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DDR-Journalismus : Lustvoll, taktvoll, angstvoll . . .

  • -Aktualisiert am

Ein Zeitungsstapel am 19. März 2006 auf der Leipziger Buchmesse Bild: ddp

West- und ostdeutsche Korrespondenten erinnern sich nach Jahrzehnten an ihre Tätigkeit im Kalten Krieg. Sie sind nicht immun gegen die allzumenschliche Neigung, ihr Agieren zu veredeln oder auch verharmlosen.

          Auslandskorrespondenten aus beiden deutschen Staaten haben in der Ost-West-Konfrontation unterschiedlich, oft gegensätzlich berichtet - von diesem kaum überraschenden Befund geht das Buch „Korrespondenten im Kalten Krieg“ aus. „In Selbstzeugnissen“ wäre dem Titel anzufügen; denn es besteht wesentlich aus Interviews mit früheren Korrespondenten - oft aufschlussreich und erhellend, lesenswert allemal. Hervorgegangen sind sie aus Projektseminaren im Fach Journalistik an der Universität Leipzig unter der Leitung von Lutz Mükke, der dafür 20 Studenten einsetzte.

          Was die zehn für das Ost- und die sieben für das West-Publikum tätigen Journalisten nach Jahrzehnten über ihr Tun und Lassen noch sagen können oder wollen, kann gleichwohl - wie eine Fußnote einräumt - nur „ein kleiner Teil ihrer autobiografischen Narration“ sein und „eine subjektive Perspektive auf das Erlebte“ wiedergeben. Auch sie sind ja nicht immun gegen Erinnerungsfehler, im Zweifel auch nicht gegen die menschlich-allzumenschliche Neigung, ihr Agieren zu veredeln oder auch zu verharmlosen, um das eigene Image noch ein wenig aufzupolieren. Ihre Retrospektive konnte im Rahmen des Projekts jedenfalls nicht durch einen doppelten „Faktencheck“ bestätigt oder entkräftet werden, nämlich durch einen Abgleich mit ihrer Berichterstattung wie auch mit den realen Geschehnissen damals, soweit sie überprüfbar dokumentiert sind. Das muss man sich jedoch bewusst halten, um nicht Erinnertes einfach für bare Münze zu nehmen oder schiefen Ost-West-Vergleichen aufzusitzen.

          Freilich: Anderes wäre zu leisten gewesen - so erfährt man nicht, nach welchen Kriterien die Interviewten ausgewählt, wer aus welchen Gründen um die Mitwirkung gebeten wurde und wer nicht, oder wer mit welcher Begründung absagte. Ein lustvoller Polarisierer wie Lothar Loewe etwa ist dabei, warum auch nicht - dafür fehlen mit Fritz Pleitgen und Gerd Ruge leider zwei besonders herausragende, in Ost wie West ebenso distanziert wie differenziert beobachtende und berichtende westdeutsche Korrespondenten. Und warum wurde mit Blick auf Vietnam, den (neben dem Nahen Osten) aufregendsten Schauplatz, zwar Ex-ADN-Korrespondent Hellmut Kapfenberger befragt, nicht aber Peter Scholl-Latour oder Hans Scheicher? West-Journalisten also, die keineswegs die Vorgänge dort im Sinne der westlichen, sprich amerikanischen Optik einfärbten. Wollten oder sollten sie sich nicht äußern?

          So lesen wir zwar, dass „Interviewanfragen vielfach abgelehnt“ wurden. Und „selbst langwierige und bis dahin gedeihliche Kooperationen brachen im finalen Autorisierungsprozess doch noch zusammen.“ Das betrifft Ost- wie auch West-Korrespondenten - nur, welche oder, wenigstens, wie viele da oder dort? Mitgeteilt wird, dass häufiger ehemalige DDR-Korrespondenten das Gespräch verweigerten und dies mit der „von ihnen erlebten Diskreditierung ihrer Arbeit nach dem Zusammenbruch der DDR“ begründeten. Dass sie ihre Lebensleistungen als „komplett und pauschal entwertet“ ausgeben, übernimmt Mükke als einen beunruhigenden Befund, ohne es zu problematisieren. Bezeichnend in diesem Kontext: Manche Ex-Geheimdienstler brachen die Zusammenarbeit ab, als sie zum Beispiel mit ihrer Verpflichtungserklärung für den DDR-Staatssicherheitsdienst konfrontiert wurden - mit der positiven Ausnahme von Rolf Bachmann, einst ADN-Korrespondent in Bonn, der seine Verstrickung erstmals zugab. Auch zu den Abbrechern nichts, obwohl derart exponierte Journalisten in Ost wie West doch wohl als Personen des öffentlichen wie des wissenschaftlichen Interesses anzusehen sind - ein Manko des Buches.

          Bei einigen west-östlichen „Narratoren“ hätte man sich ein noch deutlicheres Nachfragen gewünscht. Wie gleich anfangs beim ehemaligen Außenpolitik-Chef des „Neuen Deutschlands“, Klaus Steiniger, der einst mit einer Kampagne für die angeklagte (später freigesprochene) farbige amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis auftrumpfte. Er war zu Beginn seiner Karriere Staatsanwalt, dann Bürgermeister in der DDR. Wusste er von den vielen Todesurteilen im eigenen Land, als er für das Leben von Angela Davis stritt? Hat ihn das Unrecht zu Hause belastet? Er wird nicht danach gefragt, sondern nur pauschal, ob der DDR-Journalismus Propaganda war, und lässt sich so ein: „Es gibt keinen Journalismus im luftleeren Raum. Man ist entweder dafür oder dagegen. Neutralität ist nur eine Illusion.“ Das ewige Alibi derer, die faktische und moralische Sehstörungen zu beschönigen wissen.

          Sei’s drum - das Buch lebt davon, dass Korrespondenten halt zu erzählen verstehen. Dass sie dies zumeist nicht unreflektiert tun, ist gewiss auch den Interviewern zu danken. Und auch, dass manch ein Befragter im Rückblick auf die eigene Rolle anfängliche Defizite und spätere Einsichten erkennen lässt. So Ulrich Kienzle, lange für die ARD im Nahen Osten tätig, mit dem Fazit, die Korrespondentenzeit habe sein Leben und seine Beziehungen zur Politik und zum Journalismus verändert. Er zitiert den berühmten Satz von Hanns-Joachim Friedrichs, ein Journalist mache sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten - und bekennt: „Das habe ich in meiner Zeit als Korrespondent gelernt.“ Es ließe sich auch bei der Lektüre dieses Buchs lernen, bisweilen gegen die Intention der befragten Protagonisten.

          Lutz Mükke: Korrespondenten im Kalten Krieg. Zwischen Propaganda und Selbstbehauptung. Herbert von Halem Verlag, Köln 2014. 439 S., 28,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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