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Der Schöngeist als Regierungschef

16.05.2006 ·  Ein Lesevergnügen: Philipp Gasserts monumentale Biographie über den Großkoalitionär Kurt Georg Kiesinger

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Bücher haben tatsächlich, wie es in einem oft zitierten Sprichwort heißt, ihr Schicksal. Als Philipp Gassert damit begann, seine Heidelberger Habilitationsschrift über Leben und Werk Kurt Georg Kiesingers zu verfassen, war eine Regierung der großen Koalition weit und breit nicht in Sicht. Heute, zum Zeitpunkt des Erscheinens der Biographie, amtiert eine schwarz-rote Regierung. An Aktualität ist die neue Darstellung also kaum zu übertreffen. Ihre Vorzüge liegen indes auf ganz anderen Feldern. Gasserts opus magnum besticht durch die kaum zu überbietende Materialbasis, durch die Intensität der gedanklichen Durchdringung des Stoffes und durch eine literarische Darbietung, welche die Lektüre zu einem regelrechten Lesevergnügen macht.

Von den Anfängen im schwäbischen Ebingen bis zu den letzten Jahren als elder statesman im heimatlichen Tübingen rekonstruiert der Autor den Lebensbogen des 1904 geborenen Kurt Georg Kiesinger, dessen Vita durch die zwei Vergangenheiten des 20. Jahrhunderts geprägt wurde - bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs durch die bleibende, ja lastende Erfahrung der Diktatur und nach der "deutschen Katastrophe" durch die ansehnlichen, bis heute wirkenden Leistungen der Demokratie.

In dieser Perspektive wird immer wieder die Frage nach der Haltung Kiesingers im "Dritten Reich" aufgeworfen. Denn im Jahr der "Machtergreifung" war der knapp Dreißigjährige nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Tübingen und Berlin in die NSDAP eingetreten. Zu den braunen Jakobinern ging er jedoch bald schon - nach dem sogenannten Röhm-Putsch, als der totalitäre Staat Recht und Gesetz ruchlos beugte - ganz bewußt auf Distanz. Unter Inkaufnahme beruflicher Nachteile blieb er dem "Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund" fern, verzichtete damit auf eine öffentliche Karriere, verdiente seinen Lebensunterhalt statt dessen als juristischer Repetitor und ließ sich 1940, um der Einberufung in die Wehrmacht zu entgehen, in das Auswärtige Amt "dienstverpflichten", wo er bis zum Stellvertretenden Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung aufstieg. Obwohl er im Jahr 1944, weil er unübersehbaren Abstand zum Regime hielt, Opfer einer Denunziation geworden war, trug er seine Vergangenheit unter Hitlers Diktatur auch nach der Zäsur des Jahres 1945 wie ein anhaftendes Gebrechen mit sich. An allen Wendepunkten seiner politischen Laufbahn in der jungen Bundesrepublik Deutschland wurde die Debatte um den im Entnazifizierungsverfahren Entlasteten immer wieder aufs neue geführt: bei den Auseinandersetzungen um seine Wahl zum Generalsekretär der CDU im Jahr 1950, die er letztlich nicht annahm; bei seiner Bestellung zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg im Jahr 1958 und nicht zuletzt bei seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten der Union im Jahr 1966.

So eingehend, wie das bisher noch nicht getan worden ist, prüft Philipp Gassert die dabei vorgebrachten Argumente, läßt beileibe nichts beiseite, was belastet, richtet aber auch nicht mit jenem Unverständnis Späterlebender, welche die Grenzen zwischen Demokratie und Diktatur leichtfertig übersehen: Kiesinger war, so lautet der Befund, alles andere als ein in der Wolle gefärbter Nazi und blieb gleichwohl von seiner Vergangenheit zeitlebens gezeichnet. "Er wußte besser als alle anderen", beschreibt der ihm eng verbundene Günther Diehl Kiesingers rückblickende Empfindungen, "daß er Kompromisse mit dem Regime geschlossen hatte".

Schon in den Anfängen der Bonner Republik machte der noch einmal Davongekommene als Parlamentarier von sich reden und avancierte rasch zu einem außenpolitischen Debattenstar der jungen Demokratie. Gegen erhebliche Widerstände in seiner eigenen Partei beförderte er zudem die Gründung des Südweststaates, stieg schließlich zum Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses auf und blieb gleichwohl, obwohl er dafür immer wieder ins Spiel gebracht wurde, ohne Ministeramt, weil sein Verhältnis zum Patriarchen im Palais Schaumburg niemals störungsfrei war.

Kein Wunder also, daß er dem Ruf aus seiner baden-württembergischen Heimat im Jahr 1958 gerne folgte und als Ministerpräsident ins Ländle ging: Damit begann, ganz ohne Zweifel, die beste Zeit seines Politikerlebens. Als modernisierender Konservativer vermochte er von der Villa Reitzenstein aus die Geschicke seines Landes erfolgreich zu gestalten und hinterließ beispielsweise mit den drei Neugründungen der Universitäten Konstanz, Ulm und Mannheim eine bleibende Spur seiner alles in allem so erfolgreichen Tätigkeit. Ja, allen Gepflogenheiten württembergischer Sparsamkeit zum Trotz huldigte er damals einer bis dahin ganz unüblichen Großzügigkeit der Repräsentation, ließ sich auch von dem darüber nörgelnden Professor Theodor Eschenburg den geliebten Südweststaat nicht zu einer "Oberbürgermeisterei" minimieren, sondern machte von Baden-Württemberg aus, nicht zuletzt auch auf außenpolitischem Terrain, ausgesprochen Staat. Generös kamen ihm die finanziellen Möglichkeiten der frühen sechziger Jahre entgegen und eröffneten inzwischen längst verschüttete Gelegenheiten zu politischer Gestaltung: Kurt Georg Kiesinger hat sie genutzt.

Unter den Ministerpräsidenten der Länder einer der ganz führenden Repräsentanten, wurde er immer wieder für höhere Aufgaben gehandelt. Seiner Neigung hätte gewiß die Übernahme des Außenministeriums entsprochen. Allein, als die junge Bundesrepublik im Verlauf des Jahres 1966 in eine krisenhafte Phase geriet, da beriefen ihn die Verantwortlichen in das Amt des Kanzlers. Eine leichte Rezession, eine Deckungslücke im Haushalt von nicht einmal dreieinhalb Milliarden DM und eine sich erstmals seit langem wieder bemerkbar machende Arbeitslosigkeit von 673 000 davon Betroffenen trugen zum Ende der Regierung Ludwig Erhards ausschlaggebend bei. Rapide sackte die CDU in der Wählergunst ab, und seit langem schon stand die SPD als Koalitionspartei im Wartestand zum Eintritt in die Regierung bereit. Am Ende des Jahres 1966 fanden sich die beiden Volksparteien in einer Großen Koalition zusammen. An die Spitze dieses Bündnisses der Rivalen trat Kurt Georg Kiesinger, der seine Regierung zu beachtlichen Erfolgen führte. Der wirtschaftliche Aufschwung, untrennbar mit den Namen von Karl Schiller und Franz Josef Strauß verbunden, stellte sich rasch ein; die Einrichtungen des Sozialstaates wurden großzügig ausgebaut, und das Vertrauen in die Planbarkeit der Politik, ja in die Machbarkeit der Dinge überhaupt, führte zu einem Umbau der allgemeinen Verhältnisse, die sich von der Klassen- zur Konsumgesellschaft, von der Arme-Leute-Politik zur Gesellschaftspolitik, von der ursprünglichen Phase der Sozialen Marktwirtschaft in ein neues, gleichsam aufgeklärtes Stadium ihrer Existenz entwickelten.

Das alles, was uns teilweise inzwischen schon wieder als problematisch vorkommt, seinerzeit aber bereitwillig akzeptiert wurde, verbindet sich mit dem Namen von Kurt Georg Kiesinger. Und was ihm in diesem Zusammenhang nicht selten als Schwäche seiner Kanzlerschaft vorgehalten wurde, gehört im Grunde zum Imperativ des Regierungshandelns in einer großen Koalition schlechthin. Der Kanzler mußte tatsächlich, wie spöttisch bemerkt worden ist, ein "wandelnder Vermittlungsausschuß" sein, nicht zuletzt um die zahlreichen Primadonnen der Großen Koalition bei der Stange zu halten. Mehr noch: Neben den üblichen Varianten der Regierungsbildung, nämlich eine kleine Koalition aus Union und FDP oder aus Sozialdemokraten und Freidemokraten zu bilden, gab es von nun an eine weitere Wahlchance, die allen Unkenrufen zum Trotz die Existenz der Bundesrepublik Deutschland nicht gefährdet, sondern vielmehr gestärkt hat.

Mit anderen Worten: Jedem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland kann, ohne daß sein Wirken darin auch nur im entfernten aufgehen würde, ein schlagwortartiges Prädikat zugeordnet werden: Konrad Adenauer und die Westintegration; Ludwig Erhard und die Soziale Marktwirtschaft; Willy Brandt und die Ostpolitik; Helmut Schmidt und die Staatsvernunft; Helmut Kohl und die Wiedervereinigung. Kurt Georg Kiesinger, dem urbanen und gebildeten, allem Schöngeistigen zugetanen Herrn aus Schwaben, so ist in dieser Perspektive immer wieder geurteilt worden, sei die große Chance, sich in das Buch der Geschichte einzutragen, einfach versagt geblieben, weil seiner Regierung das säkulare "Projekt", die "grande querelle" gefehlt habe. Das ist in gewisser Hinsicht zutreffend, ja von Kiesinger zuweilen selber so gesehen worden. Allein, eine Große Koalition konnte nun einmal keine Genieperiode der deutschen Geschichte einleiten, sondern sie erfüllte die bitter notwendigen Aufgaben einer Reparaturwerkstatt und unterstrich damit alles in allem die Krisentauglichkeit der jungen Republik. Erfolgreich erprobte sie eine Option der Regierungsbildung, die eine Ausnahme war und bleibt und gleichwohl seit den drei wirkungsmächtigen Jahren zwischen 1966 und 1969 zur Normalität der parlamentarischen Demokratie gehört. Diese Bewährungsprobe des Parlamentarismus und des Parteienstaates aber ist mit der Persönlichkeit Kurt Georg Kiesingers aufs engste verbunden, der als Kanzler der Großen Koalition die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland durchaus schöpferisch geprägt hat.

KLAUS HILDEBRAND

Philipp Gassert: Kurt Georg Kiesinger 1904-1988. Kanzler zwischen den Zeiten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006. 895 S., 39,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2006, Nr. 113 / Seite 9
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