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Die Mauer : Der Charme des Unmittelbaren

  • -Aktualisiert am

Als die Mauer keine Mauer mehr war: Berlin 1990 Bild: Barbara Klemm

Die Mauer wird fünfzig, und das Interesse an ihr ist so stark wie eh und je. Die spektakulärste Neuigkeit sind die mehr als hundert Fotos, die Detlef Matthes in Ost-Berlin von der Mauer machte.

          Die Mauer wird am 13. August fünfzig, aber es gibt tatsächlich immer noch etwas Neues über sie. Und es gibt ein ungebrochen starkes Interesse an ihr. So wurde neulich festgestellt, dass die Geschichte der Teilung immer noch das Erste ist, das Managern im Ausland zu Berlin einfällt. Die Stiftung Berliner Mauer zeigt in drei Büchern, die sich an ein breites Publikum richten, wo man noch Überraschungen finden kann. Die spektakulärste Neuigkeit sind die Fotos, die Detlef Matthes 1986/87 von der Mauer machte, mehr als hundert. Seine Bilder bilden - schreiben Anna Kaminsky und Axel Klausmeier in ihrem Vorwort - „den einzigen bisher bekannt gewordenen größeren und geschlossenen Bestand an Bildern“ von der Ostseite der Mauer, vom, wenn es nach der SED gegangen wäre, „Weltende“. Matthes fand die Mauer-Fotos 1994 in seinen Stasi-Akten wieder.

          Wer diese Fotos betrachtet, versteht, warum der Kult um die Graffiti-Mauer, die „East-Side-Gallery“ an der Spree, vielen Ost-Berlinern fremd bleibt: West-Berlin war eingemauert, aber für West-Berliner war die Mauer nur eine Unannehmlichkeit. Für Ost-Berliner aber bildete sie ein Gefängnis, und lebensgefährlich war jeder Ausbruchsversuch. Die Mauer war gräulich gestrichen und hatte lange weiße Flächen; vor diesem Hintergrund konnten die Grenztruppen jeden sehen, der sich ihr genähert hätte. Zwischen der Mauer, deren Westseite dick mit Graffiti bemalt war, und einer zweiten, dem Osten zugewandte „Hinterlandmauer“ lag der Todesstreifen mit dem Patrouillenweg für die Grenzsoldaten, mit Wachtürmen, Sperranlagen, Lampen, die die ganze Nacht hindurch brannten. Von Westen aus erschien die Mauer pittoresk. Von Osten aus war sie furchteinflößend. Zugleich strebte sie nach Unauffälligkeit: Ein SED-treuer DDR-Bürger tat so, als bemerke er sie gar nicht.

          Ihr in Ost-Berlin nahe zu kommen erforderte Genehmigungen, wurde vielfach beobachtet und überwacht, sie zu fotografieren, war verboten. Darüber setzte sich Dieter Matthes bewusst hinweg und fotografierte heimlich, zum Teil durch S-Bahn-Fenster hindurch oder aus Verstecken heraus und wurde dabei nie erwischt. Doch als er den Protest vieler Jugendlicher aufnehmen wollte, die Pfingsten 1987 von der Ost-Berliner Seite her dem Konzert in West-Berlin vor dem Reichstag lauschten, wurde er erwischt. Seine Mauerbilder wurden in seiner Wohnung gefunden, er wurde verhaftet, saß in Hohenschönhausen in Untersuchungshaft, stellte einen Ausreiseantrag und verließ die DDR, kurz bevor diese selbst verschwand.

          Die meisten der 2,6 Millionen DDR-Flüchtlinge kamen zwischen 1953 und dem Mauerbau 1961 über West-Berlin in die Bundesrepublik. Offiziell in ihre neue Heimat „aufgenommen“ wurden sie in Lagern, von denen es um die 70 in West-Berlin gab. Das bekannteste - und, weil es erst 1953 bezogen wurde, wohl auch das modernste - war das Notaufnahmelager Marienfelde. Es gab aber auch Lager in stillgelegten Fabriken und nicht mehr gebrauchten Bunkern, in denen das Leben sichtbar härter war als in Marienfelde, das für den Zweck der Flüchtlingsaufnahme gebaut worden war. Neben der Arbeiterwohlfahrt und dem Roten Kreuz bot die Evangelische Flüchtlingsseelsorge Berlin den Flüchtlingen praktische Hilfe und geistlichen Beistand. Mehrere hundert Fotos, aufgenommen von professionellen Fotografen, benutzt für Spendensammlungen und die Berichterstattung in evangelischen Publikationen, fanden sich im ehemaligen Notaufnahmelager, das heute Gedenkstätte ist und zur Stiftung Berliner Mauer gehört. Clemens Niedenthals Band „Nahaufnahme“ zeigt etwa 70 von diesen Bildern. Selbst solche, die gewiss gestellt sind, eignen sich nicht dazu, den Alltag im Flüchtlingslager nachträglich zu romantisieren.

          Nanu, noch hier?

          Fluchthilfe - das scheint oft vom Hauch des romantischen Abenteuers umweht. Marion Detjens Buch „Ein Loch in der Mauer“ hat 2005 dazu beigetragen, das Thema von Mythen, aber auch von übler Nachrede zu befreien. Maria Nooke und Lydia Dollmann konzentrieren sich im Band „Fluchtziel Freiheit“ auf die Arbeit der „Girrmann-Gruppe“ - selbst die Bezeichnung stammt vom Ministerium für Staatssicherheit, das viele Inoffizielle Mitarbeiter losschickte, um ihr die Unternehmungen der Gruppe zu verraten und so zu unterbinden.

          Etwa tausend Personen konnte die Gruppe trotz der Unterwanderung mit Spitzeln die Flucht ermöglichen, bevor sie 1964 die Arbeit einstellte. Die Nachlässe von Bodo Köhler, der 2005 starb, und Dieter Thieme, der 2010 starb, wanderten in das Archiv der Gedenkstätte Berliner Mauer. Auf Thiemes Anregung hin verfassten die Flüchtlinge kurze Berichte über ihre Lage nach dem Bau der Mauer und ihre Flucht. Sie geben ein ungemein frisches, anschauliches Bild der damaligen Stimmung: „Na, auch den letzten Zug verpasst?“, begrüßten sich Freunde eines Studenten, und mit „Nanu, noch hier?“ die der Abiturientin Heidi H. Die Berichte besitzen den Charme des Unmittelbaren. Erich T. aus Potsdam beobachtete: „Die Presse brachte nach dem 13. August so viele Anzeigen über Tanzveranstaltungen wie nie zuvor.“ Die Künstlerin Ingrid S. nahm Anfang 1962 wahr, „die sonst so reichlichen ,Hausversammlungen'“ seien auf Weisung der SED stark eingeschränkt worden. Im September 1961 wurden die Lehrpläne geändert, berichtete die Lehrerin Marianne F: „Die Friedenstaube muss auch Krallen haben“ hieß eines der neuen Themen. Frau F. verließ die DDR im Januar 1962.

          Gerhard Sälter/Tina Schaller/Anna Kaminsky (Herausgeber): Weltende - Die Ostseite der Berliner Mauer. Mit heimlichen Fotos von Detlef Matthes. Ch. Links Verlag, Berlin 2011. 108 Seiten, 14,90 Euro.

          Clemens Niedenthal: Nahaufnahme. Fotografierter Alltag in West-Berliner Flüchtlingslagern. Ch. Links Verlag, Berlin 2011. 96 Seiten, 12,90 Euro.

          Maria Nooke/Lydia Dollmann (Herausgeber): Fluchtziel Freiheit. Berichte von DDR-Flüchtlingen über die Situation nach dem Mauerbau. Ch. Links Verlag, Berlin 2011. 144 Seiten, 14,90 Euro.

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