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Benito Mussolini : Glaube statt Verstand

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Benito Mussolini galt als sportlicher Diktator Bild: Abb. a. d. bespr. Band

Mussolini scheiterte am Krieg, weil die Nation überfordert, aber auch wehrtechnisch nicht vorbereitet war. Das bürgerliche Italien hatte vor dem Ersten Weltkrieg mehr Geld ins Militär gesteckt als das faschistische Italien unter Mussolini.

          Der Familienvater sei der eigentliche Held des 20. Jahrhunderts, meinte einmal der 1914 gefallene Charles Péguy: „Das war, bevor er der größte Verbrecher des 20. Jahrhunderts wurde“, bemerkte Hannah Arendt dazu. Zu ihrer Beobachtung inspirierten die Philosophin die meist solid verheirateten NS-Massenmörder in Uniform. Aber auch Benito Mussolini fällt in diese Kategorie. Der Duce hatte fünf Kinder und war ein aggressiver Sozialaufsteiger. Bezeichnenderweise kam er erst zur Besinnung, als sein Lieblingssohn fiel. Aber auch das nur kurzfristig.

          Mussolini war in seiner unprogrammatischen Beweglichkeit und seiner Improvisationsbegabung auf dem Weg nach oben sehr italienisch. Wolfgang Schieder widmete ihm eine knappe, aber insgesamt bündige Biographie. Der Kölner Historiker vermisste in Mussolinis Vita Planung und Programme. Eine - pardon - etwas deutsche Feststellung. Umso wichtiger jedoch, wie Schieder die Gewaltbereitschaft des jungen Mussolini betont.

          Zur Illustration und zur Einbettung in den Kontext der italienischen Gesellschaft vor und nach dem Ersten Weltkrieg wäre ein Hinweis auf die Futuristen und deren führenden Kopf Filippo Marinetti hilfreich gewesen. Nicht alle Leserinnen und Leser kennen die italienische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Hans Woller erwähnt die Futuristen in seiner ebenfalls - und hoffentlich zufällig - im Münchener Beck-Verlag publizierten Mussolini-Biographie, erklärt sie aber nicht. Die Futuristen waren eine radikal moderne Bewegung und eine - in ihrer Radikalität bis hin zu futuristischer Kulinarik (mit einem eigenen Kochbuch: „La cucina futurista“) - absolute Gegenbewegung zum extrem konservativen, überlange im Historismus fixierten Bürgertum, das selbst den Jugendstil (im Italienischen „Liberty“ genannt) erst außerordentlich spät rezipierte.

          Die Futuristen beteten alles an, was das Bürgertum nicht schätzte: Motoren, Dynamik, Aktionismus, Lärm und Gewalt. Gleichzeitig waren sie alles andere als ein esoterischer Zirkel abseitiger Spinner. Dies hätte sich schon mit ihrer Neigung zum Radau nicht vertragen. Fortunato Deperos futuristische Werbekampagne für den Apéritif-Produzenten Campari signalisiert vielmehr ein ausgeprägtes Gespür für den Zeitgeist. Gewalt war womöglich nicht legitim, aber schick. „Wir Faschisten haben keine vorgefasste Doktrin, unsere Doktrin ist die Tat.“ Dies war bereits der ganze Mussolini. Er hatte genügend Nietzsche gelesen, um sich mit solchen Aussagen auf sicherem Boden zu fühlen. Beide Biographen lassen allenfalls indirekt durchblicken, dass Mussolini ein harter Arbeiter war und blieb. Er sanierte quasi im Alleingang den „Avanti“ (Vorwärts), das verschlafene Parteiblatt der Sozialisten, und schrieb ihn im Zweifelsfall auch noch selbst voll. Mit 36 Bänden und acht Zusatzbänden übertreffen seine nach dem Krieg veröffentlichen „Opera Omnia“ womöglich noch die „Correspondance de Napoléon“.

          Allerdings brachte der kriegsverwundete Bersaglieri-Korporal denkbar wenig Interesse für die Details der Kriegführung auf. Was ihn aber - anders als den doch etwas schlaueren General Franco - nicht daran hinderte, gerne Krieg zu führen. Der Historiker Ernst Nolte meinte einmal, dass dies teleologisch im Faschismus angelegt gewesen sei. Aber wieso konnten sich dann Francisco Franco, einmal in Madrid installiert, und António de Oliveira Salazar in Portugal ohne Krieg behaupten? Mussolini scheiterte am Krieg, weil die Nation überfordert, aber auch wehrtechnisch nicht vorbereitet war. Das bürgerliche Italien hatte vor dem Ersten Weltkrieg mehr Geld ins Militär gesteckt als das faschistische Italien unter Mussolini. Der Duce war eben auch ein sparsamer Hausvater. Hinzu kam, dass die Weltwirtschaftskrise Italien nicht aussparte.

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