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Entnazifizierte Deutsche : Hindenburgs Abwendung

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Blick in die Unterlagen des Hessischen Hauptstaatsarchives - hier sind auch die Vorgänge rund um die Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg archiviert. Bild: Marcus Kaufhold

Den Journalist Niklas Frank interessiert, „wie absurd komisch und skandalös sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen“ - so der Untertitel seines Buches, das viel Bemerkenswertes aus Akten von Spruchkammerverfahren hebt und oft grobschlächtig kommentiert.

          Am 14. März 1949 tagte der „II. Spruchausschuss des Entnazifizierungs-Berufungsausschusses Lüneburg“, der sich - so der Vorsitzende - mit der „Einstellung“ des früheren Generalleutnants Oskar von Hindenburg „zum Werden und Bestehen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ befasste. Der 1883 geborene Sohn und Adjutant des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg bis zu dessen Tod am 2. August 1934 war „nicht Mitglied der NSDAP, auch keiner Gliederung“, er „gehörte lediglich der Deutschen Jägerschaft an“. Ihm wurde aktive Mitwirkung an der Regierungsbildung Hitlers vom 30. Januar 1933 und an der „Herstellung des Hindenburg-Testamentes“ sowie eine Rundfunkansprache vom 18. August 1934 zur Last gelegt. Hindenburg junior mimte den Ahnungslosen, ohne Einfluss auf den Vater - und kam damit durch, sogar im Zusammenhang mit dem Aufruf im Radio über eine Vereinigung der Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler. Der Ausschuss erkannte darin zwar eine „Unterstützung des Nationalsozialismus“, jedoch nicht „eine wesentliche Förderung“, weil die Ansprache damals „so wenig gehört worden ist und so wenig Beachtung gefunden hat“! Aus der simplen Ausschuss-Perspektive war Hindenburg ein Mitläufer, dem eine „dauernde Abwendung“ vom Nationalsozialismus attestiert wurde, weil er sich von der Partei samt Gliederungen ferngehalten habe.

          Zum Wort „Abwendung“ meint Niklas Frank: „Dahinter steckt eigentlich totale Passivität. Doch hier wird es als Synonym für aktive Gegnerschaft missbraucht.“ Frank interessiert, „wie absurd komisch und skandalös sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen“ - so der Untertitel seines Buches, das viel Bemerkenswertes aus Akten von Spruchkammerverfahren hebt und oft grobschlächtig kommentiert. Der 1939 geborene Journalist leidet seit Jahrzehnten unter extremem Hass auf seine Eltern, wobei Mutter Brigitte mit ihrer „mangelnden Orgasmusfähigkeit“ noch schlechter wegkommt als Vater Hans, „der in Nürnberg Gott sei Dank hingerichtete Reichsminister und Generalgouverneur von Polen“. Alle hätten Angst vor Brigitte Frank gehabt, gegen die 1947 in Miesbach verhandelt wurde wegen des Verdachts, „Nutznießerin und Aktivistin“ des „Dritten Reiches“ gewesen zu sein. Auch sie kam glimpflich davon. Ähnlich erging es Emmy Göring, Margarete Frick, Annelies von Ribbentrop, Winifred Wagner und Hans Pfitzner, der für einen Besuch im Generalgouvernement die „Krakauer Begrüßung“ komponiert und Frank senior gewidmet hatte. Dem Autor geht es nun um Görings Stander und „Hitlers Ständer“, um Denunziation, Lug und Trug nach 1945 bei selbstmitleidigen Selbstentlastern vom Nationalsozialismus. Dem teilweise wirren Buch hätten Gliederung und Personenregister gutgetan.

          Niklas Frank: Dunkle Seele, feiges Maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2016. 579 S., 29,90 €.

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