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Enric Marco : Selbsterfinder und Lebenslügner

  • -Aktualisiert am

Mauthausen, 7. Mai 2017 Bild: dpa

Der Spanier Enric Marco gab sich über Jahrzehnte als Häftling Nr. 6448 des deutschen Konzentrationslagers Flossenbürg aus. Er erhielt Ehrungen und Auszeichnungen, darunter den höchsten zivilen Orden der katalanischen Regierung, das Sankt-Georgs-Kreuz. Am 27. Januar 2005, als das spanische Parlament erstmals der 10 000 von den Nationalsozialisten deportierten Republikaner gedachte, hielt er als Zeitzeuge eine Rede, die das Publikum zu Tränen rührte.

          Über 20 Jahre gab sich der Spanier Enric Marco als Häftling Nr. 6448 des deutschen Konzentrationslagers Flossenbürg aus; er sprach in Hunderten Vorträgen in Universitäten, Erwachsenenbildungsstätten, Schulen und andernorts über das, was ihm im Nationalsozialismus widerfahren war. Er erhielt Ehrungen und Auszeichnungen, darunter den höchsten zivilen Orden der katalanischen Regierung, das Sankt-Georgs-Kreuz. Am 27. Januar 2005, als das spanische Parlament erstmals der 10 000 von den Nationalsozialisten deportierten Republikaner gedachte, hielt er als Zeitzeuge eine Rede, die das Publikum zu Tränen rührte.

          Nur wenige Monate später, am 11. Mai 2005, kurz bevor er auf der Gedenkfeier anlässlich des 60. Jahrestags des Endes des Nationalsozialismus in Anwesenheit des spanischen Ministerpräsidenten Zapatero in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen abermals als ausgewählter Sprecher der Überlebenden auftreten konnte, kam die Wahrheit ans Licht: Enric Marco war zwar während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland gewesen, jedoch nicht als republikanischer Gefangener. Eingesperrt war er im Kieler Gefängnis gewesen – wegen Defätismus, nicht als Kämpfer gegen den Faschismus. Marco war nicht deportiert worden, sondern hatte Spanien freiwillig verlassen, um dem Militärdienst zu entgehen. Gelegenheit dazu bot ein attraktives Arbeitsangebot bei der Deutschen Werke Kiel AG im Rahmen eines spanisch-deutschen Abkommens. Nach erfolgreicher Bewerbung, eine Untersuchung auf Regimetreue eingeschlossen, war Marco Ende des Jahres 1941 von Barcelona nach Kiel aufgebrochen. Auf die Schliche kam ihm der Historiker Benito Bermejo. Eine Akte im spanischen Außenministerium über Marcos Arbeitsaufenthalt in Deutschland lieferte den letzten Beweis für seinen Verdacht: Enric Marco war ein Lügner und Hochstapler.

          Der spanische Schriftsteller Javier Cercas hat über Marco – an dem, wie sich im Verlauf der Recherchen herausstellt, so gut wie alles Fiktion war – einen (wie er es nennt) „Roman ohne Fiktion“ verfasst, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Cercas enthüllt eine sich über sämtliche Lebensabschnitte erstreckende schillernde Mixtur aus Wahrheit und Lüge, mit der sich Marco als Widerstandskämpfer stilisierte, während er sich in Wirklichkeit stets auf Seiten der spanischen Mehrheitsgesellschaft wiederfand: als Anarchist in der Zweiten Republik und zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs, als Bürgerkriegsverlierer sodann, der den Folgen zu entgehen suchte, indem er seine anarchistische Vergangenheit begrub und sich in der Franco-Zeit ins Privatleben zurückzog.

          Jede autobiographische Rückschau trägt gegenwärtigen Erfordernissen Rechnung und folgt darum einem Drehbuch, das sie ein Stück weit zu einem Kunstprodukt macht. Eklatant zeigt sich dies erwiesenermaßen nach politischen Regimewechseln. Weit komplexer liegen die Dinge in Fällen wie dem Marcos. Antriebe sind hier extreme Geltungssucht, überdurchschnittliches Sendungsbewusstsein, ein Gespür für den rechten Moment für Lebensgeschichten, die Aufmerksamkeit erregen, Phantasiereichtum und Virtuosität im Rollenspiel sowie einnehmendes rhetorisches Geschick.

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