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Eugen Kogon als KZ-Häftling : Durch eiserne Zucht zum Lebensglück

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Eugen Kogon bei der Präsentation seines Buches „Der SS-Staat“ Bild: Abb. aus dem besprochenen Band

Die Erinnerungen Michael Kogons an die Zeit zwischen März 1938 und Mitte 1945 sind vor allem „Erinnerungen an meinen Vater Eugen Kogon“ und es ist die Geschichte einer unfassbar traurigen, durch die gewaltsamen Umstände der Naziherrschaft herbeigeführten Entfremdung einer Familie.

          Erst in den vergangenen Jahren hat jene Generation, die noch am Ende des Zweiten Weltkrieges zur Luftabwehr eingezogen worden war, die Sprache gefunden, in der sie über ihre Traumatisierungen, seelischen Verletzungen, ihre mentalen Leiden sprechen konnte. Sie hat als Flakhelfergeneration Eingang in die Pathologiegeschichte des 20. Jahrhunderts gefunden. Michael Kogon, geboren 1928 in Wien, gehört dazu. Doch sein Leben und Leiden als Kind und Jugendlicher fand unter verschärften Bedingungen statt: Eugen Kogon, sein Vater, saß als Gegner des Nationalsozialismus seit 1938 im Gefängnis und wiederholt bis 1945 im KZ Buchenwald. So war der Vater in den entscheidenden Entwicklungsjahren des Kindes unerreichbar fern und die Familie - mit Mutter, einem etwas jüngeren Bruder und einer sehr viel jüngeren Schwester - gewissermaßen unter Verdacht, also isoliert und in großer Not.

          Die Erinnerungen Michael Kogons an die Zeit zwischen März 1938 und Mitte 1945 sind vor allem „Erinnerungen an meinen Vater Eugen Kogon“ - man müsste ergänzend hinzufügen: an den abwesenden Vater -, und es ist die Geschichte einer unfassbar traurigen, durch die gewaltsamen Umstände der Naziherrschaft herbeigeführten Entfremdung einer Familie, die bei dem Sohn zu einer bis heute offenbar kaum verheilten Verletzung geführt hat, und zwar auf allen Ebenen. Das beginnt schon damit, dass Michael Kogon von einer historischen Ungerechtigkeit ausgeht, wenn er die „in auffälliger Weise“ gegenläufigen Lebensläufe Adolf Hitlers und Eugen Kogons in eine enge und letzten Endes unangemessene Beziehung setzt und klagt: „Wer Adolf Hitler war, weiß noch jeder. Eugen Kogon kennt fast niemand mehr.“

          Unzweifelhaft liegen private und öffentliche Wahrnehmung von Vätern weit auseinander - die Söhne Willy Brandts und Helmut Kohls haben das jüngst demonstriert. Auch in diesem Fall kommt Eugen Kogon in der öffentlichen Wahrnehmung weitaus besser davon als in der privaten, selbst wenn die Erinnerung an den Publizisten, Politologen, „Panorama“-Fernsehmoderator und Europäer der ersten Stunde verblasst ist - sein Buch „Der SS-Staat“ ist trotz allem noch immer ein zentrales und nicht vergessenes Werk der Zeitgeschichte.

          Michael Kogon stützt sich bei seiner Suche nach dem Vater auf einen - heute würde man sagen: asymmetrischen - Briefwechsel zwischen den Familienmitgliedern. Aus Gefängnis und KZ schickte Eugen Kogon Kassiber und zum Teil verschlüsselte und von der Zensur durchgesehene Briefe, von draußen erreichten ihn mehr oder weniger „neutrale“, strikt auf das Faktische bezogene und also unverdächtige Briefe und Karten. Über weite Strecken geht es in diesem Schriftwechsel um die mühsame Organisation des Lebens von Mutter und Kindern, um die kaum mögliche Aufrechterhaltung eines einigermaßen normalen Alltags, um Geldfragen, Wohnungsfragen et cetera; er zeigt, wie sehr Eugen Kogon aus der Gefangenensituation heraus und immer der höchsten Gefahr, auch der Todesgefahr ausgesetzt, den Versuch gemacht hat, steuernd, unterstützend, mahnend, anweisend auch, in das Leben seiner Familie einzugreifen - und dabei der Fiktion eines noch Einfluss nehmenden patris familiae, eines zumal überraschend katholischen Familienoberhauptes erlegen war.

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