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BND-Personal : Ungehinderte Selbstrekrutierung

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Lesezeichen für die Besucher beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung auf dem Gelände des Bundesnachrichtendienstes am 27. August 2016 Bild: dpa

Noch in den fünfziger Jahren war die frühere Zugehörigkeit zu den Organisationen des „Dritten Reichs“ innerhalb des Nachrichtendienstes ohne Aufhebens hingenommen worden. Am Ende des Jahrzehnts begann sich das Meinungsklima zu ändern.

          Im November 1961 schreckte ein Spionageskandal die Bonner Politik auf und erregte die Öffentlichkeit. In der Pullacher Zentrale des Bundesnachrichtendienstes war ein Agent verhaftet worden, der in unmittelbarer Nähe zum BND-Chef Gehlen, zusammen mit zwei Helfershelfern, seit zehn Jahren für den sowjetischen KGB gearbeitet hatte. Obwohl der amerikanische Geheimdienst CIA schon länger über Informationen verfügte, dass der deutsche Dienst „böse unterwandert“ sei, blieb der Spion Heinz Felfe bis 1961 unerkannt. Als er enttarnt wurde, war das ein persönlicher Schlag für Gehlen, weil er sich in einem engen Mitarbeiter getäuscht hatte. Im Bundeskanzleramt, der vorgesetzten Dienststelle des BND, wurde hingegen die politische Dimension sofort erkannt. Felfe hatte nicht nur als klassischer Doppelagent im Kalten Krieg agiert, sondern war auch Mitglied der SS gewesen - und nicht nur das: SS-Obersturmführer Heinz Felfe war ein Mann des SD, des Sicherheitsdienstes der NSDAP und der SS. Er kam aus dem inneren Kreis des Polizei- und Terrorapparats der Hitlerdiktatur. Was hatte dieser SS-Offizier im Bundesnachrichtendienst verloren - und noch dazu auf der Leitungsebene als Vertrauter des Präsidenten?

          Noch in den fünfziger Jahren war die frühere Zugehörigkeit zu den Organisationen des „Dritten Reichs“ innerhalb des Nachrichtendienstes ohne Aufhebens hingenommen worden. Am Ende des Jahrzehnts begann sich das Meinungsklima zu ändern. 1958 deckte der Ulmer Einsatzgruppen-Prozess auf, dass sich die Täter von gestern in der Wiederaufbaugesellschaft inzwischen auskömmlich eingerichtet hatten, doch erstmals war es ein deutsches Gericht, das über deren Verantwortung und Schuld verhandelte.

          1961 folgte in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann. Als Felfe 1963 vor Gericht gestellt wurde, stand der Auschwitz-Prozess in Frankfurt kurz vor der Eröffnung. In dieser Situation entschied Gehlen, in die Offensive zu gehen. Er ordnete an, dass eine Untersuchungsgruppe zur Überprüfung ehemaliger Nationalsozialisten im BND eingerichtet wurde. So konnte der Dienst nach außen als Behörde dastehen, die aus eigenem staatsbürgerlichen Verantwortungsbewusstsein mit der Selbstreinigung begann.

          Es ist das Programm der Unabhängigen Historikerkommission (UHK), die Geschichte des BND bis 1968 so zu erforschen, dass zuerst in größtmöglicher Dichte empirisch gesicherte Fakten und Strukturzusammenhänge herausgearbeitet werden, bevor die interpretierende Einordnung erfolgen kann. Mit den Büchern von Christoph Rass und Sabrina Nowack liegen zwei Grundlagenstudien vor, die dieses Programm mustergültig umsetzen. Rass macht das Sozialprofil der Behörde in statistischer Detailarbeit durchschaubar. Er beleuchtet die personelle Infrastruktur, so dass Veränderungen in der Zusammensetzung des BND-Personals gut erkennbar werden. Die Verankerung von ehemaligen Soldaten und Angehörigen nationalsozialistischer Organisationen auf der Leitungsebene sticht als Befund hervor. Nowack untersucht die Planung sowie das Vorgehen bei der Evaluation von ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht und der nationalsozialistischen Organisationen im westdeutschen Nachrichtendienst.

          Die sozialstatistische Arbeit von Rass erfasst mit 3650 Lebensläufen etwa ein Drittel des BND-Personals. Sie wurden als Zufallsstichproben aus den personenbezogenen Akten der Organisation Gehlen und des Bundesnachrichtendienstes erhoben. Es zeigt sich, dass die Geburtsjahrgänge 1909 bis 1928 und 1934 bis 1941 für den BND profilprägend waren, wobei die ältere Kohorte in der Frühphase des Dienstes naturgemäß wichtiger war. Die Geschlechterverteilung veränderte sich von einer männerdominierten Behörde um 1950 (85 Prozent) zu einem Proporz von 60 zu 40 im Jahr 1965.

          Auf der Leitungsebene waren Frauen nahezu nicht zu finden. Die Herkunft aus der Mittelschicht überwog bei den Geschlechtern deutlich. Die regionale Herkunft zeigt eine signifikant große Gruppe, die außerhalb der Reichsgrenzen von 1918 und später außerhalb des Gebiets der Bundesrepublik geboren war. Ein „nicht kleiner Teil“ stammte aus dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Unter den Westdeutschen war der Anteil von Personen aus Bayern sowie den Metropolregionen Berlin, Hamburg, Rhein-Ruhr und München besonders groß. Spätere Interpretationen dieser Ergebnisse durch die UHK werden aus dem hohen Anteil von Auslandsdeutschen und Personen aus Ost- und Mitteldeutschland Schlüsse ziehen, auf die man gespannt sein darf.

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