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Gehlens Spion „Klatt“ : Der Glaube versetzt Zwerge . . .

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Reinhard Gehlen, aufgenommen im Jahr 1943 als Oberst der Deutschen Wehrmacht Bild: AP

Reinhard Gehlen, Chef der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO), als vermeintlich bester Kenner der Roten Armee später Schöpfer und erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes, vertraute nach anfänglichem Zögern den „Max“- Meldungen.

          Die Geschichte von „Klatt“ geistert schon seit Jahrzehnten durch die einschlägige Literatur über Geheimdienste im Zweiten Weltkrieg. Hauptsächlich von Veteranen der „Dienste“ verschiedener Seiten inspiriert, wurde bislang gerätselt, ob „der Jude Klatt“, wie die militärische Abwehr des Admirals Canaris ihren wichtigsten Agenten bezeichnete, womöglich ein sowjetischer Doppelagent gewesen sei. Seine legendären „Max“- Meldungen über die Ostfront hatten deutsche Generalstäbe als kriegswichtig erklärt. Licht in das verwirrende Dunkel von Spekulationen, Halbwahrheiten, Verwechslungen, Täuschungen und Phantasiegebilden bringt jetzt ein Berliner Historiker, der sich in der Widerstandsforschung einen Namen gemacht hat und derzeit am Zentrum für Antisemitismusforschung arbeitet.

          Winfried Meyer hat die verstreuten, aber erstaunlich sprudelnden Quellen aus alliierten, deutschen und sowjetischen Unterlagen ausgewertet und sich der Mühsal unterzogen, auch den zahlreichen, oft verwirrenden Desinformationen und Widersprüchen bis ins Detail nachzugehen. Er bietet in seinem ersten Teil eine breit angelegte Lebensgeschichte von Richard Kauder, Jahrgang 1900, einem Wiener Lebenskünstler jüdischer Abstammung, Sohn eines konvertierten k. u. k. Militärarztes, vom Klosterschüler zum Kaufmann. Der unstete Lebemann, im Sinne der Nazis ein „Volljude“, flüchtete 1938 nach Budapest, wurde Anfang 1940 abgeschoben, kam in Gestapo-Haft und erklärte sich bereit, für die Wiener Außenstelle der militärischen Abwehr als V-Mann zu arbeiten (Deckname: Klatt). Es schützte ihn und seine Mutter vor dem Holocaust, ermöglichte ihm freilich auch ein ungewöhnlich privilegiertes Leben als wichtigster Mitarbeiter des „Luftmeldekopfes Südost“ in Sofia. Von dort knüpfte er ein Netz von Verbindungen zur bulgarischen Polizei, zu japanischen Journalisten und vielen anderen Informanten, die ihn mit Nachrichten und Gerüchten versorgten.

          Seine wichtigsten Lieferanten kamen aus dem Milieu exilrussischer Ex-Militärs. General Anton Turkul und der ehemalige Kornett Longin Ira behaupteten, Zugang zu einem Netzwerk von Stalin-Gegnern innerhalb der Sowjetunion zu haben. Deren Funkstellen berichteten aus dem Hinterland der Roten Armee sogar von Beratungen im obersten Kriegsrat. Mit Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges fanden die „Max“-Meldungen, die Kauder in Sofia zusammenstellte und nach Wien funkte, im deutschen Hauptquartier größte Beachtung. Ihre verschleierte Herkunft, die Kauder sorgsam bewahrte, weckte zwar vereinzelt Misstrauen. Aber Abwehrchef Canaris setzte auf seine beste Quelle im Osten, obwohl sein Regionalchef in Bulgarien, von Konkurrenzneid und Antisemitismus getrieben, nicht müde wurde, Kauder nachweisen zu wollen, dass er mit seinem erstaunlich produktiven Netzwerk nur das Werkzeug des sowjetischen Geheimdienstes sei.

          Die Flut an „Max“-Meldungen schwoll ständig an. 1943 erreichte sie die Zahl von 3700. Sie kosteten die Abwehr ein Vermögen, aber im Oberkommando des Heeres war man beeindruckt von fast täglichen Informationen über sowjetische Truppenbewegungen und anderen Details der Kriegführung Stalins. Da schien nicht weiter ins Gewicht zu fallen, dass die Meldungen zwar den Eindruck vermittelten, es müsse einen Agenten vor Ort geben, der noch am selben Tag „Klatt“ informierte, wenn einzelne Schiffe den Hafen von Sewastopol am Morgen verlassen hatten; aber es waren oft Meldungen, die nicht überprüfbar oder allzu vage beziehungsweise eindeutig falsche Angaben enthielten. An der Front, bei den Heeresgruppen, kamen Zweifel über den Wert der Quelle auf, doch es gab einen im Oberkommando des Heeres, der jeden Zweifel beiseiteschob.

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