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„Lebensraum“- Politik : Aberwitzige Pläne

  • -Aktualisiert am

Ein Grab auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt / Oder am 13. November 2017 Bild: dpa

Zur „Neuordnung“ Osteuropas durch Hitler ist es zum Glück nicht gekommen. Blick auf ein wenig erforschtes Kapitel der Geschichte.

          Für die Ermordung der europäischen Juden, für Sinti und Roma, für Homosexuelle wie Euthanasiemorde gibt es mittlerweile Gedenkorte, wie Gernot Erler in diesem Band einleitend hervorhebt, nicht jedoch für die Opfer des deutschen Krieges um „Lebensraum“ für die Deutschen, der östlich der eigenen Grenzen erobert werden sollte und in abenteuerlichen Phantasien eines Generalplans Ost gipfelte, welcher die Reichsgrenze Richtung Ural vorschieben sollte. Die hier benannte Opferkategorie liegt quer zu den sonst meist personell genauer benannten Opferkategorien; sie umschließt unter anderen Russen, Ukrainer, Polen oder Völker des ehemaligen Jugoslawiens.

          Gerade weil es derzeit Bestrebungen gibt, in Berlin zum Beispiel ein Erinnerungsmal für polnische Opfer der NS-Zeit zu errichten, ist diese übergreifende Perspektive wichtig. Es gibt nämlich seit 2013 eine Initiative zu einem „Gedenkort für die Opfer der NS-,Lebensraum‘-Politik“. Ehe es eine Fülle nationaler Erinnerungen – ja doch wohl für Deutsche – in Berlin und anderswo gibt, die dann in Konkurrenz treten oder zur – illusorischen – Vollständigkeit führen könnten, sollte man diesen Ansatz gut verfolgen. Einige aus diesem Anlass in Berlin gehaltene Vorträge, die allesamt gute und verständliche Überblicke zum Stand der Forschung geben, sind daher in diesem schmalen Band gesammelt. Ein solcher Blick setzt die Akzeptanz der Sicht voraus, dass es eine zielgerichtete NS-Politik zur Eroberung von im kruden Darwinismus konstruiertem „Lebensraum“ im Osten gab, was nur Christoph Dieckmann mit einem Fragezeichen versieht, wenn er die selbstgeschaffenen Zwänge der Eroberungspolitik in Polen betont und am litauischen Beispiel die Dynamik zu weiterer Eroberung ein wenig vertieft. Längst ist die Forschung jedoch über eine solche Alternative von Programmatik und Situation hinweggegangen und hat Synthesen geliefert, die Ulrich Herbert mit dem politischen Entscheidungsprozess für die politisch-militärischen Entscheidungen auf deutscher Seite 1940–1941 rekapituliert: Es ging um einen ganz besonderen, rassenideologischen Vernichtungskrieg, der herkömmliche Maßstäbe hinter sich ließ. Diese außergewöhnliche, von vornherein geplante Brutalität im Osten hebt Johannes Hürter beim Vergleich des deutschen Vorgehens in Frankreich und in der Sowjetunion hervor, während Wolfgang Wippermann die langfristig vorgeprägten Ideologeme seit dem 19. Jahrhundert betont. Alle neun Beiträge sind lesenswert.

          Doch bemerkenswert ist der Band durch zwei Beiträge über den langsamen Wandel der bundesdeutschen Erinnerungskultur, die sich zu diesem Ostkrieg erst langsam zu verhalten wusste. Axel Schildt umreißt dies brillant, wenn er Erwartungen eines kommenden dritten Weltkrieges und des kontinuierlichen Antikommunismus etwa um 1950 in die damalige politische Kultur einbettet und für die folgenden Jahre erläutert. Ein abendländischer Abwehrkampf, wie er etwa zum tausendjährigen Gedenken der (gegen Ungarn gerichteten) Schlacht auf dem Lechfeld 1955 stattfand, war hierfür nur ein markantes Beispiel; da gab es so gut wie kein Verständnis für Opfer des eigenen Eroberungskrieges. Dagegen zeigt Peter Jahn, langjähriger Direktor des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, wie sich in den letzten Jahrzehnten vieles änderte, seit etwa 1972 Andreas Hillgruber die Verbindung von Ostimperium und Vernichtungskrieg ganz in den Vordergrund der Deutungen stellte. Er macht auch klar, dass Karlshorst aus guten Gründen einen zu engen Fokus hat und dass es eines weiteren Horizonts bedarf, dass die Monstrosität nicht allein der Planungen, sondern vor allem der mörderischen Durchführung des „Lebensraum“-Krieges zu zeigen. Diese wirkt nicht nur bis in die Gegenwart politisch hinein, sondern war auch ein Aspekt deutscher Kriegführung und Politik des Zweiten Weltkrieges, der besser in dem Rahmen des damaligen Denkens der Deutschen zu erklären ist, auch wenn er dezidiert ein neuer Ort des Gedenkens an die Opfer werden soll. Ein Dokumentenanhang ist nützlich, bietet er doch von staatlichen Schlüsseldokumenten bis zum Alltagserleben einen guten Anhaltspunkt, um auch in politischer Bildung eine breitere Resonanz für dieses Thema zu finden, nachdem die Zeitzeugen alle nach und nach verstummen. Dieser Band und seine Beiträge vermögen dieses Ziel in der Öffentlichkeit gut zu fördern.

          Peter Jahn/Florian Weiler/Daniel Ziemer (Hrsg.): Der deutsche Krieg um „Lebensraum im Osten“ 1939–1945.

          Metropol Verlag, Berlin 2017. 195 S., 19,– .

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