ging nicht in der Rolle des Anführers auf, der seine Männer in waghalsige militärische Abenteuer schickte. Fraschka arbeitet heraus, dass Pfeffer – und hierin unterschied er sich von nahezu allen anderen Freikorpsführern – eine genuin politische Begabung besaß, die vor allem auf seinem ausgeprägten Organisationstalent beruhte. An diesem Punkt liefert Fraschka künftiger Forschung wertvolle Anhaltspunkte, weil der Aufstieg der SA zu einer furchteinflößenden Truppe bislang viel zu wenig unter organisatorischen Aspekten beleuchtet wurde. Hier zeigte sich die Handschrift des Generalstäblers Pfeffer, der durch ein System verbindlicher schriftlicher Anweisungen nicht nur eine schließlich 80 000 Mann zählende „Sturmabteilung“ aufbaute, sondern sich mit demselben Stil von 1924 bis 1926 als einer der frühen Gauleiter der NSDAP und ihrer Vorläuferorganisationen in Westfalen profilierte.

          Weitere Themen

          Luthers Judenhass und die Pogrome

          Kritik am Reformator : Luthers Judenhass und die Pogrome

          Bis heute fällt es Protestanten schwer, den Reformator als den zu sehen, der er auch war: ein Hetzer gegen die Juden. Seine Schriften wirkten bis ins Deutschland der Nationalsozialisten. Ein Gastbeitrag.

          Was Freisler an Amerika schätzte

          Nürnberger Gesetze von 1935 : Was Freisler an Amerika schätzte

          Haben Hitlers Juristen bei ihrem Vorgehen insbesondere gegen jüdische Deutsche ausgerechnet bei der amerikanischen Gesetzgebung gegen Schwarze und andere rassische Minderheiten Anleihen gemacht? Haben sie sich gar von der genuin amerikanischen Rechtstradition anleiten lassen?

          Spaniens gestohlene Babys Video-Seite öffnen

          Kinder gegen Geld : Spaniens gestohlene Babys

          Hinter dem systematischen Babyraub steckt ein perfides Netzwerk aus Ämtern, Ärzten und der Kirche. Was politisch motiviert in der Zeit der Franco-Diktatur begann, entwickelte sich zu einem lukrativen Geschäft. Bis in die 1990er Jahre verschwanden knapp 300.000 Babys und wurden an kinderlose Eltern verkauft. Die spanische Regierung schweigt.

          Topmeldungen

          Berthold Albrechts Witwe Babette kämpft im Rechtsstreit bei Aldi Nord um ihren Einfluss (Bild aus dem Jahr 2015)

          Gerichtsverfahren : Machtkampf bei Aldi Nord geht weiter

          Vor Gericht streiten die Firmenerben von Aldi Nord weiter um ihren Einfluss auf die Führung des Discounters. Wie steht es um die Entscheidung im Machtkampf der Nachfahren von Theo Albrecht?

          Schwierige Regierungsbildung : Die Verantwortung der SPD

          Die Sozialdemokraten stehen vor einem entscheidenden Wendepunkt. Solange Jamaika möglich war, sprach nichts gegen konsequente Opposition. Doch jetzt sieht die Lage anders aus. Ein Kommentar.

          Kampf um CSU-Spitze : Seehofer und der verdrehte Kalender

          Einigen in der CSU reißt langsam der Geduldsfaden. Doch Vorsitzender und Ministerpräsident Horst Seehofer bestimmt immer noch selbst, wann was entschieden wird. Ein Beraterkreis soll helfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.