http://www.faz.net/-gpf-7y8ag

Brandt bei Gorbatschow : Der Bonner Eisbrecher

Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow am 8. November 2014 am Pariser Platz in Berlin, im Hintergrund das Brandenburger Tor. Bild: dpa

Willy Brandt, Ostpolitik-Veteran und Bundeskanzler von 1969 bis 1974, machte im „zweiten Kalten Krieg“ den Versuch, einen Kontakt mit dem im März 1985 ins Amt gewählten KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow aufzunehmen. Bereits am 27. Mai kam es zu einem Treffen in Moskau.

          Nach dreizehn Regierungsjahren musste sich die SPD im Herbst 1982 in der Opposition zurechtfinden. Ihr Parteivorsitzender Willy Brandt, Ostpolitik-Veteran und Bundeskanzler von 1969 bis 1974, machte im „zweiten Kalten Krieg“ den Versuch, einen Kontakt mit dem im März 1985 ins Amt gewählten KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow aufzunehmen. Bereits am 27. Mai kam es zu einem Treffen in Moskau. Nicht Helmut Kohl als „Bundeskanzler der in Bonn regierenden konservativ-liberalen Koalition oder gar ein führender westlicher Regierungschef bekam die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem mächtigsten Mann der östlichen Supermacht, sondern ein westdeutscher Oppositionspolitiker“, schreibt Stefan Creuzberger. Er geht der Entstehung der „persönlichen Freundschaft“ zwischen dem Bonner und dem Moskauer Politiker durch neu zugängliche Dokumente akribisch nach. Beim ihrem zweiten Kreml-Treffen am 5. April 1988 spielten die bilateralen Beziehungen keine Rolle mehr, weil Kohl längst Gorbatschows Vertrauen gewonnen hatte und „die auf Moskau fixierte Nebenaußenpolitik der SPD an ihre Grenzen gestoßen war“. Brandt, mittlerweile SPD-Ehrenvorsitzender, bezeichnete am 14. September 1988 die Wiedervereinigung als „Lebenslüge der zweiten Deutschen Republik“. Ein Jahr später befürwortete er aber eine Lösung der deutschen Frage, ja reihte sich nach der Maueröffnung vom November „mit größter Überzeugung in das Lager der Einheitsbefürworter“ ein. Gorbatschow soll darüber enttäuscht gewesen sein, jedoch gehofft haben, in Brandt einen „Fürsprecher“ zu besitzen, der „seine ganze Reputation“ darauf verwenden würde, die deutsche Einheit „nicht allzu sehr“ auf Moskaus Kosten erfolgen zu lassen.

          Rainer  Blasius

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Stefan Creuzberger: Willy Brandt und Michail Gorbatschow. Bemühungen um eine zweite ,Neue Ostpolitik‘ 1985-1990. be.bra Verlag, Berlin 2015. 55 S., 5,-€.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Das Recht des Stärkeren

          TV-Kritik „Anne Will“ : Das Recht des Stärkeren

          Bei Anne Will geht es um die Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem. Es kommt zu schrägen Vergleichen. Man redet von der „Anerkennung von Realitäten.“ Doch welche sollen das sein?

          „SPD ist nicht Reservebank für Angela Merkel“ Video-Seite öffnen

          Regierungsbildung : „SPD ist nicht Reservebank für Angela Merkel“

          An der mehrstündigen Aussprache im Willy-Brandt-Haus hatten neben Heil unter anderem auch die SPD-Ministerpräsidentinnen Manuela Schwesig und Malu Dreyer sowie die Fraktionschefin im Bundestag, Andrea Nahles teilgenommen. Ob die SPD von ihrer Absage an eine Neuauflage einer großen Koalition abrückt ist noch nicht klar.

          Gefasst, befreit und dann an der Spitze Video-Seite öffnen

          Michail Sakaaschwili : Gefasst, befreit und dann an der Spitze

          Was für ein Tag im Leben des georgischen Ex-Präsidenten Michail Saakaschwili: Er soll verhaftet werden, flieht auf das Dach seines Hauses, wird doch noch gefasst, von Anhängern wieder befreit und führt schließlich einen Protestmarsch zum Parlament.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Flüchtlinge in Europa : Wo Tusk recht hat

          Es besteht Einigkeit, dass die EU-Außengrenzen besser geschützt werden sollen. Was spricht dagegen, dass Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, sich dabei stärker engagieren? Ein Kommentar.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Martin Schulz im Bundestag

          Umfrage : Große Koalition gewinnt an Zustimmung

          Eine große Koalition aus Union und SPD findet Umfragen zufolge deutlich mehr Zustimmung bei den Deutschen als noch vor einer Woche. Am Freitag entscheidet die SPD-Führung, ob sie Sondierungen aufnehmen möchte.

          Brexit-Veto : Ein erster Sieg im Rückzugsgefecht

          Nach Mays Niederlage im Parlament keimt nun bei vielen die Hoffnung auf, dass die Regierung gezwungen sein könnte, in Brüssel einen „weicheren“ Brexit zu verhandeln. Ein Rennen gegen die Zeit.

          Kryptowährung : Bulgarien ist Bitcoin-Großbesitzer

          Bulgarien besitzt Bitcoin im Wert von fast drei Milliarden Euro. Damit könnte das Land fast 20 Prozent seiner Staatsschulden bezahlen. Es gibt nur einen Haken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.