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Die Allied Mobile Force : Militärisch schwach, medial stark

  • -Aktualisiert am

Die Flagge der Nato Bild: dpa

Schwerpunkt der Nato-Strategie war von den späten 1950er Jahren an die Vorneverteidigung in Deutschland. Dabei stand außer Frage, dass bei einem sowjetischen Großangriff rein konventionelle Kräfte zur Verteidigung nicht ausreichen würden.

          Pressereisen zu den Übungen der Allied Mobile Force der Nato, kurz AMF, waren immer beliebt. Als Feuerwehrtruppe zum Schutz der Bündnisflanken gegen sowjetische Aggressionen in Nordnorwegen, an den dänischen Nordseezugängen, in der Türkei, in Griechenland und in Italien war sie zwar klein. Aber an ihr konnten Journalisten einiges über den Zustand der Nato ablesen: Über die Bündnissolidarität, Konflikte zwischen Mitgliedstaaten, die chronisch knappen Ressourcen der Nato, die vorsichtige Rolle der Vereinigten Staaten als Nuklearmacht oder generell über Natostrategie.

          Das war ein spannender Hintergrund für die AMF-Manövergäste aus den Medien, verbunden mit tatsächlich eher schlichten Gefechtslagen. An Nord- und Südflanke übten jeweils nur etwa drei verstärkte Infanteriebataillone oder ein paar Jagdbomber. Ihnen und den Kräften des jeweiligen Einsatzlandes hätten im Ernstfall überlegene gepanzerte Verbände des Warschauer Paktes gegenübergestanden. Jedoch war der Erfolg der Nato zumindest in den Drehbüchern der Übungen sichergestellt: Die Öffentlichkeit im Bündnis sollte sich wegen schwacher Flanken keine Sorgen machen.

          Bernd Lemke, Historiker am Zentrum für Militärgeschichte der Bundeswehr, hat all dies kenntnisreich analysiert. Den Kern seiner Studie bildet eine lesenswerte Darstellung der Entwicklung der Nato von den späten 1950er Jahren bis zur Außerdienststellung der AMF im Jahre 2002. Dabei zeigt er auf der Basis eines umfassenden Quellenstudiums auf, wie es zur Formation dieser frühen multinationalen Truppe kam und welche politisch-militärische Rolle sie 40 Jahre lang spielte. Ergänzt wird das durch eine Untersuchung der Sicherheitslage an den Flanken. Bemerkenswert aktuell sind Lemkes Analysen der komplizierten griechisch-türkischen Südflanke mit den Gefahren aus dem angrenzenden Nahen Osten, der Rolle der Vereinigten Staaten dort oder die Risikobewertung des volatilen griechischen Bündnispartners.

          Schwerpunkt der Natostrategie war die Vorneverteidigung in Deutschland. Dabei stand angesichts der Überlegenheit des Warschauer Paktes im Grunde außer Frage, dass bei einem sowjetischen Großangriff rein konventionelle Kräfte zur Verteidigung nicht ausreichen würden. Taktische Atomschläge wären notwendig geworden. Nuklear verteidigen konnten aber nur die Amerikaner. Lemke zeigt auf, dass Washingtons Bereitschaft hierzu jedoch zurückhaltend war. Neben der nuklearen Eskalationsgefahr hatten die Amerikaner ihre globalen Interessen vor Augen. Daher forderten sie wiederholt größere europäische Rüstungsanstrengungen, um nicht zu früh einen Atomkrieg zu riskieren. Auch die Sorgen um die extrem schwachen Flanken spielten eine Rolle.

          Die Vereinigten Staaten hielten das AMF-Konzept für unzureichend: zu wenig für eine „Nuklearsolidarität“. Die Europäer wiederum lehnten eine konventionelle Aufrüstung aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ab. Damit war die Bündnissolidarität lange durch eine dialektische Spannung geprägt.

          Man ging allerdings nicht durchgängig von einem sowjetischen Großangriff in Deutschland aus. Als eine Salamitaktik des Ostens kamen auch räumlich begrenzte Grenzverletzungen mit kleineren Territorialgewinnen in Frage. Dazu boten sich vor allem die Flanken an. Unterstellt wurde, dass die Sowjets damit die Bündnispartner auseinanderdividieren und finnlandisieren wollten. Wer würde schon wegen ein paar Quadratkilometer einen dritten Weltkrieg wagen?

          Einer solchen Bedrohung der Flanken wurde die AMF entgegengestellt. Jedoch blieb sie wegen der mangelnden europäischen Rüstungsbereitschaft und der chronischen Truppenknappheit im deutschen Mittelabschnitt militärisch ein ungepanzerter Zwerg. Dabei sollte er aber als wahrgenommener David den Gegner zumindest medial besiegen, politisch stark sein, den Verteidigungswillen härten, die Bündnissolidarität festigen und nicht zuletzt die öffentliche Meinung im Westen stabilisieren. Dazu dienten viele teure Übungen in den entlegenen Flankenregionen mit einer intensiven und durchaus erfolgreichen Medienarbeit.

          Diese dialektische Lösung war einer der typischen Kompromisse in der Nato, einem solidarischen Bündnis demokratischer Staaten mit allerdings nicht unerheblichen inneren Spannungen. Aber gerade eine Kultur der offenen politischen Debatte, nachhaltige Kompromissfähigkeit und starke kollektive Nerven sind immer die Stärke der Nato gewesen, zum Beispiel beim legendären Doppelbeschluss vom Dezember 1979. So war das Bündnis bis heute erfolgreich. Auch die „Androhung“ des AMF-Einsatzes hat dann am Ende vielleicht doch mit zum historischen Erfolg der Nato beigetragen. Nach dem Ende des Kalten Krieges blieb die AMF zunächst bis 2002 bestehen. Aber sie entsprach nicht mehr den Anforderungen der neuen globalen Rolle des Bündnisses. Daher war es konsequent, sie durch eine modernere Nato Response Force zu ersetzen.

          Lemke legt mit seiner Studie nicht nur eine offene und starke Analyse von 40 Jahren Nato und ihres Instrumentes AMF vor. Er zeigt zudem, wie die Nato in der Zukunft durch wissenschaftliche Arbeit konstruktiv, aber auch kritisch begleitet werden kann.

          Bernd Lemke: Die Allied Mobile Force 1961 bis 2002. Verlag De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015. 374 S., 59,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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