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Erster Weltkrieg : Wenn ältere Forschung über neuere siegt

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Bild: Abb a.d Buch

Die deutsch-russische Historikerkommission beleuchtet mit der Frage nach der Verantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkriegs ein Schlüsselproblem, das wiederholt deutsch-russische Kontroversen provozierte, zeigten sich doch beide Seiten immer wieder darum bemüht, die „Hauptschuld“ für die Auslösung des Ersten Weltkriegs dem jeweils anderen Land in die Schuhe zu schieben.

          Seit dem säkularen Umbruch am Ende der 1980er Jahre haben Historikerkommissionen eine Hochkonjunktur erfahren. Eine wesentliche Ursache liegt darin begründet, dass nach dem Kalten Krieg in vielen Ländern erstmals offen über geschichtspolitisch belastete Fragen gesprochen werden konnte, während sie zuvor über Jahrzehnte entweder beschwiegen oder politisch einseitig instrumentalisiert worden waren. Da diese Lage Bestrebungen zu einer internationalen Verständigung zu behindern oder sogar zu gefährden drohte, verfielen verschiedene Regierungen auf die Bestellung bilateral besetzter Historikerkommissionen. Ihre Aufgabe ist es, historisch umstrittene Fragen gemeinsam zu erforschen und im Geist wechselseitiger Offenheit die Basis für eine rationale Verständigung zu legen.

          Genau zu diesem Zweck wurde bereits an der Wende des Jahres 1993/94 auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl und des russischen Präsidenten Boris Jelzin die bilaterale Historikerkommission Deutschlands und Russlands gegründet. Seitdem hat die Kommission ungeachtet atmosphärischer Eintrübungen in den deutsch-russischen Beziehungen ihre Arbeit kontinuierlich fortgesetzt und deren Ertrag in zweisprachigen Publikationen dokumentiert. Dies gilt ebenfalls für den nunmehr vorgelegten siebten Band, der Ergebnisse von zwei Tagungen im Juli 2013 in Moskau und im Oktober 2014

          in Berlin in einer zugleich deutsch- und russischsprachigen Version zusammenführt.

          Mit ihrem neuen Band greift die deutsch-russische Historikerkommission ein Thema auf, das schon seit geraumer Zeit nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern auch in einer breiten Öffentlichkeit ein erhebliches Interesse hervorruft. Darüber hinaus beleuchtet sie mit der Frage nach der Verantwortung für die Auslösung des Weltkriegs ein Schlüsselproblem, das wiederholt deutsch-russische Kontroversen provozierte, zeigten sich doch beide Seiten immer wieder darum bemüht, die „Hauptschuld“ für die Auslösung des Ersten Weltkriegs dem jeweils anderen Land in die Schuhe zu schieben. Vor diesem Hintergrund, aber auch angesichts der zuletzt von dem amerikanischen Historiker Sean McMeekin aufgeworfenen These, wonach die St. Petersburger Regierung – getrieben von dem uralten panslawischen Traum einer Einflusszone auf dem orthodoxen Balkan und der Annexion der Meerengen am Bosporus – als eigentlicher Kriegstreiber gelten müsse, liest man mit großem Interesse die nüchternen Bewertungen der hier versammelten Autoren.

          Gegen die Thesen McMeekins sprächen, so Manfred Hildermeier, nicht nur die Einsicht der russischen Verantwortungsträger nach der Niederlage gegen Japan in die Grenzen der eigenen militärischen Stärke, sondern auch die Tatsache, dass den 1912 revidierten russischen „Plan für den Ernstfall“ eine Mischung aus „ambitionierter Planung und erheblicher Umsetzungsträgheit“ auszeichne. Überdies lasse sich in Petersburg gerade nicht eine eindeutige „Kriegspartei“ identifizieren. Indirekt erhärtet wird Hildermeiers Befund durch die Beiträge der russischen Tagungsteilnehmer zum Werben Russlands und Deutschlands um Italien (Valerij Ljubin) sowie zu den russischen Hoffnungen auf eine wirtschaftliche Wiedergeburt des Landes (Vladimir Buldakov). Dass außerdem Andreas Wirsching, Direktor des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, in seiner Abhandlung eine prononcierte Kritik an der zuletzt von Christopher Clark verfochtenen Interpretation vorträgt, wonach der deutsche Weg in den Weltkrieg im Grunde kaum von dem der anderen Mächte zu unterscheiden sei, verdeutlicht, wie zurückhaltend die Autoren dieses Sammelbands auf die in den vergangenen Jahren diskutierten Thesen um den Kriegsbeginn 1914 reagieren. Hier siegt gleichsam der ältere Forschungsstand über den neueren – durchaus mit guten Argumenten.

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