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DDR und Polen 1988/89 : Anderer Zukunft zugewandt . . .

  • -Aktualisiert am

Dokumente aus der DDR und aus dem „befreundeten sozialistischen Ausland“ Bild: dpa

Mit vergleichenden Blicken auf die DDR und die Volksrepublik Polen analysiert Kirsten Gerland unabhängige Jugendgruppen. Für die deutschen Leser sind die Abschnitte zur polnischen Jugend besonders interessant. Sie zeigen die Selbstheroisierung, die für jugendliche Bewegungen generell typisch ist.

          Die ostdeutschen Proteste im Herbst 1989 wurden wiederholt als „Revolution der 40-Jährigen“ bezeichnet. Hier sei vor allem jene Generation auf die Straße gegangen, die nach dem Mauerbau 1961 die westliche Studentenbewegung und den Prager Frühling zumindest aus der Ferne verfolgte, aber im eigenen Staat blockiert wurde. Wenngleich 1989 unterschiedliche Altersgruppen demonstrierten, waren die mobilisierenden Wortführer in der Tat keine Studenten oder junge Arbeiter. Ebenso entstand nach dem Mauerfall keine junge „Generation 1989“, die die Proteste als ihr Schlüsselerlebnis ansah. Im Unterschied zu den 68ern bescherte der Umbruch auch keine kollektive Abgrenzung von den Eltern. Im Mittelpunkt der „Wendepublizistik“ stand vielmehr der plötzliche Verlust der vertrauten Lebenswelt.

          Anders in Polen. Hier formierten sich in den 1980er Jahren zahlreiche illegale Jugendgruppen. Sie trugen oft martialische Namen wie „Föderation kämpfende Jugend“ oder „Jugendwiderstandsgruppe der kämpfenden Solidarność“. Studentengruppen mobilisierten mit kreativen Aktionen, etwa als Zwerge verkleidet. Die Solidarność diente ihnen als Vorbild und zur Abgrenzung, weil sie deren Gesprächsbereitschaft gegenüber den Sozialisten oft ablehnten. Nachdem die jungen Protestierenden 1988/89 aktiv für die Auflösung der kommunistischen Herrschaft eingetreten waren, kam rasch die Rede von den „88ern“ und der „Generation von 1988“ auf. Seit den 1990er Jahren verfestigte sich diese Erzählung über die polnischen Medien. Die in den 1960er Jahren geborene Alterskohorte verwandelte sich so durch Erfahrungen und Zuschreibungen zu einer Generation.

          Kirsten Gerland nimmt diese unterschiedlichen Entwicklungen zum Ausgangspunkt, um das Aufkommen und Ausbleiben von Generationsbildungen zu untersuchen. Mit vergleichenden Blicken analysiert sie unabhängige Jugendgruppen, deren Selbstdarstellung und öffentliche Thematisierung. Für die deutschen Leser sind die Abschnitte zur polnischen Jugend besonders interessant, wenngleich sie besser erforscht sind. Sie zeigen deutlich die Selbstheroisierung, die für jugendliche Bewegungen generell typisch ist.

          Die vielen hundert unabhängigen Jugendgruppen, die seit den frühen 1980er Jahren in Polen entstanden, knüpften von ihrem Selbstverständnis oft an die Nationalromantik des polnischen Freiheitskampfes an. Schon in den 1980er Jahren verstanden sie sich als „neue Generation“, oft in der Nachfolge der Kämpfer der „Heimatarmee“, und mobilisierten für eine „unabhängige polnische Nation“. Neben der Gründung der Solidarność war vor allem die Verhängung des Kriegsrechts Ende 1981 das prägende Schlüsselerlebnis dieser Jugendgruppen. Sie agierten mit den älteren polnischen Protestgruppen, oft aber kompromissloser und mit anderen Formen. Graffiti zählten ebenso dazu wie Happenings, über die auch die westlichen Medien berichteten.

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