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Edmund Stoiber: Weil die Welt sich ändert Wolfratshausener Zauberer

Bayern vor, Strauß im Tor? Edmund Stoiber will als „moderner Konservativer“ gelten, der im Freistaat den Verzicht auf neue Schulden durchsetzte, als anderswo die Kreditmärkte als politisches Zauberfeld galten.

© AP Vergrößern Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber im September 1979 in München

In seinem langen politischen Leben ist Edmund Stoiber nicht als ein Mann der Zwischentöne aufgefallen. Umso überraschender ist es, dass er ein Buch verfasst hat, dessen Reiz sich erst beim zweiten Lesen erschließt. Wer die Dementis Stoibers im Ohr hat, er habe Angela Merkel und Guido Westerwelle vor der Bundestagswahl 2005 nie als „politische Leichtmatrosen“ bezeichnet, kann die Süffisanz auskosten, dass Stoiber nun dem FDP-Politiker bescheinigt, er habe als „Kapitän der deutschen Außenpolitik“ seinen Platz gefunden. Herrlich auch Stoibers Würdigung seines Nachfolgers Horst Seehofer, der viele Jahre „mit großer Inbrunst und Ironie auf der Klaviatur des Stellvertreters“ im CSU-Vorsitz gespielt habe. Jetzt stehe Seehofer selbst an der Spitze von Partei und Staat - „ich glaube, er hat mich noch nie so gut verstanden wie jetzt“. Und genau einen Satz braucht Stoiber, um Günther Beckstein und Erwin Huber, den glücklosen Frondeuren, einen finalen Stoß zu versetzen: Exzellente Minister - unter ihm, wohlgemerkt - seien es gewesen, aber er sei überrascht gewesen, „als sie sich die höchste Verantwortung so sehr zutrauten“.

Albert Schäffer Folgen:    

Wenige Weggefährten hätten früher vermutet, dass Stoiber mit solcher Geschmeidigkeit in die Rolle des politischen Emeritus schlüpfen könnte, dem kleine Gesten für große Bestrafungen ausreichen. Noch in seinen letzten Regierungsjahren gab er den Eiferer, der am liebsten jedes Gefecht selbst schlug; den Omnipräsenten, der einen Tag ohne eine Schlagzeile mit seinem Namen als verlorenen Tag zu empfinden schien; den Allwissenden, der den Eindruck vermittelte, jede Akte der Staatskanzlei auswendig gelernt zu haben. In seinem Buch beschreibt er, wie er als bayerischer Innenminister einen Italienurlaub mit der Familie nutzte, in einer Metzgerei zu recherchieren, wie es dort um den Vollzug der europäischen Frischfleisch-Richtlinie bestellt war - Dolce Vita, wie es Stoiber verstand.

Von dieser Ruhelosigkeit ist im Buch nur noch wenig zu spüren. Vielleicht gibt es sie nicht mehr, vielleicht wird sie nur noch in den heimischen vier Wänden in Wolfratshausen ausgelebt. Schon der Titel „Weil die Welt sich ändert“ schwingt sich auf zu einer staatsmännischen Höhe, die Stoiber bis zum letzten Kapitel nicht mehr verlässt. An Warnhinweisen für Leser, die hoffen, an politischen Intima der vergangenen Jahrzehnte teilhaben zu dürfen, fehlt es nicht: Gleich zu Beginn des Vorworts schildert Stoiber, wie er von Wladimir Putin in Moskau im November 2011 nach einer Konferenz in Moskau zu einem Vier-Augen-Gespräch gebeten wird. Das ist die Bühne, auf der Stoiber gesehen werden will - und nicht in einem „weiß-blauen Puppenküchentheater“, wie Franz Josef Strauß einmal den Bayerischen Landtag karikierte.

Den kargen Kindheits- und Jugendjahren Stoibers in der Nachkriegszeit im oberbayerischen Oberaudorf, in das seine Eltern gezogen waren, haben schon seine Biographen nachgespürt. Stoiber setzt sie nicht ins Unrecht. Er verbirgt nicht, dass es nicht ein Leben aus einer bayerischen Vorabendserie war, mitten in schönen Bergen und glücklichen Kühen; im Dorf seien die Bauernkinder „besonders selbstbewusst“ gewesen, die „Zugroaste“ wie ihn in die Schranken wiesen: „Du hast ja koa Sach.“ Die Prägung in einer bäuerlichen Klassengesellschaft deutet er politisch-biographisch: Sein „Verständnis für die Sorgen der kleinen Leute und auch eine Portion Ehrgeiz zum sozialen Aufstieg“ wurzelten in dieser „Herkunft aus einfachen Verhältnissen“.

Er will exemplarische Stationen auf dem Weg zum Staatsmann aufzeigen - die politische Sozialisation im Widerspruch zur Studenten- und Jugendrevolution der sechziger Jahre; die Zeit unter den Fittichen des Mentors Strauß, dem Stoiber als Generalsekretär der Partei und Leiter der Staatskanzlei diente; die Emanzipation als bayerischer Ministerpräsident von den weniger angenehmen Teilen des politischen Erbes des Patriarchen, der zuweilen Staat, Partei und Privates gleichsetzte. Nur eine Nebenbemerkung lässt erahnen, wie anstrengend die Lehrzeit an der Seite von Strauß gewesen sein muss - als Stoiber berichtet, wie er auf Lothar-Günther Buchheim bei einer Bürgerversammlung, in der um einen Museumsbau für dessen Kunstsammlung gestritten wurde, mäßigend einzuwirken versuchte: „Vielleicht kam mir in dieser Situation zugute, dass ich zehn Jahre lang Mitstreiter von Strauß war, der als hoch emotionaler Mensch Buchheim ähnelte.“

Das knappe Unterliegen als Kanzlerkandidat, das ausgeschlagene Angebot, als EU-Kommissionspräsident nach Brüssel zu wechseln, die Entscheidung, nicht das Amt des Bundespräsidenten anzustreben - Stoiber lässt es im Kammerton Revue passieren. Selbst die erzwungene Aufgabe seiner Ämter als CSU-Vorsitzender und Ministerpräsident 2007 lockt ihn nicht aus der Reserve: „Jeder politische Weg geht einmal zu Ende, politische Ämter werden auf Zeit vergeben“ - sorgsam meidet er jede Bitterkeit. Warum es ihm nicht mehr gelang, das Band zur Partei und zur CSU-Landtagsfraktion eng geknüpft zu halten, will er öffentlich nicht ergründen.

Stoiber will nicht als Gescheiterter, Gestürzter, Geschasster in die Geschichte eingehen, sondern als ein „moderner Konservativer“, der in Bayern zu einer Zeit den Verzicht auf neue Schulden durchsetzte, als im übrigen Deutschland und in Europa die Kreditmärkte noch als politisches Zauberfeld galten. Das Verdienst, in Bayern bewiesen zu haben, dass es einen Weg aus dem Schuldenstaat gibt, mit dem Prosperität nicht gefährdet, sondern gestärkt wird, werden ihm auch Chronisten, die nicht Stoiber heißen, zusprechen; dazu hätte er sich gar nicht ins Reich der Zwischentöne begeben müssen.

ALBERT SCHÄFFER

Edmund Stoiber: Weil die Welt sich ändert. Politik aus Leidenschaft - Erfahrungen und Perspektiven. Siedler Verlag, München 2012. 320 S., 22,99 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 21.10.2012, 15:50 Uhr

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