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Das Itinerar 1889 bis 1945 : Bis Hitler sich verabschiedet

  • -Aktualisiert am

Adolf Hitler und Eva Braun am Obersalzberg Bild: Picture-Alliance

Akribisch werden Adolf Hitlers Aufenthaltsorte mit Angaben zu den Lokalitäten einzelner Reden und zu Treffen mit Gönnern, Günstlingen und Gegnern aufgelistet. Viele Städte und Ortschaften dürften sich nun zu Recherchen über verdrängte „Führer“-Visiten herausgefordert fühlen.

          Wann war Adolf Hitler wo - und wie oft? In welchen Hotels, Häusern, Hauptquartieren übernachtete er? Wen traf er? Wie verliefen die Reiserouten? Das alles hat der 1960 in Coburg geborene Kaufmann Harald Sandner rekonstruiert und in vier Bänden auf 2430 Seiten zusammengestellt. Aufgelockert wird das Itinerar durch 2211 Fotos - davon 1494 historische und 717 neuere Aufnahmen, die meist heutige Ansichten von Gebäuden wiedergeben, in denen sich Hitler einst aufhielt. Sandner zitiert auch hin und wieder kurze Hitler-Äußerungen, ohne dass hier eine eigene Systematik erkennbar wird. Exkurse über „Hitlers Reisegewohnheiten“, die Umbettungen seines (erst am 5. April 1970 bei Magdeburg im Fluss Ehle entsorgten) Rest-Leichnams, Beschreibungen der von ihm benutzten Kraftwagen (samt Autokennzeichen und Orte der Zulassung), Züge, Flugzeuge und des Schiffs „Aviso Grille“, schließlich Statistiken über die Häufigkeit der Aufenthalte in ausgewählten Städten sowie über die Opfer des Zweiten Weltkrieges in einzelnen Staaten runden ein Mammutwerk ab, das der Autor im Vorwort als „in dieser Form bisher weltweit einmalig“ anpreist.

          Hitlers gesamte Lebenszeit gibt Sandner mit 20 450 Tagen an, wovon er fast 4000 in München und ungefähr je 2000 Tage in Berlin und Wien verbrachte. Genaue Zahlen sind dem vierten Band zu entnehmen, wenn auch nicht jede Berechnung nachvollziehbar ist: Vor dem Machtantritt am 30. Januar 1933 war Hitler laut Sandner 587 Tage auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, während der Regierungszeit weitere 1044 Tage, also insgesamt 1631 Tage. Sandner kommt auf 1639 Tage. Eine Petitesse, die zeigt, wie leicht Fehler vorkommen, obwohl sich der Autor einleitend über falsche Angaben zu Hitler in Forschungsstudien und Fernsehsendungen mokiert. Auch Sandner irrt sich, beispielsweise wenn er die Ernennung von Joachim von Ribbentrop zum Reichsaußenminister auf den 2. Juni 1935 datiert (richtig ist der 4. Februar 1938) oder Winston Churchill im Januar 1940 als britischen Premierminister bezeichnet (was der damalige Erste Lord der Admiralität erst am 10. Mai 1940 wurde). Seltsam ist der Eintrag zum 1. März 1945: „Telefongespräch Herr Sauer“; hier wird es sich wohl um Karl Saur, Albert Speers Staatssekretär, handeln. Und die ständig wiederkehrende Floskel „Hitler verabschiedet sich“ - um die Uhrzeit für den Beginn der Nachtruhe zu fixieren - klingt stark nach Kammerdiener-Kalender, wenn es dort wahrscheinlich „Führer“ hieß.

          Sandner wartet mit Details auf, die den Leser staunen lassen: Akribisch werden Aufenthaltsorte mit Angaben zu den Lokalitäten einzelner Reden und zu Treffen mit Gönnern, Günstlingen und Gegnern aufgelistet, zudem Friseurtermine, Zahnarztbehandlungen und Theaterbesuche. Viele Städte und Ortschaften, die nach 1945 von ihrer Hitler-Begeisterung nichts mehr wissen wollten, dürften sich nun zu Recherchen über verdrängte „Führer“-Visiten herausgefordert fühlen. Ob deshalb jedes von Hitler besuchte Wirtshaus - beispielsweise der „Salvatorkeller“ am Nockherberg in München im November 1922 oder das Hotel „Schiffmeister“ am Königssee im Juli 1926 - demnächst im Vorspann der Speisekarte auf den längst nicht mehr geschätzten Gast hinweisen muss, sei dahingestellt. Selbst das Hotel „Elephant“ in Weimar wird künftig nicht damit werben, dass hier Hitler am liebsten Brotsuppe aß. Stolz ist Sandner darauf, die Annahme widerlegen zu können, dass Hitler das „Adlon“ in Berlin „wegen des dort herrschenden internationalen Flairs nie betreten“ habe: „In Wirklichkeit ist der ,Führer‘ zweimal im ,Adlon‘ gewesen, davon einmal als Reichskanzler.“ Sogar ein Bild bietet er dazu.

          Laut Angabe des Verlages sind drei Viertel der Fotos bisher unveröffentlicht, das Itinerar werde „eindrucksvoll bebildert“. Dass so die Schokoladen- oder treffender Propagandaseite des Terrorregimes - neben Schnappschüssen - in den Vordergrund rückt, wird in Kauf genommen. Die von Paul Bruppacher 2008 veröffentlichte Chronik von fast 1100 Seiten „Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP“ bot nur Text zu viel weniger Daten, jedoch mehr Inhalt. Sandner vermittelt viel Atmosphäre, gleich mehrere größere Bilder zum Besuch eines Rüstungsbetriebs oder Schießplatzes, immer wieder Paraden, Festakte, Empfänge und „eine seltene Aufnahme von Hitler mit den Händen in den Hosentaschen“ bei der Besichtigung eines Lkw. Sandners Verdienst ist es, durch enorme Fleißarbeit regionale Anstöße zur Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und manche Impulse für die Hitler-Forschung zu geben. Register gibt es keine, trotz des hohen Preises der Bände, der wohl Ewiggestrige vom Kauf abschrecken soll! Nur wer zusätzlich noch weitere hundert Euro ausgibt, erhält eine CD mit Volltext und Suchfunktionen.

          Harald Sandner: Hitler - Das Itinerar. Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945. 4 Bände. Berlin Story Verlag, Berlin 2016. 2430 S., 399,- € (plus CD mit Volltext 499,- €).

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