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Der Jagdkrieger mit der Entenfeder

17.10.2007 ·  Joachim Castan will das Fliegerass Manfred von Richthofen vom Heldenhimmel herunter auf die Patientenerde holen

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Mit 80 Luftsiegen gilt Manfred Freiherr von Richthofen als erfolgreichster Jagdflieger des Ersten Weltkrieges. Der 1892 in Breslau geborene Offizierssohn war ursprünglich Leutnant in einem preußischen Ulanenregiment und beantragte 1915 die Versetzung zur neu aufgestellten Fliegertruppe. Nach der Ausbildung zum Beobachter und zum Piloten stieß er zur Jagdstaffel 2, die Oswald Boelcke führte. Der jüngste Hauptmann des Heeres - von der Propaganda längst als Nationalheld gefeiert - war Richthofens prägender Lehrer und sein großes Vorbild, bis Boelcke nach 40 erfolgreichen Luftkämpfen Ende Oktober 1916 mit einem anderen Flugzeug der eigenen Staffel kollidierte und ums Leben kam.

Das "Erbe" Boelckes trat Richthofen wenig später an, als er nach 16 Abschüssen im Januar 1917 Ritter des Ordens Pour le mérite wurde und an der Spitze einer Jagdstaffel stand. Diese trug im Frühjahr 1917 maßgeblich dazu bei, die alliierte Luftüberlegenheit an der Westfront zu brechen. Innerhalb von zwei Wochen zum Oberleutnant und zum Rittmeister befördert, übernahm er Ende Juni das aus vier Jagdstaffeln zusammengefasste Jagdgeschwader Nr. 1. Am 6. Juli erlitt er einen Kopfschuss, konnte aber seine Maschine notlanden und nach einem Monat Rekonvalenz an die Front zurückkehren. Als er am 21. April 1918 ein kanadisches Flugzeug verfolgte, wurde er über den alliierten Linien in der Nähe von Vaux-sur-Somme bei Amiens tödlich verwundet - vermutlich vom Boden aus durch einen australischen MG-Schützen.

Die Lebensgeschichte des gefeierten Soldaten, der 1917 die Autobiographie "Der rote Kampfflieger" verfasste, weiß der Historiker und Dokumentarfilmer Joachim Castan spannend zu erzählen. Ihn interessiert, was den "roten Baron" - nach der Farbe seines Flugzeuges so genannt - antrieb, um ein Held zu werden. Am Anfang stand wohl die Jagd. Albrecht von Richthofen erzog seinen Sohn "zu einem guten Reiter und exzellenten Jäger". Die Jägersprache, mit der Tötungshandlungen "durch harmlos klingende Begriffe verschleiert und ,entschärft' werden", habe Manfred so verinnerlicht, dass sie sich in seinem Kriegsbestseller wiederfinde. Damit hat Castan das Leitmotiv für die Richthofen-Studie gefunden. Über den ersten Luftsieg heißt es, dass für Richthofen der Abschuss eines "Wesens" jedweder Art Spaß und Genugtuung bedeutete. Außerdem sammelte er Überreste der bekämpften Flugzeuge und belohnte sich mit kleinen durchnumerierten Silberbechern, in die er den Flugzeugtyp und das Datum des Abschusses eingravieren ließ (60 fertigte ein Juwelier an, danach war für solche "Souvernirs" kein Silber mehr zu beschaffen). Im Mai/Juni 1917 empfingen Kaiser Wilhelm II. und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg mehrfach das Fliegerass in Bad Kreuznach. Ende Mai begann Richthofen mit der Niederschrift seiner Autobiographie. Castan zitiert ausführlich daraus, wenn er auch einräumt: "An welchen Stellen in das Orginalmanuskript eingegriffen worden war, ist nicht mehr rekonstruierbar." In dem Buch finde sich allerdings nichts darüber, dass Richthofen "Schäden an seiner Seele" erlitten habe. Die führt Castan auf Enttäuschungen über das kaiserliche Hauptquartier und den Absturz zurück.

Psychologische Deutungsmuster bevorzugt Castan bei der weiteren Behandlung seines Patienten. So attestiert er dem "roten Baron", er habe "offenbar keinerlei weibliche Zuneigung jenseits von seiner Mutter" gebraucht: "Doch wo blieb Richthofens überschüssige Libido?" Daraufhin lüftet der doppelte Doktor ein Geheimnis und nennt Moritz als "eines der ganz wenigen innig geliebten Wesen" Richtshofens. Und das war gut so, glaubt der Leser schon, bevor Castan schnell das "Beziehungsproblem" lüftet: "ein bulliger Mischlingshund", bei dem "eine deutsche Dogge offenbar dominant war". Wie gut sich Manfred und Moritz verstanden, fühlt der Biograph nach: "Seltsamerweise setzte er Moritz nie als Jagdhund ein - wahrscheinlich hatte er arge Bedenken, dass seinem geliebten Wesen dabei irgendetwas hätte zustoßen können. Richthofen wäre sicherlich untröstlich gewesen, wenn sich sein Moritz im feuchten Unterholz verkühlt hätte . . ." Das ist Humor vom Allerfeinsten und ein Trost für alle Doggen, die bisher als Jagdhunde doch eher verkannt worden sind. Immerhin: Richthofen habe "kein Herz eines jungen Fräuleins brechen" wollen, sondern sich darauf konzentriert, "die Herzen und Köpfe von englischen jungen Männern zu durchschießen". Weil Richthofen gern von "tiefer Befriedigung" nach einem Abschuss gesprochen habe, vermutet Castan hier ein Musterbeispiel für Triebsublimation.

Sogar Richhofens nobles Verhalten gegenüber Gegnern zieht Castan in Zweifel - trotz des berühmten Fotos, das festhielt, wie der Luftsieger am 3. September 1917 sich lächelnd mit dem gerade abgeschossenen britischen Piloten Algernon Bird unterhielt, dem trotz Motortreffer im Gleitflug eine Landung gelungen war. Der 61. Abschuss sei für die kaiserliche Propaganda eine willkommene Gelegenheit gewesen, den Richthofen-Mythos auszubauen. Dieser suggeriere, "dass Richthofen fast immer in dieser Weise handelte. Verschwiegen wird dabei, dass es sich bei diesen Fall . . . um eine völlige Ausnahme handelte, die lediglich zwei weitere Male in dieser Weise passierte." Gern hätte man mehr über die anderen Fälle erfahren und darüber, ob diese ebenfalls in die Lebensphase nach dem 6. Juli 1917 fielen - jenem Tage, als Richthofen mit Loch im Schädelknochen dem Tode nur knapp entkam. Nach jüngsten neurologischen Einschätzungen sei Richthofen anschließend "medizinisch gesehen eigentlich fluguntauglich" gewesen. Überhaupt sei es ihm seither nicht mehr nur um das Töten gegangen, sondern darum, dass der Gegner "brennend abstürzt". Von "finaler Besessenheit" und "Sadismus" spricht Castan, von einer "grausamen Kampfmaschine am Steuerknüppel".

Die Schlussbetrachtung stellt eine "unverblümte Äußerung" Richthofens aus dem Frühjahr 1918 heraus: "Die Jagd ist mein Krieg." Der Jagdinstinkt habe ihn beherrscht, so dass das Zielobjekt - ob Hirsch, Wildsau oder Mensch - keine Rolle gespielt habe. Den "innersten Kern des Menschen" erkennt der Biograph in einer Entenfeder, die bis 1945 im Richthofen-Museum in Schweidnitz hinter Glas hing, zusammen mit einem Zettel: "Erste Ente, Romberg, 27. Dezember 1906" - eine Bescheinigung, die Richthofen sich noch eigenhändig ausstellen musste.

Das ständige Streben nach Anerkennung hänge mit der Geburt des "Nachzüglers" Bolko im April 1903 zusammen, auf den sich die mütterliche Zuneigung fortan konzentriert habe, zumal Manfred als ältester Sohn im Herbst jenes Jahres auf eine "unmenschliche Kadettenanstalt" geschickt worden sei. Die Familie habe sich damit seiner "entledigt", so dass er sich - ob nun in der Ausbildung oder an der Front - an freien Tagen nur als Gast im Elternhaus gefühlt habe. "Was er sein Leben lang vergeblich suchte, blieb die Anerkennung und Liebe durch seine Eltern. Die Anerkennung durch Vorgesetzte, den Kaiser oder die ,Nation' waren nur Ersatzhandlungen für die verlorengegangene elterliche Zuneigung." Grundsätzlich habe ihm die scheinbar ewig verlorene Liebe der Mutter Kunigunde gefehlt, die wiederum ihren Heldensohn vor allem bewundert, aber nicht geliebt habe. Demnach könnte eine schlichte Entenfeder die "eigentliche ,Triebfeder' für eine der bekanntesten Heldenlegenden des 20. Jahrhunderts sein". Ob die Traditionspfleger in der Bundesluftwaffe damit weiter fliegen können?

RAINER BLASIUS

Joachim Castan: Der rote Baron. Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2007. 360 S., 24,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2007, Nr. 241 / Seite 9
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