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Diktatoren und Mitverantwortliche

 ·  Robert Gellately bestimmt den historischen Ort von Leninismus, Stalinismus und Nationalsozialismus

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Anfang der neunziger Jahre zeigte Alan Bullock, dass man Hitler und Stalin auf hohem wissenschaftlichen Niveau miteinander vergleichen kann, ohne sich des Vorwurfs der Relativierung der Singularität des Nationalsozialismus erwehren zu müssen, so wie es im "Historikerstreit" Mitte der achtziger Jahre noch Ernst Nolte widerfahren war. Bullocks Doppelbiographie über die parallelen Leben Hitlers und Stalins wirkte gewissermaßen wie ein Eisbrecher, in dessen Kielwasser weitere vergleichende Studien über die beiden Diktatoren und ihre Ideologien entstanden. Nun hat Robert Gellately, Historiker an der Florida State University und ausgewiesener Kenner des Nationalsozialismus, die Perspektive um Lenin als den eigentlichen Begründer der bolschewistischen Diktatur erweitert. Ursprünglich war das so gar nicht geplant gewesen; stattdessen wollte Gellately eine primär sozialgeschichtlich ausgerichtete Studie über die entgegengesetzten Ideologien des Kommunismus und Nationalsozialismus einschließlich der mörderischen Rivalität zwischen Stalin und Hitler vorlegen. Die Notwendigkeit der Kontextualisierung seiner Thesen habe ihn jedoch immer weiter zurückgeführt - eben bis zu Lenin und zu den Anfängen des Sowjetkommunismus.

Dabei kann Gellately zeigen, dass Lenin keineswegs der weise, umsichtige und wohlmeinende Gründungsvater der Sowjetunion war, so wie ihn viele Stalinismus-Studien auch heute noch porträtieren. Damit schreiben sie jedoch einen bereits zu Lebzeiten Lenins bewusst inszenierten Mythos fort und verschweigen, dass es sich bei dem Urvater des Sowjetkommunismus um einen ideologisch verbohrten, gnadenlosen und grausamen Revolutionär bar jeder moralischer Skrupel gehandelt hatte, über dessen Härte selbst die Mitglieder des engeren Kreises der Bolschewiki entsetzt waren. Gellately stützt sein Urteil auf die Erkenntnisse Richard Pipes, die dieser nach der Öffnung russischer Archive Anfang der neunziger Jahre gewonnen hatte. Wie wertvoll diese Funde und deren Veröffentlichung übrigens waren, wird angesichts der restaurativen Tendenzen der derzeitigen Staatsführung Russlands deutlich, die, wie es scheint, in alte sowjetische Verhaltensmuster zurückfällt und nur ihre eigene Geschichtsdeutung gelten lassen möchte.

Gerade vor diesem Hintergrund erscheint Gellatelys Ausgangspunkt ebenso spannend wie vielversprechend, bietet er doch die Möglichkeit, eine Forschungslücke zu schließen, indem er auch die Frühgeschichte des Sowjetkommunismus, dessen Ursprünge, Strukturen und Verhaltensmuster mit denen des Nationalsozialismus vergleicht und sich nicht nur auf die im Namen der Ideologie verübten Greueltaten - Schoa und "Entkulakisierung" - einschließlich ihrer jeweiligen Vorgeschichte und ihr Aufeinanderprallen im Zweiten Weltkrieg konzentriert. Insbesondere die sozialgeschichtliche Dimension, die der Studie zugrunde gelegt werden sollte und die auch im englischen Originaltitel "The Age of Social Catastrophe" unterstrichen wird, schürt die Erwartung des Lesers, ebenso die anregend geschriebene Einführung, die manchen Punkt anreißt, über den man gern mehr erfahren möchte. Vor diesem Erwartungshorizont hat der Rezensent das Buch nach der Lektüre freilich mit gemischten Gefühlen aus der Hand gelegt. Ohne Zweifel: Es handelt sich um ein solides Geschichtswerk, das auf einer breiten Basis einschlägiger mehrheitlich englischsprachiger Literatur ruht - auch wenn sie nicht immer dem neuesten Erkenntnisstand entspricht. So wird zum Beispiel das vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegebene und insbesondere für den Zweiten Weltkrieg maßgebliche Reihenwerk "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg", das bewusst als Geschichte der Gesellschaft im Krieg verfasst wurde, als zwischen 1979 und 1983 erschienen angegeben - demzufolge hatte der Autor lediglich die Bände 1, 2 und 4 der insgesamt 13 Bände dieser Reihe zur Kenntnis genommen, die anderen Bände erschienen zwischen 1984 und 2008. Dennoch sind Gellatelys Urteile in der Regel pointiert und zuverlässig, einzelne Ausnahmen wie seine heftige und über das Ziel hinausschießende Kritik an Ernst Nolte bestätigen die Regel und zeigen, dass sich der Autor auch in Detailfragen gut auskennt.

Mit sicherer Hand führt er seine Leserschaft durch das Dickicht der Fakten über den historischen Ort des Leninismus, Stalinismus und Nationalsozialismus. Die drei Diktatoren erhalten ein deutliches Profil, ihre ideologische Verbohrtheit wird gnadenlos herausgearbeitet, ihre Verantwortung für das Unglück, das sie im Namen ihrer jeweiligen "Wahrheit" über ihre Länder, Europa und die Welt brachten, wird jeweils klar benannt. Dieser Befund trifft auch auf ihre Mitstreiter zu, wobei die Taten der nationalsozialistischen Entscheidungsträger in der Regel bereits gut erforscht sind, während die Phalanx der Mitverantwortlichen für Stalins Untaten bislang eher in dessen Schatten stand. So wird beispielsweise Nikita Chruschtschow, der auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956 die "Entstalinisierung" der Sowjetunion einleitete, bei Gellately zu einem "der boshaftesten Helfershelfer" Stalins in der Zeit der großen Schauprozesse der dreißiger Jahre. Er habe sich als Gebietsparteisekretär von Moskau besonders unrühmlich hervorgetan, als er 1937 die vom Politbüro festgelegte Quote von 35 000 Feinden, die es im Großraum Moskau zu unterdrücken galt, innerhalb von nur 14 Tagen deutlich übererfüllte und insgesamt 41 305 Namen von "kriminellen und kulakischen Elementen" meldete. Persönlich seien von ihm aus dieser Gruppe 8500 Menschen in die "erste Kategorie" eingestuft worden, was zumeist deren Hinrichtung bedeutete.

Bei aller Akribie, die Gellately in seinem Werk zeigt, ist jedoch der Strukturvergleich der drei Diktaturen weitgehend auf der Strecke geblieben. Lenin, Stalin und Hitler werden als jeweilige Führer ihrer Bewegungen gezeichnet, jedoch nicht in ein gemeinsames Raster eingebunden, das für den angestrebten Ideologievergleich notwendig gewesen wäre - sieht man einmal von der Chronologie und der Gegnerschaft Stalins und Hitlers im Kriege ab. Wie gewinnbringend ein solcher Vergleich sein kann, haben Jörg Barberowski und Anselm Döring-Manteuffel in ihrer Studie "Ordnung durch Terror" gezeigt (leider hat der Rezensent bei Gellately keinen Hinweis auf dieses Buch gefunden). Auch verzichtet der Autor weitgehend darauf, die Geschichte des Stalinismus über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus bis zum Tode Stalins fortzuschreiben. Das ist ebenfalls bedauerlich, hätte doch das Ende des Stalinismus zugleich als Beispiel dafür herangezogen werden können, dass selbst ein - in der Auseinandersetzung mit einer anderen Tyrannis - vergleichsweise erfolgreiches Diktaturmodell durch die Wahl des Terrors als Mittel zur Ausbildung eines neuen Menschentypus zum Scheitern verurteilt ist.

JÜRGEN ELVERT

Robert Gellately: Lenin, Stalin und Hitler. Drei Diktatoren, die Europa in den Abgrund führten. Aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Norbert Juraschitz. Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2009. 891 S., [Euro] 29,95.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2009, Nr. 160 / Seite 7
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