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Der Mai 1968 in Paris : Eine Generation wird erwachsen

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Schlachtfeld: Studenten an einer Barrikade in Paris Bild: MAGNUM PHOTOS

Für eine Revolte hat es gereicht, eine Revolution fand aber dann doch nicht statt. Der Mai 1968 in Paris – ein Rückblick nach fünfzig Jahren.

          Nichts deutete Anfang 1968 darauf hin, dass Frankreich revolutionäre Erschütterungen bevorstanden. Die seit vier Jahren andere westliche Staaten heimsuchenden Unruhen nahm das Land eher gelangweilt zur Kenntnis. Doch dann wendete sich das Blatt. In den ersten Maitagen entfachte eine Protestbewegung von Paris aus eine Welle von Demonstrationen an den Universitäten, schlug in einen landesweiten Streik der Arbeitnehmer um und führte zu einer veritablen Staatskrise. Fünfzig Jahre nach den dramatischen Ereignissen legt Wilfried Loth, einer der besten deutschen Kenner der französischen Zeitgeschichte, eine neue Gesamtdarstellung des „Mai 68 in Frankreich“ vor. Ebenso dicht wie spannend schildert er die Vorgänge auf der Basis des veröffentlichten Schrifttums „jenseits von Polemik oder Nostalgie“.

          Seit dem Ende der fünfziger Jahre hatten sich die Studentenzahlen in Frankreich verdreifacht, ohne dass die Universitäten mitgewachsen waren. Aus Protest gegen eine unzureichende Hochschulreform organisierten die Studenten der Philosophischen Fakultät der Sorbonne Anfang 1968 einen Vorlesungsstreik. Auf die Besetzung von Räumen der nach Nanterre ausgelagerten Abteilung antwortete die Universitätsleitung im März mit einer Schließung der Fakultät. Zwei Monate später löste die Schließung der Gesamtuniversität im Herzen von Paris heftige Kämpfe zwischen Studenten und Ordnungshütern aus. Obwohl der Rektor am 9. Mai die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs bekanntgab, riefen die Rädelsführer zum „Widerstand gegen den vermeintlichen Polizeistaat“ auf. In der „Nacht der Barrikaden“ vom 11. Mai überzogen die Sicherheitskräfte die studentischen Meuterer mit „Salven von Tränengas-Granaten“. Die Schreckensbilanz von 367 Verletzten veranlasste Premierminister Georges Pompidou, noch am späten Abend die Wiedereröffnung der Sorbonne anzukündigen. Anstatt die Lage zu beruhigen, führte sein durchsichtiges Machtspiel um die Nachfolge des offenbar überforderten Staatspräsidenten de Gaulle auf eine neue Stufe der Eskalation. Durch die Intervention der Gewerkschaften schlug das „improvisierte Revolutionsfest“ in eine gesellschaftliche Massenbewegung um. Vom 14. bis 22. Mai legten mehr als sieben Millionen Franzosen die Arbeit nieder.

          Hinter der Ansammlung von Protest und Verweigerung verbargen sich sehr unterschiedliche Antriebskräfte. Während in der Arbeiterschaft Frust über die Benachteiligung bei der Verteilung der Früchte des Wirtschaftswunders wie auch Furcht vor Arbeitslosigkeit vorherrschten, verschmolzen bei den Studenten die Sorge um fehlende Aufstiegsmöglichkeiten mit der Auflehnung gegen das bürgerliche Wertesystem, der Forderung nach einer Neubestimmung der Geschlechterbeziehungen und der Empörung über den Krieg in Vietnam zu einem höchst heterogenen Amalgam der Unzufriedenheit.

          Wenngleich die Mai-Bewegung außerhalb der städtischen und industriellen Zentren wie „ein Schauspiel“ wahrgenommen wurde, sollte sie die Regierung in eine kritische Lage bringen. In den Fokus des Missvergnügens geriet Staatspräsident de Gaulle, der die Revolte mit Unverständnis beobachtete und mit Härte niederzuschlagen wünschte. Nach Abbruch eines Staatsbesuchs in Rumänien machte ein Fernsehauftritt am 24. Mai alles nur noch schlimmer. De Gaulles Ankündigung eines Referendums über ein weitreichendes „Partizipations-Gesetz“ wurde in der Öffentlichkeit als reines Ausweichmanöver abgetan. Pompidou konzentrierte sich nun auf einen Bruch der ungleichen Allianz von Studenten und Arbeitern und vereinbarte mit Gewerkschaften und Unternehmern am 27. Mai das berühmte „Grenelle-Abkommen“. Doch trotz drastischer Lohnerhöhungen und Arbeitsverbesserungen sollte der Protest nicht verstummen. In einschlägigen Kreisen wurde die Parole ausgegeben, die Revolution sei möglich.

          Zwei Tage später setzte sich de Gaulle in Begleitung seiner Frau zu den französischen Truppen nach Baden-Baden ab. Loth deutet die geheimnisumwitterte Reise als „letzten verzweifelten Versuch, die Führung des Landes wieder in die Hand zu bekommen“. Offenbar hoffte der Staatschef darauf, „ein Chaos“ zu schaffen, um zurückgerufen zu werden; sollte das nicht funktionieren, gedachte er, „ins Exil“ zu gehen. Doch es kam anders. Nach einem eindringlichen Gespräch mit dem Kommandierenden General Jacques Massu entschloss sich de Gaulle, den Kampf um die Macht sofort wiederaufzunehmen. Am 30. Mai kehrte er nach Paris zurück und ordnete auf Vorschlag Pompidous Neuwahlen zur Nationalversammlung an. De Gaulles Freude über den Erdrutschsieg der Gaullisten währte nicht lang. Da das Volk einem wichtigen Baustein seines Partizipationsprojekts, einer Verfassungsreform zur Bildung regionaler Zwischengewalten, am 27. April 1969 die Zustimmung verweigerte, trat er unverzüglich zurück.

          Wie Loth überzeugend darlegt, begann der „Mai 68“ in Frankreich als Geschichte „vom Erwachsenwerden und der Politisierung einer Generation, die in demokratischer Freiheit und im wachsenden Wohlstand einer modernen Industriegesellschaft aufgewachsen“ war, sich von der Elterngeneration distanzierte und „eine bessere Gesellschaft“ zu schaffen hoffte. Zu einer landesweiten Revolte wuchs sich der universitäre Protest durch die mediale Übertragung der „Nacht der Barrikaden“ sowie die Mobilisierung durch strategisch erfahrene Studentenführer aus. Zu ihnen gehörte auch der „deutsch-französische Aufwiegler“ Daniel Cohn-Bendit, der dank des ihm zuwachsenden Charismas eine zentrale Rolle spielte.

          Die von manchem erhoffte Revolution blieb jedoch aus. Am Ende des „Mai 68“ standen weder Umsturz noch Systemwechsel, sondern „eine Bekräftigung der demokratischen Ordnung“, die es allerdings erlaubte, das politische und gesellschaftliche System Frankreichs zu reformieren. Ob in diesen Wochen „beglückender Erfahrungen und verstörender Momente ein Zyklus in der französischen Geschichte begann, der mit den Präsidentschaftswahlen von 2017 endete“, wie der Einband des höchst lesenswerten Buches behauptet, sei allerdings dahingestellt.

          Wilfried Loth: Der Mai 68 in Frankreich. „Fast eine Revolution“. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2018. 326 S., geb., 29,95 Euro.

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