http://www.faz.net/-gpf-8xmnf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 15.05.2017, 09:51 Uhr

Die Schweiz 1917/18 Wilson statt Wilhelm

Im letzten Kriegsjahr weiteten die Vereinigten Staaten ihre Propagandatätigkeit in der Schweiz massiv aus. Bereits im Frühjahr 1917 war das „Committee on Public Information“ gegründet worden, das die Kriegspropaganda mit Mitteln der Produktwerbung revolutionierte.

von Philip Rosin
© dpa Skigebiet in Crans-Montana

„In uns klingt die Freude über Eurer Majestät Besuch mächtig nach. Es wird uns und dem ganzen Schweizervolk unvergesslich sein.“ So lautete das Dankestelegramm des Bundesrats zum Staatsbesuch Wilhelms II. in der Schweiz im September 1912. Sowohl in Bern als auch in Zürich war der Kaiser von einer begeisterten Zuschauermenge empfangen worden. Daneben wohnte Wilhelm II. zwei Tage als Beobachter den Manövern der Schweizer Armee in der Ostschweiz bei, rund 100 000 Schaulustige reisten ihm hinterher. Dass es in der Deutschschweiz große Sympathie für das nördliche Nachbarland gab, zeigte sich nach Kriegsbeginn 1914 auch an der deutschfreundlichen Haltung maßgeblicher Berner Politiker und Militärs – was zu Spannungen mit der Bevölkerung der französischsprachigen Westschweiz führte. Wie sich jedoch in den Jahren 1917/18 der Einfluss und die öffentliche Meinung in der Schweiz weg vom Kaiserreich hin zu den Vereinigten Staaten verlagerten, verdeutlicht auf prägnante Weise die Studie von Florian Weber. Als Gründe nennt er Wirtschafts- und Ernährungsfragen, politische Fehler des Deutschen Reiches sowie eine effektive amerikanische Propaganda in der Schweiz.

Die Schweiz bezog Kohle und Eisen nahezu komplett aus Deutschland, das Getreide kam zumeist aus Übersee. Mit dem unbeschränkten deutschen U-Boot-Krieg und dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten drohten die Getreidelieferungen zu versiegen. In dieser Situation beorderte die Schweiz den Unternehmer Hans Sulzer als neuen Gesandten nach Washington. Nachdem unter seiner Regie Ende 1917 ein Getreideabkommen abgeschlossen worden war, dauerte es zwar noch bis Sommer 1918, als amerikanische Schiffe das Getreide sicher in den französischen Mittelmeerhafen Sète brachten. Dann aber war in der Schweiz der Dank gegenüber Washington groß. Demgegenüber erhöhte Berlin die Preise für Kohle und Eisen massiv, was Bern als Erpressung interpretierte.

Bereits 1915 hatte die „Oberstenaffäre“ die Schweiz erschüttert, als öffentlich wurde, dass zwei helvetische Offiziere Informationen an deutsche Militärs weitergegeben hatten. Sie kamen mit milden Strafen davon, da sich der prodeutsche Generalstabschef Wille schützend vor sie stellte. Im Sommer 1917 wurde bekannt, dass der Schweizer Außenminister Hoffmann auf deutsches Ersuchen hin die Rückkehr Lenins aus dem Zürcher Exil nach Russland mit ermöglicht und zudem Kontakt zur provisorischen russischen Regierung aufgenommen hatte, um diese zu einem Friedensschluss zu drängen. Hoffmann musste daraufhin zurücktreten, Berlin verlor seinen besten Fürsprecher in der Regierung. Sein Nachfolger Gustave Ador stammte aus der Westschweiz und war Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz – eine „Richtungswahl“, so Autor Weber, für eine Annäherung an die Entente.

Im letzten Kriegsjahr weiteten die Vereinigten Staaten ihre Propagandatätigkeit in der Schweiz massiv aus. Bereits im Frühjahr 1917 war das „Committee on Public Information“ gegründet worden, das die Kriegspropaganda mit Mitteln der Produktwerbung revolutionierte. Mit Vira Whitehouse war eine dynamische Frau in der Schweiz tätig, die Propaganda nicht wie üblich verdeckt, sondern transparent wie in der Werbung durchführte. Sie stellte Schweizer Zeitungen ein tägliches Pressebulletin mit Nachrichten und Wilson-Reden zur Verfügung und ließ amerikanische Zeitungen in Zürcher Grand Hotels auslegen. Ihr größter Coup war das Zeigen von Propagandafotos in Einkaufsstraßen. Ladeninhaber wurden dafür bezahlt, dass sie in ihren Schaufenstern amerikanische Kriegsfotografien mit eindeutiger Botschaft ausstellten. Ihr deutscher Gegenspieler Harry Graf Kessler hatte das Nachsehen. Sein Konzept, anhand von Konzerten und Literaturlesungen in der Schweiz sowohl die angebliche kulturelle als auch die militärische deutsche Überlegenheit zu demonstrieren, verfing 1918 nicht mehr.

Nach Kriegsende mussten die einst einflussreichen deutschen und österreichischen Diplomaten die Schweiz verlassen, eine zusätzliche Schmach im Zeichen von militärischer Niederlage und Revolution. Der österreichisch-ungarische Konsul in Zürich, Ernst von Maurig, brachte sich aus Verzweiflung über den Untergang der Doppelmonarchie sogar um. Die Schweiz orientierte sich nun offen nach Westen und unterstützte die Völkerbundpläne von Präsident Woodrow Wilson. Das hohe Ansehen bei den Alliierten zeigte sich in der Entscheidung für Genf als Sitz des Völkerbundes. Webers Untersuchung gibt einen guten Einblick in die „Dreiecksbeziehung“ zwischen Berlin, Bern und Washington in den Jahren 1917/18. Sie veranschaulicht auch, wie stark die Alpenrepublik bereits vor hundert Jahren international verflochten gewesen ist.

Florian Weber: Die amerikanische Verheißung. Schweizer Außenpolitik im Wirtschaftskrieg 1917/18. Chronos Verlag, Zürich 2016. 271 S., 43,– €.

Geduld ist erforderlich

Von Peter Sturm

Soll man sich darüber aufregen, nach den ersten Brexit-Verhandlungen noch nichts Greifbares zu vermelden ist? Das wäre hysterisch. Denn gegen Ende wird es sowieso dramatisch. Mehr 1

Quelle: wahlrecht.de
Alle Umfragen

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden
Zur Homepage