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Drei Biografien Den letzten Rest der Würde bewahren

 ·  Drei Autobiografien, herausgegeben von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, machen aus unterschiedlosen Opfern wieder individuelle Schicksale.

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© Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas Eingangstor des KZ Groß Rosen (1945)

Die Diskussion über die Einzigartigkeit des Holocaust hat das grausige Geschehen in eine bestimmte Perspektive gezwungen. Das Singuläre sehen wir in der systematisch-industrieförmigen Massenhaftigkeit des Mordens. Jede „Relativierung“ wurde mit ebendieser Kategorie zurückgewiesen. Sie hat sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Auch das Berliner „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ soll durch die Massenhaftigkeit der Stelen und durch die industriehaft-systematische Anordnung beeindrucken.

Doch unter diesem seriell strukturierten Feld arbeitet eine Gedenkstätte, der „Ort der Information“, der einer anderen Perspektive Raum schafft. Er bietet dar und veröffentlicht jetzt auch eindrucksvoll bebilderte Biographien von Juden, die so einer doppelten Ungerechtigkeit entrissen werden: nichts als Opfer zu sein, die überdies im kollektiven Tod untergegangen sind. Mit Bedacht gelesen, können sie uns von einer verbreiteten Vorstellung abbringen, die nicht nur diesen Massenmord ermöglicht hat, sondern auch heute noch den Antisemitismus grundiert.

Da ist die Biographie von Maria Blitz, eine der wenigen Überlebenden des Massakers am „Bernsteinstrand“ von Palmnicken (Ostpreußen) im Januar 1945. Die 1918 geborene Krakauerin, blond, mit blauen Augen, aus gutem bürgerlichen Hause, schildert präzis und schmucklos die Schritt-für-Schritt-Entmenschung der Juden nach dem Einmarsch der Deutschen: Benutzungsverbot für Parkbänke, Straßenbahnen, Bürgersteige, dann das Krakauer Getto, das Zwangsarbeitslager Plaszow, Auschwitz und, weil arbeitsfähig, am 10. Sept. 1944 Weitertransport nach Heiligenbeil in Ostpreußen. Am 26. Januar 1945 beginnt von da aus der Todesmarsch zusammen mit 5000 bis 7000 an die Samlandküste. Dort, an jener „Bernsteinküste“, werden sie erschossen. Nur 15 überleben.

Kurz vor dem Massaker gelingt Maria Blitz die Flucht. Sie erhält Hilfe von einer deutschen Familie, die ihr - ohne jede Betäubung - die KZ-Nummer aus der Haut schneiden lässt. Es lässt sich wohl kaum ein Text finden, in dem das Wort „erschießen“ häufiger vorkommt als auf den 20 Seiten, die hier referiert sind. Maria Blitz, später in die Vereinigten Staaten ausgewandert, erzählt geradeheraus, ohne jede Sentimentalität; keine Reflexionen unterbrechen den Gang. Sie bleibt beim kaum hinterfragten Alltagsbewusstsein, so auch in dieser Passage: „Eins muss ich sagen: Die Polen sind schlimmer als die Deutschen. Polen sind geborene Judenhasser, bei den Deutschen war es das Regime.“ Das Bewusstsein macht in dieser erschütternden Lebensgeschichte nur kleine Schritte, wie hier, auf die wichtigen Kategorien zu: „Regime“ impliziert die entindividualisierten systematischen Verfahrensweisen.

In Zeiten tiefster Erniedrigung

Ganz anders Kenneth James Arkwright, geboren 1929 in Breslau als Klaus Aufrichtig, aufgewachsen in großbürgerlichem Hause. Er berichtet zunächst detailliert über seine Erziehung, getragen von den Werten der deutsch-jüdischen Symbiose: „schwere Arbeit, Lernen, Ehrlichkeit, Integrität, Menschlichkeit und die Suche nach dem Sinn des Lebens“ - Werte, denen seine ganze Familie auch in den Zeiten tiefster Erniedrigung verpflichtet bleibt. Man könnte jetzt wieder die Stufen der Entrechtung und die geschilderten Schreckensorte des Martyriums aufzählen. Sie sind aber das Erwartbare, das Unausweichliche. Besonders ist die Art, wie sich Aufrichtig selbst da noch bemüht, Richtung zu halten. Er klammert sich an die Eckpfeiler der jüdisch-deutschen Bildung. Kaum eine abendländische Größe, die nicht zitiert wird - eine längere Liste jedenfalls als die der Schreckensorte.

Und „die Suche nach dem Sinn des Lebens“? Sie treibt den des Russischen, Griechischen, Lateinischen, Französischen und des Hebräischen mächtigen Autobiographen in Aporien. Diese erzwingen geradezu die im Text wieder und wieder gesetzten Fragezeichen. Der Tötungsmaschinerie doch noch entronnen, darf Aufrichtig 1949 bei seiner Auswanderung nach Australien nur einen einzigen Koffer mitnehmen: „Die wenigen Bücher waren eine eigenwillige Sammlung unentbehrlicher Lektüre: Goethes Faust, Lehrbuch der Anatomie von Rauber-Kopsch, mein liberales Gebetsbuch aus amerikanischen Beständen und Kants Kritiken.“ Kein Wunder, dass sein Resümee lautet: „Ohne das Fortdauern von ethischen Prinzipien kann es auch kein physisches Überleben geben.“

Die Autobiographie der 1927 in Südpolen (Boryslav) geborenen Sabina van der Linden-Wolanski ist die ausführlichste, die intimste. Auch hier wieder die Schilderung des „Gängigen“: die sukzessive Entrechtung, das Leben in Lagern, der Abtransport der innigst geliebten Mutter, die Erschießung des Vaters und des Bruders. Herausstechend die genaue Schilderung des Lebens in rettenden Erdhöhlen, zuerst unter einem Kaninchenstall, dann draußen im Wald, alles begleitet von dauernder, bis in die feinsten Seelenfältelungen reichende Reflexion des eigenen Ichs. Also auch hier: immer wieder Fragezeichen, dieses Mal aber nicht erzwungen durch den ungeheuren Kontrast zwischen dem Höhenflug der Leitsterne deutsch-jüdischer Symbiose und der hereinbrechenden Realität, sondern: Ungepanzert stellt sich die fühlende Kreatur dem Unsäglichen und versucht, über sich und den Sinn des Weiterlebens ins Reine zu kommen.

Den letzten Rest Würde bewahren

So entsteht ein ganz autonomer Weg, den letzten Rest Würde zu bewahren. Als sie in eine unsäglich verdreckte Gefängniszelle geworfen wird, beginnt Sabina, den sicheren Tod vor Augen, dennoch sofort mit Reinigungsarbeiten. Diese Fähigkeit, tapfer bei sich zu bleiben, rettet sie. Und diese Eigenschaft ist es auch, die ihr dann den Weg nach Australien und dort ein außerordentlich erfolgreiches, wenn auch von Rückschlägen durchkreuztes Leben ermöglicht. Die wie ein Schatz gehüteten Fotos von ihrer Familie, auch die von ihrem so geliebten Freund, und ihre Tagebücher kamen zufällig in den „Ort der Information“ des Berliner Denkmals. Sie machten solchen Eindruck, dass man 2005 Frau Linden-Wolanksi bat, bei der feierlichen Eröffnung des Denkmals im Namen der wenigen Überlebenden für die Millionen Toten eine Gedenkrede zu halten. Diese Ansprache beendet die Biographie und ist ein einzigartiges Beispiel errungener und immer intensiver gelebter Humanität.

Diese so unterschiedlichen Biographien zeigen, dass die Juden sogar noch in jenem kollektiven Massenschicksal unterschiedliche Existenzformen ausprägten. Ehe die Nazis zuschlagen konnten, haben sie die vielen so verschiedenen jüdischen Individuen zu einem einzigen, eben zu „dem“ Juden unifiziert. Genau diese Reduktion ist auch heute noch die Agitationsbasis für Antisemiten, und für die Nazis war sie die Voraussetzung, die erst ermöglichte, ausgerechnet das Volk, das wohl von allen das ausdifferenzierteste ist, unterschiedslos einem einheitlichen Tod zuzutreiben.

Maria Blitz: Endzeit in Ostpreußen. Ein beschwiegenes Kapitel des Holocaust. Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin 2010. 99 Seiten, 5,- €.

Kenneth James Arkwright: Von Breslau nach Australien. Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin 2011. 184 Seiten, 5,- €.

Sabina von der Linden-Wolanski: Drang nach Leben. Erinnerungen. In Zusammenarbeit mit Diana Bagnall. Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin 2011. 286 Seiten, 5,- €.

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