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Der Geläuterte : Ikone der Menschheit

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Friedensnobelpreisträger: Mandela und sein Vorgänger de Klerk 1993 Bild: AP

27 Jahre in Haft und danach trotzdem zum Versöhner geworden. Glückliches Südafrika!

          Ohne Nelson Mandela wäre die Geschichte Südafrikas anders verlaufen – vermutlich hätte sich die weiße Minderheitsregierung einige Jahre länger mit ihrer Politik der Unterdrückung und Rassendiskriminierung gehalten, wäre dann aber in einem Bürgerkrieg geendet. Wie wohl nur wenige Menschen hat Mandela die Geschicke seines Landes eigenhändig verändert, überwiegend zum Besseren. Wie kaum ein anderer Mensch wurde der Rebell und erste Präsident eines freien Südafrika zur Ikone – wohl niemand anderes wird weiter in aller Welt so verehrt.

          Der Regensburger Politikwissenschaftler Stephan Bierling hat, rechtzeitig vor dem hundertsten Geburtstag am 18. Juli, eine Biographie vorgelegt, die die eindrucksvolle Autobiographie Mandelas erweitert und deren Aussagen verschiebt: Sie bettet das Leben des Häuptlingssohnes aus dem Ostkap geschickt ein in die politische Geschichte Südafrikas; und sie fegt bei aller Bewunderung für die Ausnahmegestalt den Heiligenschein der meisten bisherigen Biographien, verfasst von Weggefährten und Helfern, weg. Dabei half Bierling, dass in den vergangenen Jahren nicht nur zahlreiche Augenzeugenberichte „aus dem Inneren“ erschienen, sondern auch viele Dokumente zugänglich wurden, die Originaltexte später vom Afrikanischen Nationalkongress (ANC) beschönigter Aufzeichnungen und Reden enthalten.

          Sichtbar wird ein einsamer Mensch, den sein großes Ziel leitete, schwarzen Südafrikanern Würde, Freiheit und politische Teilhabe zu ermöglichen. Dafür nahm er 27 Jahre Haft auf sich, aus denen er geläutert hervorging, der große Versöhner, als der er auch von weißen Südafrikanern geliebt wird. Dass er manche Umwege ging, um sein Ziel zu erreichen – von ihm angestoßene Sabotageakte, politische Gewalt, ein enges Bündnis mit den Kommunisten, in deren innerem Zirkel er zeitweise saß –, schildert das Buch unaufgeregt, präzise, mit zahllosen Dokumenten belegt – und gut lesbar.

          Mandela fügte sich loyal ein in die Befreiungsbewegung ANC, deren unangreifbarer Präsident er erst 1991 wurde, die er aber als charismatische Führungsfigur schon Jahrzehnte zuvor geprägt hatte. Wenn es darauf ankam – bei der Entscheidung für den bewaffneten Widerstand, bei der Aufnahme geheimer Verhandlungen mit der Regierung, beim Plädoyer für Versöhnung und für Minderheitenrechte –, stimmte er sich, stets gut vorbereitet, nur mit ganz wenigen oder niemandem ab. Den Weg zum Frieden und Rechtsstaat konnte er bei den wilden Jungen deshalb überzeugt durchsetzen, weil er auch im Untergrund allen voranging.

          Opfer hat Nelson Mandela viele gebracht, nicht nur in seinen Haftjahren, in denen er es rasch schaffte, seine Wärter durch seinen Charme, seine Zugewandtheit zu deren Sprache und Denkweise zu überlisten und die Machtverhältnisse im Kerker und später bei den weißen Machthabern umzudrehen. Opfer brachte er auch im persönlichen Leben. Die Seiten, in denen Bierling schildert, wie sich die in sich gespaltene Familie und sein früherer Anwalt nach Mandelas Tod 2013 um sein Erbe zerfleischen und sein Bild und seinen Namen missbrauchen, sind tieftraurig. Würdig blieb allein seine dritte Ehefrau Graça Machel. Die Nachkommen nutzten aus, dass Mandela einstigen Freunden oder Verbündeten gegenüber loyal blieb, auch wenn sie vom Wege abkamen wie seine zweite Frau Winnie oder ihre Völker unterdrückten wie die Machthaber in China, der Sowjetunion, Libyen, Kuba. Kritik äußerte er da entweder gar nicht oder wie beim zimbabwischen Diktator Robert Mugabe spät.

          Immer wieder schildert Bierling das regionale, politische und wirtschaftliche Umfeld, in dem Nelson Mandela jeweils wirkte – vom Goldbergbau über die Apartheidstrukturen bis zur Weltpolitik. Er stützt sich fast nur auf südafrikanische und angloamerikanische Quellen, kaum auf deutschsprachige. Die Einflüsse deutscher politischer Stiftungen und des Bundesverfassungsgerichts in den Jahren des Umbruchs werden ebenso übersehen wie die Besuche Mandelas in Bonn und Berlin. Beim Föderalismus, bei den Grundrechten und vor allem beim Verfassungsgericht, das auch in den letzten Monaten Missbräuche und Fehlentwicklungen seines Erbes eindämmen konnte, gab es nachhaltige Einflüsse. Das gilt ebenso bei der Integration von Armee und den Kämpfern des ANC, beim Wirtschaftsprogramm und bei der Einbindung der Inkatha-Bewegung unmittelbar vor der Wahl 1994, was statt eines dräuenden Bürgerkriegs dann einige Jahre des Regenbogengefühls brachte.

          Bierling zeichnet die Gespaltenheit des Wesens Mandelas, der in der Bevölkerung liebevoll „Madiba“ (sein Stammesname) oder „Tata“ (Vater) genannt wurde. Er war persönlich (relativ) bescheiden – bis zuletzt beharrte er darauf, auch im Hotel sein Bett selbst zu richten. Kaum jemand konnte seinem Humor und seiner Selbstironie widerstehen – so war er außer ihrem Ehemann der Einzige, der die britische Königin mit ihrem Vornamen Elisabeth anredete und sie zu einem Spontantanz bewegte. Sein Pragmatismus und sein taktisches Gespür verdrängten meist seine ideologischen Grundüberzeugungen. Mandela, so sein Vorgänger „FW“ de Klerk, habe die unfehlbare Fähigkeit der richtigen Geste zum richtigen Zeitpunkt besessen.

          Wenn er aber seine Ziele gefährdet sah oder sich verletzt fühlte, wechselte er in eine Eiseskälte, die er in entscheidenden Momenten auch bei den Verfassungsverhandlungen nutzte – er schwankte zwischen strahlendem Lachen, mit dem er jeden zu betören wusste, und einer gebieterischen Ausstrahlung fast übergangslos zur Starre. Der vermutlich nächste Präsident Südafrikas, Cyril Ramaphosa, sagt, Mandela konnte „sehr brutal auf sehr ruhige Art“ sein. Für einen Stammesherrscher, als der Nelson Rolihlahla Mandela sich zeitlebens fühlte, gehörte es sich nicht, Emotionen zu zeigen.

          Stephan Bierling: Nelson Mandela. Rebell, Häftling, Präsident.

          C. H. Beck Verlag, München 2018. 432 S., 26,95 .

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