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Deutsche Besatzungspolitik : Von Warschau nach Westerland

  • -Aktualisiert am

Truppenparade der Wehrmacht am 5. Oktober 1939 in Warschau Bild: dpa

Daniel Brewing rückt in seiner akribisch recherchierten Studie zum ersten Mal die im Wesentlichen von Deutschen begangenen Massaker an polnischen Zivilisten in den Jahren 1939 bis 1945 ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

          Als im Frühjahr 2013 der ZDF-Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ lief, war das einerseits ein mediales Großereignis, andererseits stellte der Dreiteiler die deutsch-polnischen Beziehungen auf eine schwere Belastungsprobe: Der deutsche Opfermythos wurde nach Meinung vieler polnischer, aber auch deutscher Kritiker perpetuiert und die polnische Heimatarmee pauschal als antisemitisch dargestellt. In diesem Zusammenhang, so konnte man seinerzeit in dieser Zeitung lesen, zeigte sich „die riesige Ignoranz“ der deutschen Öffentlichkeit hinsichtlich des Leidens der polnischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg.

          Daniel Brewing zufolge steht dieses Leiden bis heute „im Schatten von Auschwitz“ - ein Muster des Umgangs mit deutscher Vergangenheit, das Jan Philipp Reemtsma einmal prägnant als „Unsichtbarmachung durch Beleuchtung des Extrems“ bezeichnet hat. Daher erweist es sich als ausgesprochen verdienstvoll, dass Brewing in seiner akribisch recherchierten, exzellent gegliederten und fesselnd geschriebenen Studie zum ersten Mal die im Wesentlichen von Deutschen begangenen Massaker an polnischen Zivilisten ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Er setzt dabei drei Akzente: Zeitlich fokussiert er auf die 2078 Tage deutscher Besatzungsherrschaft zwischen 1939 und 1945, hinsichtlich der Opfergruppe auf die nichtjüdische polnische Zivilbevölkerung, konzeptuell auf den Begriff des Massakers. In Abgrenzung zu den Kategorien des Terrors und des Genozids definiert Brewing Massaker als „örtlich gebundene, eigendynamische Gewaltexzesse, die durch extrem asymmetrische Machtrelationen“ sowie durch kontextspezifische Legitimierungsmuster und individuelle Handlungsspielräume geprägt sind.

          Um diese Massaker angemessen zu erklären und einzuordnen, beginnt die Darstellung mit den polnischen Teilungen des 18. Jahrhunderts, behandelt kurz die deutsche „Polenbegeisterung“ im national gesinnten Bürgertum nach dem polnischen Aufstand von 1830 und das jähe Ende dieser Begeisterung in den konkurrenzdominierten Debatten der Frankfurter Paulskirche. Ausführlicher werden die Auseinandersetzungen zwischen deutschen Freikorps und polnischen Freiwilligenverbänden sowie Zivilisten im Anschluss an den Ersten Weltkrieg thematisiert. Auseinandersetzungen, in denen sich „in den Köpfen der eingesetzten deutschen Truppen das tradierte Vorurteil der Polen als kulturlose Barbaren mit der Vorstellung grausamer polnischer Bandenkriegsführung verknüpfte“.

          An solche Feindbilder und Vorurteilsmuster konnte die nationalsozialistische Propaganda im Kontext des deutschen Angriffs auf Polen am 1. September 1939 nahtlos anknüpfen, zumal es nach dem Einmarsch der Wehrmacht in den ersten Septembertagen in der Tat zu vereinzelten gewaltsamen Ausschreitungen gegen Angehörige der deutschen Minderheit kam. Besondere Aufmerksamkeit schenkt Brewing dem „nationalsozialistischen Erinnerungsort“ des „Bromberger Blutsonntags“. In der westpolnischen Großstadt Bromberg kam es am 3./ 4. September 1939 zu polnischen Übergriffen, denen nach aktuellen Berechnungen rund 400 „Volksdeutsche“ zum Opfer fielen. In der nationalsozialistischen Propaganda wurde diese Zahl fortan geradezu grotesk vervielfacht, um die Ereignisse in Bromberg als Legitimations-Ressource oder - wie Brewing pointiert formuliert - als „Lizenz zum Töten“ zu instrumentalisieren. „Die Behandlung, die die Polen dem deutschen Volk haben zuteil werden lassen“, so behauptete Generalgouverneur Hans Frank im Mai 1940 in Zappot, sei derart „unbeschreiblich, dass eigentlich die polnische Nation ihr Existenzrecht verwirkt“ habe, denn was bedeuteten „60 000 ermordete Volksdeutsche, wie viel Schmerz, wie viel Blut, wie viel Not“.

          Vor diesem Hintergrund verfolgt Brewing die Jahre deutscher Gewaltherrschaft in Polen von den „Anfängen der Partisanenbekämpfung“, die sich zunächst gegen eine relativ kleine Gruppe um den legendären Henryk Dobrzanski (Hubal) richtete, bis zur Phase der Agonie 1944/45. Das chronologische Vorgehen wird durch systematische Kapitel ergänzt, in denen beispielsweise deutlich wird, wie eng „Partisanenbekämpfung“, Judenmord, Ausbeutung der polnischen Landwirtschaft und Zwangsarbeiterrekrutierung miteinander zusammenhingen. Die letzten Kapitel widmen sich der in der NS-Propaganda ebenso als Partisanenbekämpfung bezeichneten Niederschlagung des Warschauer Aufstandes im Spätsommer und Herbst 1944 - ein Ereignis, das Brewing im Sinne eines „Transfers“ mit der „Bandenbekämpfung“ im ländlichen Raum strukturell eng verzahnt und dem zirka 150 000 polnische Zivilisten zum Opfer fielen.

          Außerdem geht es um den Umgang mit deutscher Geschichte nach 1945. Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist der SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Heinz Reinefarth, den SS-Reichsführer Heinrich Himmler im August 1944 damit beauftragt hatte, den Warschauer Aufstand niederzuschlagen, und der dafür anschließend mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet wurde. Ein Verfahren gegen Reinefarth stellte die Staatsanwaltschaft Flensburg vor 50 Jahren, im November 1966, ein. Bis dahin war Reinefarth von 1951 bis 1964 Bürgermeister der Stadt Westerland auf Sylt und seit 1958 Abgeordneter des Landtags von Schleswig-Holstein gewesen. Erst 70 Jahre nach dem Warschauer Aufstand bekannten sich die Gemeinde Sylt und der Landtag von Schleswig-Holstein endlich zu dieser Nachgeschichte der NS-Vergangenheit.

          Daniel Brewing: Im Schatten von Auschwitz. Deutsche Massaker an polnischen Zivilisten 1939-1945. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2016. 363 S., 79,95 €.

          SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth war von 1951 bis 1964 Bürgermeister auf Sylt und Landtagsmitglied.

          Quelle: F.A.Z.

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