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Bonn im Ersten Weltkrieg : Verhungert ist wohl niemand . . .

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Bonner Kartoffellager: Keller des Universitätsgebäudes Bild: Stadt Bonn Stadtarchiv

Seit 1916 koordinierte das Bonner Stadtarchiv den Aufbau einer „Kriegs-Gedenk-Sammlung“. Aus dem angedachten Kriegsmuseum im ehemaligen Wohnhaus von Ernst Moritz Arndt wurde nach Kriegsende nichts.

          Als man im Sommer 2014 der einhundertsten Wiederkehr des Kriegsbeginns gedachte, waren die meisten Überblicksdarstellungen zum Ersten Weltkrieg bereits erschienen. Sie überzeugten mehr durch ihre Thesenbildung als durch innovative Methoden oder neue Archivquellen. Aber bis zum einhundertsten Erinnern an die Novemberrevolution, das Ende der Monarchie und den Versailler Vertrag ist genug Zeit für Detailforschungen. Mit dieser Absicht versammelt ein umfassender Band achtzehn lokalhistorische Studien über Bonn im Weltkrieg.

          Die Stadt am Rhein war vor 1914 keineswegs Provinz. Universität und Garnison, Theater, Museen und die Rheinromantik sorgten für überregionale Bedeutung. Rentner und Beamte prägten, so die „Frankfurter Zeitung“ 1911, das „anerkannte Zentrum des Reichtums und der Bildung“. In diesem Milieu war das „Augusterlebnis“ deutlich spürbar. Das belegt Norbert Schloßmacher mit dem Tagebuch einer jungen Lehrerin. Auch wenn sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass die Kriegsbegeisterung der ersten Augusttage eben nicht überall und in allen Schichten in gleichem Maße ausgeprägt war, so sind die Aufzeichnungen aus Bonn ein beredtes Zeugnis für die Gedankenwelt der die Stadtgesellschaft dominierenden Bürgerschicht.

          Den Alltag der Bonner Garnisontruppen beschreibt Horst-Pierre Bothien auf der Grundlage einer zeitgenössischen Regimentsgeschichte. Das Infanterieregiment 160 nahm von den ersten Kriegstagen an am Vormarsch nach Westen, dann an der Marne-Schlacht teil. Die Verlustzahlen waren immens, nach fünf Wochen lebten nur noch weniger als die Hälfte der ausgerückten Soldaten. Die Bonner Lehrerin schrieb dazu: „Denkt mal, aus dem Zug sind sie gesprungen und gleich gings in den Kampf hinein. Und in Belgien, da sind unsere hinein marschiert, sind jetzt schon bei Lüttich. Denkt bloß, es sollen schon 300 verwundet sein. Bald werden die Verwundeten hier ankommen. So geht’s von Mund zu Mund und jeder, der’s hört, erzählt’s weiter.“

          Die Bonner Bürger sammelten Liebesgaben, organisierten sogar private Autofahrten an die Frontabschnitte, wo „unsere Bonner“ im Felde lagen. Sie sahen sich gerade als Zeugen eines die bisherige Welt umstürzenden historischen Geschehens. Um das zu dokumentieren und zugleich die eigene Position darin zu legitimieren, begann man sehr früh mit der Sammlung von Erinnerungsstücken. Seit 1916 koordinierte das Bonner Stadtarchiv den Aufbau einer „Kriegs-Gedenk-Sammlung“. Aus dem angedachten Kriegsmuseum im ehemaligen Wohnhaus von Ernst Moritz Arndt wurde nach Kriegsende nichts. Doch sind die vielen Plakate, Flugblätter, Postkarten, Fotos, illustrierten Hefte, Kalender, Zeitungen bis heute erhalten. Aus diesem Fundus und weiteren privaten Sammlungen in der Stadt kann der Band schöpfen. Die zahlreichen Abbildungen sind ausgezeichnet reproduziert und bieten für sich schon vielfältiges Anschauungsmaterial.

          Dass ein Krieg, vor allem wenn er lang dauert und die erwarteten Erfolge sich nicht zeitnah einstellen, ein Risiko bedeutet, merkte die Bonner Wirtschaft sehr bald. Die Umstellung auf die Kriegswirtschaft gelang den konsumnahen Unternehmen nicht. Gewinner des Kriegs waren die großen Betriebe der Schwerindustrie und der Chemie, und solche gab es nicht in Bonn. Während sich im Regierungsbezirk Köln die Zahl der Betriebe und Beschäftigten über den Krieg hinweg kaum veränderte, verlor Bonn ein Drittel seiner gewerblichen Arbeitsplätze an das Umland – dauerhaft.

          Wenn die Gewerbebetriebe über den Rohstoff- und Arbeitskräftemangel klagten, so wurde für die Bevölkerung – je länger der Krieg dauerte – die Versorgungs- und Ernährungslage zum Problem. Rationierung und Mangelwirtschaft wurden Alltag. So zeigt der Buchtitel denn auch eine Ausgabe von Kartoffelkarten. Ein Zeitgenosse vertraute es schon im April 1916 seinem Tagebuch an: „Jeder hat Hunger bis in die kleinste Zehe. Die Pferde, Tiere, Menschen, alles fällt vor Hunger bald zusammen. Wann mag dieses Elend enden?“ Trotz der Entbehrungen ist aber in Bonn tatsächlich wohl niemand verhungert, was auch der insgesamt über den ganzen Krieg hinweg funktionierenden medizinischen Versorgung zuzuschreiben war. Ralf Forsbach schildert, wie es kommunalen und militärischen Institutionen zusammen mit bürgerlichem Engagement und allgemeiner Hilfsbereitschaft gelang, eingeschränkt, aber effizient medizinische Hilfe sicherzustellen. Einen ganz wesentlichen Anteil daran hatten die vielen karitativ tätigen Frauen.

          Zwei Studien sind den Veränderungen gewidmet, denen besonders Frauen an der „Heimatfront“ ausgesetzt waren. Unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft wurde industrielle Frauenarbeit erstmals zum Massenphänomen. In manchen Firmen stellten Arbeiterinnen zeitweise mehr als 50 Prozent der Belegschaft. Katja Georg konstatiert, dass der Erste Weltkrieg als Zäsur im Bereich der Frauenarbeit gelten kann. Dennoch waren die Bonner Arbeiterinnen nach Kriegsende von massiven Entlassungen betroffen. Weitere Studien beschäftigen sich mit dem Bildungssektor. Bonn war stets eine wichtige Universitätsstadt gewesen. Aber wie die ganze Stadt in wirtschaftlicher Hinsicht, so verlor auch die Bonner Universität ihre frühere Bedeutung. Der Band wird abgerundet durch die Darstellung eines Luftangriffes, der Bonn – elf Tage bevor die Waffen ruhten – traf.

          Christoph Studts kurze Studie über die Revolutionsphase verweist schon in die Nachkriegszeit, die große Teile des Rheinlands, auch Bonn, als besetztes Gebiet erlebten. Diese Tatsache ist heute weitgehend vergessen, was vielleicht die Basis für einen denkbaren Folgeband ist. Denn der vorliegende Sammelband zeigt, was moderne Lokalgeschichte zu leisten vermag, wenn universitäre Wissenschaft und stadthistorische Institutionen zusammenwirken.

          Dominik Geppert/Norbert Schloßmacher (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg in Bonn. Die Heimatfront 1914–1918. Stadt Bonn Stadtarchiv 2017. 504 S., 25,– €.

          Quelle: F.A.Z.

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