http://www.faz.net/-gpf-853o8

Bismarck-Zeit : Nichts als vergangene Größe . . .

  • -Aktualisiert am

Relief in der Taufkirche Otto von Bismarcks in Schönhausen. Bild: dpa

Seit 1853 diente Prinz Heinrich aus dem Hause Reuß-Köstritz im diplomatischen Dienst als Botschafter in St. Petersburg, dann in Konstantinopel und in Wien. Seine Korrespondenzen spiegeln die europäische Mächtepolitik bis in die Frühphase der wilhelminischen Epoche wider.

          „Die Angst ist auch ein politisches Prinzip; und wenn es geschickt gehandhabt wird, kann ein schwacher Staat [. . .] damit einige Zeit lang sich halten“, schrieb der kaiserliche Botschafter in Konstantinopel, Josef Maria von Radowitz, Ende November 1886 seinem Kollegen in Wien, Heinrich VII. Reuß. Seine ebenso hellsichtige wie zeitlose Einsicht findet sich in einem Briefband, der einmal mehr unter Beweis stellt, dass die Entstehungsgeschichte eines Buches ebenso spannend sein kann wie die Geschichte, die es erzählt.

          Mitte 1984, zur Hoch-Zeit des „Zweiten Kalten Krieges“, entdeckte der kanadische Historiker James Stone große Teile des Nachlasses von Reuß im schlesischen Kreisarchiv von Hirschberg. Nur dem Eingriff der dortigen Archivare war es zu verdanken gewesen, dass russische Truppen die im Familienarchiv in Stonsdorf liegenden Akten nicht 1945 vollständig verfeuert hatten. Von den polnischen Verantwortlichen neu geordnet, schlummerten sie jahrzehntelang unbeachtet, bis Stone sie wiederentdeckte. Da der Kanadier zu jenen nicht eben seltenen Vertretern seiner Zunft gehört, die zwar für die Geschichtswissenschaft, aber nicht von ihr leben können, dauerte es über 30 Jahre, bis der von ihm gehobene Schatz, um Korrespondenzen aus zahlreichen weiteren Archiven ergänzt, der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte. Zu danken ist dies nicht nur Stones beharrlicher Kärrnerarbeit, sondern auch der helfenden Hand des Mainzer Emeritus Winfried Baumgart.

          Seit 1853 diente der Prinz aus dem Hause Reuß-Köstritz im diplomatischen Dienst Preußens beziehungsweise des Deutschen Reiches zunächst als Botschafter in St. Petersburg, dann in Konstantinopel und schließlich in Wien. Seine von Stone und Baumgart edierten privaten und privat-dienstlichen Korrespondenzen mit Spitzenbeamten des Auswärtigen Amts, Botschafterkollegen und Familienangehörigen spiegeln die europäische Mächtepolitik von der Reichsgründung bis in die Frühphase der wilhelminischen Epoche mit kleinen und großen Krisen wider: die geheimnisumwitterte Mission des Gesandten von Radowitz nach St. Petersburg 1875; den Russisch-Türkischen Krieg 1877/78; den Aufbau des Bismarckschen Bündnissystems von 1879 bis 1887 und die Anfänge des Neuen Kurses nach 1890.

          Die Dokumente zeigen Reuß als einen Diplomaten, der Bismarck ob seiner einzigartigen „Beurteilung von Situationen“ sehr verehrte, ihm aber wie viele seiner Kollegen keineswegs kritiklos gegenüberstand. Dies galt insbesondere für das Verhältnis des „großen Wau wau“ (so Otto zu Stolberg-Wernigerode) zu Österreich-Ungarn und Russland. Überzeugt, dass das Zarenreich im Notfall nur mit Requisitionen ohne Geld „einen Krieg anfangen“ könne und Frankreich sofort über Deutschland herfallen würde, „wenn wir Händel mit Russland bekämen“, pochte der Reichskanzler zum Unmut manches Diplomaten auf den Erhalt des Friedens mit Russland „um jeden Preis“. Die ihm in den späten 1880er Jahren nicht zu Unrecht unterstellte Bereitschaft, Österreich sogar notfalls zu „opfern“, empfand Wilhelms II. „General à la suite“ Karl Graf von Wedel als „Wahnsinn“.

          Auch Reuß bewegte sich allmählich auf dieser Linie. Hatte er noch 1874 betont, dass die „Hauptfreundschaft“ im Dreikaiserbund immer zu Russland bestehen müsse, weil die Österreicher „unsichere Kerls“ seien, erklärte er 1889: Das Habsburger-Reich sei zwar „nicht das Ideal eines kräftigen Bundesgenossen“, aber „ein ehrlicher“. Bismarcks Rücktritt 1890 deutete Reuß als ein „verhängnisvolles Datum in unserer Geschichte“, erklärte sich aber mit der bald darauf erfolgenden Kündigung des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages einverstanden. Bismarcks Pressefeldzug gegen seinen Nachfolger Caprivi hielt er für „taktlos und verletzend“. Auch an der Handelsvertragspolitik des neuen Reichskanzlers, die mit der Schutzzollpolitik des Vorgängers brach, hatte Reuß nichts auszusetzen.

          Trotz dieser Loyalität fiel er 1892 in Ungnade. Nachdem er den Wunsch des Altreichskanzlers nach einer Audienz bei Kaiser Franz Joseph gegen den ausdrücklichen Wunsch Berlins an das Wiener Außenministerium weitergeleitet hatte, drängte Wilhelm II. den verdienten Diplomaten zum Rücktritt. „Die große Torheit, sich mit dem Meister der Dialektik und der Politik ins Gefecht einzulassen, hat die Leute dahin gebracht, dass sie nicht mehr ein und aus wissen“, notierte Reuß nach „weniger erquicklichen“ Gesprächen an der Spree im August 1892. Um einen „Riesen-Skandal“ zu vermeiden, gewährte der Kaiser ihm noch eine Schamfrist bis Februar 1894. Kaum entlassen, reiste Reuß nach Friedrichsruh zu Bismarck und labte sich „nach all dem Gestank, den man in der Berliner Atmosphäre einatmet“, am Geist des „dereinstigen Hochmögenden, der nichts mehr hat als seine Größe“.

          Dank des meist unverstellten Stils bieten die 449 Dokumente intime Einblicke in 25 Jahre deutscher Außenpolitik und verbinden dies nicht selten mit literarischem Anspruch.

          James Stone/Winfried Baumgart (Herausgeber): Heinrich VII. Prinz Reuß. Botschafter unter Bismarck und Caprivi: Briefwechsel 1871-1894. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015. 625 S., 78,- €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Festnahmen bei Protesten Video-Seite öffnen

          Putins Geburtstag : Festnahmen bei Protesten

          Tausende Demonstranten in Moskau,Sankt Petersburg und anderen Städten riefen "Russland wird frei sein" und "Russland ohne Putin". Nach Angaben einer Bürgerrechtsorganisation wurden mindestens 262 Aktivisten festgenommen.

          Topmeldungen

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Unterhauswahl in Japan : Regierung vor klarem Wahlsieg

          Nach ersten Hochrechnungen gewinnt Japans Ministerpräsident Shinzo Abe um die 300 Sitze. Ob es für eine Zweidrittelmehrheit reicht, mit der Abe die Verfassung ändern könnte, blieb zunächst unklar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.