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Frank-Walter Steinmeier : Vom kleinsten Kreis, der alles weiß . . .

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Außenminister Steinmeier auf dem Flughafen von Ho-Chi-Minh-Stadt am 1. November 2016 Bild: dpa

Sebastian Kohlmann ist überzeugt, Frank-Walter Steinmeier müsse „aufgrund seiner zahlreichen führenden Positionen in der SPD und der Art und Weise, wie er diese ausfüllte, als einer der einflussreichsten, wenn nicht sogar als der einflussreichste Sozialdemokrat der letzten zwei Jahrzehnte angesehen werden“. Angesichts des Gesamtinhalts der Biographie, erst recht aber der parteipolitischen deutschen Wirklichkeit ist dies ein vergiftetes Lob.

          Was ist von einem Buch zu halten, auf dessen letzter Seite der Name des Titelhelden nach Abertausenden Nennungen schließlich doch falsch geschrieben wird als Frank-Walther Steinmeier? Ist nach jahrelanger Arbeit an dem Werk die Kraft seines Verfassers erschöpft gewesen, war die Aufmerksamkeit des Verlagslektors am Ende, oder ist es letztlich gleichgültig, ob der Vorname richtig buchstabiert ist, weil ohnehin jeder den Namen des amtierenden Bundespräsidenten zutreffend kennt? Sebastian Kohlmann hat „eine politische Biographie“ vorgelegt. Dieser Satz gibt die Wirklichkeit jedoch nur einschichtig wieder. Tatsächlich sind drei Ebenen in Betracht zu ziehen. Die erste: Die Lebensbeschreibung ist keine schriftstellerische oder journalistische, sondern eine wissenschaftliche Arbeit zur Erreichung des Doktorgrades an der Georg-August-Universität Göttingen. Nach den Gepflogenheiten dürfte dies Quellentreue, Genauigkeit der Darstellung und Begründetheit der Urteile geprägt haben. Das Wort „politisch“ im Untertitel ist demnach in erster Linie als „politikwissenschaftlich“ zu verstehen. Auf der zweiten Ebene ist „politisch“ als „parteipolitisch“ zu deuten, denn der Verfasser ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung als Referent in Diensten der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn tätig, welche derselben Partei nahesteht, die Steinmeiers Karriere ermöglicht und getragen hat. Daher ist eher mit einer freundlichen als mit einer unterschwellig ablehnenden Darstellung zu rechnen.

          Eine dritte Ebene des Politischen zog in die Darstellung ein, als Steinmeier am 12. Februar dieses Jahres zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Von da an stand nicht mehr die Person eines aktiven Außenministers und Parteipolitikers im Vordergrund, sondern eines Staatsoberhauptes. Wer das Buch noch lesen will, sucht nicht die Stärken und Schwächen eines Chefdiplomaten und einstigen Staatssekretärs oder Fraktionsvorsitzenden kennenzulernen, sondern Anhaltspunkte für die präsidiale Amtsführung der nächsten Jahre zu gewinnen. Wie umfangreich der Schriftsatz für die Druckfassung retuschiert wurde, ist nicht festzustellen, jedoch bisweilen zu vermuten.

          Wer eine Dissertation zur Hand nimmt, darf auch nach den Zitaten und deren Quellen schauen. Inmitten eines längeren Textstückes findet sich dieser bemerkenswerte Satz: „Wir müssen auf das vermeidlich Unwahrscheinliche vorbereitet sein: die Emanzipation der Menschen in der Ukraine, in China, in Russland und anderswo.“ Dieser Steinmeier zugeschriebene Satz ist offenkundig so fehlerhaft und sinnentstellend wiedergegeben, dass der Leser das anhand der Fußnote sogleich auffindbare Original zu Rate ziehen sollte. Es handelt sich um das Vorwort des Bundesaußenministers zum Band 30 des „Jahrbuch Internationale Politik“, der 2014 erschienen ist. Da aber zeigt sich, dass Kohlmann richtig zitiert hat, freilich ohne den Fehler zu bemerken. Auch die Herausgeber des Jahrbuchs haben den ministeriellen Text nicht korrigiert; sogar das Auswärtige Amt scheint die Fassung des Ministertextes freigegeben zu haben, ohne den offensichtlichen Hörfehler beim Diktat zu verbessern.

          Die „Emanzipation der Menschen in der Ukraine, in China, in Russland und anderswo“ mag für die deutschen Diplomaten und sonstigen Außenpolitiker – wen sonst muss der deutsche Außenminister zum Umdenken ermahnen, doch nicht die französischen, italienischen und ungarischen Kollegen? – „unwahrscheinlich“ gewesen sein. Doch warum das Freiheitsstreben der Ukrainer, Chinesen oder Russen, „vermeidlich“ – also vorzugsweise zu vermeiden – sein sollte, bleibt so lange rätselhaft, bis endlich jemand dieses „vermeidlich“ zu „vermeintlich“ verbessert. Der hier zugegebenermaßen kleinlich zurückverfolgte Fehler zeigt allerdings die Systemanfälligkeit der hochfahrenden Steinmeierschen Sprache mit ihren zahllosen Mahnungen und Weckrufen in Dingen, die anderswo nicht nur bereits wahrgenommen, sondern oft auch schon verarbeitet sind. Symptomatisch ist die Rolle, die das Auswärtige Amt unter Steinmeier als Frühwarnsystem für die Bundespolitik in der Migrationskrise des Jahres 2015 ausgefüllt beziehungsweise nicht ausgefüllt hat.

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