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DDR, PLO und RAF : Eher gefördert als bekämpft

  • -Aktualisiert am

Erich Honecker und seine Frau Margot um 1979 bei einer Parade in Berlin Bild: Presseagentur Sven Simon Bonn

Erich Honecker und Jassir Arafat schien eine feste Männerfreundschaft zu verbinden. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wird die These vertreten, dass die DDR, entgegen ihren öffentlichen Bekundungen, den palästinensischen Terrorismus unterstützt habe.

          In den 1970er und 1980er Jahren hielten palästinensische Terroristen die westliche Welt in Atem. Die DDR-Führung distanzierte sich stets vom Terrorismus, unterhielt aber scheinbar enge Beziehungen zur PLO und anderen palästinensischen Organisationen. Erich Honecker und Jassir Arafat schien eine feste Männerfreundschaft zu verbinden. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wird schon seit einiger Zeit die These vertreten, dass die DDR, entgegen ihren öffentlichen Bekundungen, den palästinensischen Terrorismus unterstützt habe. Doch die Geschichte ist komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheint.

          Matthias Bengtson-Krallert hat nun auf der Grundlage der deutschsprachigen Literatur, von Akten aus dem SED- und dem Stasi-Unterlagen-Archiv und von „Film- und Dokumentarfilmquellen“ versucht, Licht ins Dunkel der Beziehungen des SED-Staates zur PLO und insbesondere zum palästinensischen Terrorismus zu bringen. Dabei stellt er zu Recht fest, dass die PLO nicht mehr als eine Dachorganisation war, unter der sich die unterschiedlichsten Gruppierungen versammelten, etwa die Arafat ergebene Fatah, die sehr viel radikalere PFLP und die DFLP.

          Nach einem ausführlichen Überblick über die ostdeutschen Beziehungen zu den arabischen Staaten kommt er in diesem Zusammenhang auf die PLO zu sprechen, die 1973 mit der Eröffnung eines Büros in Ost-Berlin – des ersten im Ostblock – den Eindruck eines besonders engen Verhältnisses zur DDR vermittelte. Er schreibt zwar zutreffend, dass die SED hier von der Sowjetunion vorgeschickt wurde, die sich nach dem Verlust Ägyptens als Bündnispartner im Nahen Osten neu orientieren musste. Er vernachlässigt allerdings, dass die PLO-Fatah tendenziell Westdeutschland bevorzugte, wo diese ebenfalls seit 1974 eine Vertretung unterhielt. Daher stand die DDR der Fatah – und Arafat – stets mit einem gewissen Misstrauen gegenüber. Egon Bahr bekundete in einem Gespräch mit dem Autor, die „,Männerfreundschaft‘ Honecker/Arafat“ nicht ernst genommen zu haben: „Das war Geschäft.“ Bengtson-Krallert zitiert diese Äußerung zwar, strickt aber unverdrossen weiter an der Legende besonders enger Beziehungen der beiden politischen Führer.

          Des Weiteren vernachlässigt er, dass Ost-Berlin ab Mitte der 1970er Jahre – ganz im Einklang mit Moskau – die Beziehungen zu Syrien weitaus wichtiger wurden als zur PLO. Als zu Beginn der 1980er Jahre ein offener Kampf zwischen der PLO-Fatah und dem syrischen Diktator Hafiz al Assad entbrannte, stellte sich die DDR auf die Seite des Letzteren und kooperierte eng mit den radikalen Palästinenser-Gruppen in und außerhalb der PLO, ohne allerdings mit Arafat völlig zu brechen. Die ostdeutschen Hilfeleistungen für diese Gruppierungen sowie für Syrien überstiegen die für die PLO-Fatah bei weitem, was von dem Autor allerdings nicht gesehen wird.

          Matthias Bengtson-Krallert nennt militärische Hilfeleistungen für die palästinensischen Terrorgruppen und schildert ausführlich die Ausbildungshilfe sowohl von Seiten der NVA als auch von Seiten des MfS. Überdies interessiert er sich für die Geheimbeziehungen des MfS zu dessen palästinensischen „Partnern“, einschließlich des Geheimdienstes der Fatah. Beim MfS verband sich das Bedürfnis, deren terroristische Tätigkeit zu kontrollieren, mit dem Interesse an profitablen Geschäften, unter anderem durch den Handel mit Waffen und militärischer Ausrüstung, wozu es den palästinensischen Gruppen die Gründung von Tarnfirmen im Internationalen Handelszentrum in Ost-Berlin gestattete. Allerdings entgeht dem Autor auch hier der übergeordnete politische Zweck dieser Verbindungen, die letztlich dazu dienen sollten, die Fatah zu disziplinieren.

          Eingehend befasst sich Bengtson-Krallert mit einzelnen Terroranschlägen – und mit den bekannten, nur am Rande zu seinem Thema gehörenden Beziehungen der DDR zu den RAF-Terroristen. Bei jedem dieser Terrorakte geht es ihm darum, mindestens eine Mitwisserschaft Ost-Berlins nachzuweisen. Das gelingt auch meistens und ist in der Regel nicht völlig unbekannt. Einer der spektakulärsten Anschläge war der auf die vor allem von amerikanischen Soldaten frequentierte Diskothek La Belle in West-Berlin 1986, hinter dem Libyen als Drahtzieher steckte. Das MfS wusste von der Vorbereitung dieses Terrorakts und ließ die Täter unbehelligt von Ost-Berlin aus operieren. Der Autor bleibt jedoch bei dieser Feststellung stehen und führt nicht weiter aus, dass die ostdeutsche Seite die amerikanischen Luftschläge auf Libyen als Reaktion einkalkuliert hatte, so dass die PLO-Fatah ihre antisyrische und projordanische Politik nicht fortsetzen konnte und wieder fest in die antiwestliche arabische Koalition integriert wurde.

          Letztlich kommt der Autor zu dem zutreffenden, aber nicht überraschenden Ergebnis, „dass die DDR den Terrorismus eher förderte, als dass sie zu seiner Bekämpfung beitrug“. Eine der ganzen Komplexität des Beziehungsgeflechts von DDR, PLO und palästinensischen Terrorgruppen gerecht werdende Untersuchung hat er jedoch nicht geliefert.

          Matthias Bengtson-Krallert: Die DDR und der internationale Terrorismus. Tectum Verlag, Marburg 2017. 412 S., 34,95 €.

          Bei den Terrorakten der RAF weist der Autor mindestens eine Mitwisserschaft Ost-Berlins nach.

          Quelle: F.A.Z.

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