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Flucht aus Syrien : Katastrophe im Mittelmeer

  • -Aktualisiert am

Ein Flüchtlingsboot aus Holz im Landesmuseum in Hannover Bild: dpa

Doaas anrührende und Betroffenheit auslösende Geschichte ist so, wie Melissa Fleming sie aufbereitet hat, zu einer Art Erbauungsbuch der Willkommenskultur geworden. Der Resonanzraum für solche Literatur ist begrenzt.

          Vor einiger Zeit ging die Fluchtgeschichte von Doaa Al Zamel aus dem syrischen Dara’a durch die „Vermischten Nachrichten“ der Weltpresse. Sie war eine der wenigen Überlebenden eines völlig überladenen Flüchtlingsschiffes, das von Schleppern im Mittelmeer leck geschlagen wurde und unterging. Danach vergingen vier Tage und Nächte, bis sie gerettet wurde. Doaa war damals 19 Jahre alt. Sie und ihr Verlobter Bassem hatten sich von ihrer Flucht übers Mittelmeer ein neues Leben in Europa versprochen, weit fort von der täglichen Todesfurcht im syrischen Bürgerkrieg und der Trübseligkeit ihrer Flüchtlingsexistenz in Jordanien und Ägypten. Bassem aber ertrank im Meer, ebenso wie Hunderte anderer Flüchtlinge. Doaa überlebte und konnte sogar auch ein palästinensisches Kleinkind vor dem Tod bewahren. Dessen Eltern hatten es ihr anvertraut, kurz bevor sie selbst im Wasser starben. Heute lebt Doaa in Schweden, wohin sie ihre Eltern und Geschwister nachholen durfte. Das Trauma ihrer Flucht mag dadurch gelindert sein. Überwunden ist es noch lange nicht.

          Was seinerzeit kurzfristig Aufmerksamkeit erregt hat, die aber doch, wenn auch begleitet von Mitleid und spontaner Hilfsbereitschaft, ganz oberflächlich blieb, ist nun von Melissa Fleming zu einem dokumentarischen Bericht verarbeitet worden. Die Geschichte der Lebensumstände von Doaa und ihrer Familie seit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs Anfang 2011 ist ein deprimierender Lesestoff. Den Konflikt zwischen dem immer schon brutalen Assad-Regime und der zunächst auf einen „syrischen Frühling“ hoffenden Opposition, darunter viele junge Menschen, stellt Fleming nicht in sozialkultureller und politischer Perspektive dar, sondern auf der rein menschlichen Ebene anhand der sich rapide verschlechternden Lebensbedingungen der im Grunde unpolitischen syrischen Handwerker-Familie Al Zamel.

          Der Vater hat ein kleines Friseurgeschäft in Dara’a. Je mehr die Stadt in die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und oppositionellen Milizen hineingezogen wird, desto schwieriger wird es für ihn, seine Familie zu ernähren. Alle Versuche, sich im Schatten des Krieges einzurichten, scheitern letztlich, trotz der Hilfe von Verwandten und Freunden. So erscheint Doaa und ihrem tatkräftigen Verlobten das Asyl in Europa bald als letzte Hoffnung. Bei der Vorbereitung ihrer Fahrt über das Mittelmeer werden sie zunächst mehrfach von Schleusern betrogen. Die Flucht selbst führt dann in eine fürchterliche Katastrophe.

          All diese Ereignisse und auch der Überlebenskampf im Wasser werden aus der Sicht von Doaa dargestellt, deren Mut und Ausdauer man nur bewundern kann. Auch die Rettungskräfte, die gerade noch rechtzeitig zur Stelle waren, werden von Fleming zu Recht mit viel Sympathie beschrieben. Um das alles ins rechte Licht zu setzen und die öffentliche Wahrnehmung der syrischen Flüchtlinge im Sinne der UN-Flüchtlingshilfe positiv zu verändern, hat Melissa Fleming dieses Buch geschrieben. Gewiss ein ehrenwertes Motiv. Man braucht aber nicht einmal besonders allergisch gegen die inzwischen von vielen humanitären Organisationen hochgradig professionalisierte Spendenwerbung zu sein, um zu bedauern, dass die Autorin Doaas Geschichte weitestgehend eindimensional erzählt, nämlich so, als könnten Appelle an mitmenschliche Hilfsbereitschaft und Solidarität die strukturellen Konflikte, die den geschilderten Ereignissen zugrunde liegen, überwinden.

          Doaas anrührende und Betroffenheit auslösende Geschichte ist so, wie Fleming sie aufbereitet hat, zu einer Art Erbauungsbuch der Willkommenskultur geworden. Der Resonanzraum für solche Literatur ist begrenzt. Wer etwa Asylsuchende aus islamischen Ländern für schwierig zu integrieren hält oder, gröber und simpler, für eine kulturelle Bedrohung, wird sich durch Doaas Geschichte im Sinne der Autorin und des UN-Generalsekretärs Guterres möglicherweise kurzfristig rühren lassen. Aber seine Einstellung zu Asyl und Migration wird er nicht wirklich verändern. Trotzdem sei gerade solchen Zweiflern die Lektüre empfohlen.

          Auf einem Foto des Buches sieht man Doaa, ihre beiden Schwestern und ihren Bruder dick eingemummelt im Schnee vor ihrem neuen Zuhause in Schweden. Dazu heißt es: „Nie zuvor haben sie eine solche Kälte erlebt und so viel Schnee gesehen, doch ihr Glück wärmt ihnen das Herz.“ Das Glück, ein katastrophales Unglück überlebt zu haben – ein Glück mit tiefen Narben. Zwar sind wir erleichtert über dieses – vorläufige – Ende einer schrecklichen Odyssee. Aber wir wissen auch, nicht zuletzt wegen der aktuellen Vorgänge in Syrien, dass sich an den Grundbedingungen seiner Bewohner nichts verändert hat.

          Melissa Fleming: Doaa – Meine Hoffnung trug mich über das Meer. Ein außergewöhnliches Schicksal, erzählt von der langjährigen Sprecherin der UN-Flüchtlingshilfe. Knaur Verlag, München 2017. 283 S., 19,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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