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Veröffentlicht: 23.06.2014, 21:27 Uhr

Benjamin Ziemann: Gewalt im Ersten Weltkrieg/ Bernhard Wien: Weichensteller und Totengräber Sturmgewehr schießt, Ludendorff sprießt

Stand bislang der Zweite Weltkrieg im Zentrum der Gewaltforschung, wendet sich Benjamin Ziemann dem Ersten Weltkrieg zu. Zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns 1914 trägt er dazu bei, dass das „Definitivum aller Gewalt“ nicht aus dem Blick gerät: der Akt des Tötens.

von Manfred Nebelin
© Klartext Verlag Plakat für eine Totengedenkfeier in München im Jahr 1922

Befasst sich die klassische Kriegsgeschichte mit Feldzügen und Schlachten, untersucht die „Militärgeschichte von unten“ Schicksale einfacher Soldaten. Darauf aufbauend, geht es der Anfang der 1990er Jahre grundgelegten Gewaltgeschichte um die Analyse von organisierten Tötungen. Wenngleich aus dieser Begriffsbestimmung folgt, dass ihr Gegenstand nicht nur zwischenstaatliche Konflikte sind, zeigen die vorzustellenden beiden Studien, dass ihr Schwerpunkt gleichwohl auf der Erforschung von Gewalt im Krieg liegt. Die Methodik dieser „Kriegsgeschichte, die vom Tod spricht“, stammt im Wesentlichen von Michael Geyer (Chicago). Welche mitunter brisanten Ergebnisse sich damit erzielen lassen, führte die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1945“ der Öffentlichkeit 1995 vor Augen.

Stand bislang der Zweite Weltkrieg im Zentrum der Gewaltforschung, wendet sich Benjamin Ziemann dem Ersten Weltkrieg zu. Rechtzeitig zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns 1914 trägt er entscheidend dazu bei, dass das „Definitivum aller Gewalt“ nicht aus dem Blick gerät: der Akt des Tötens. Wie wichtig diese Fokussierung ist, zeigt sich daran, dass die Zahl der Opfer von 1914 bis 1918 eine bis dahin unvorstellbare Größenordnung erreichte. Allein auf Seiten des Deutschen Reiches verloren zwei Millionen Soldaten ihr Leben, über fünf Millionen wurden verwundet. Die technischen Voraussetzungen für die „Orgie der Gewalt“ schufen die von allen Kriegsparteien entwickelten modernen Kampfmittel: durchschlagskräftigere Artilleriegeschütze, Maschinengewehre, neue Waffengattungen wie U-Boote, Panzer und Flugzeuge sowie chemische Kampfstoffe.

Welche Waffen für Tod und Verwundung verantwortlich waren, geht aus den Unterlagen des Heeressanitätsamtes hervor. Demnach erwiesen sich als „schlechterdings prägende Destruktionskraft“ die Artilleriegeschosse. 75 Prozent der Kriegstoten und Verwundeten fielen ihnen zum Opfer; weitere 18 Prozent starben durch Maschinengewehr- oder Gewehrkugeln; drei Prozent erlagen den Folgen einer Gasvergiftung, und nur knapp ein Prozent wurden mit einer von Hand geführten Waffe getötet. Demgegenüber waren in den Reichseinigungskriegen noch ein Drittel aller Opfer mit einem Bajonett, Säbel oder Dolch getötet worden.

„Töten als Handarbeit“ war im Großen Krieg zu einer seltenen Ausnahme geworden. Gerade angesichts der Anonymität des Tötens aber wäre es wünschenswert gewesen, mehr über die psychische Befindlichkeit der aus großer Distanz tötenden Artilleristen, MG-Schützen und Flugzeugführer zu erfahren, zumal es an aussagekräftigen Tagebüchern und Briefsammlungen nicht mangelt. Stattdessen belässt Ziemann es bei einer Deutung des Gewalthandelns von Ernst Jünger, der einmal mehr als Protagonist der „modernen Kampfmaschinen“ erscheint.

Im Unterschied zur Masse der ihre Pflicht erfüllenden Soldaten versuchten vergleichsweise wenige, den Gewaltexzessen zu entkommen: sei es auf Zeit durch Urlaubsüberschreitung oder Simulation von Krankheit, sei es auf Dauer durch Selbstverstümmelung oder Desertion. Das Ziel der Flüchtenden war im Westen das neutrale Ausland, im Osten die Wälder Polens und Litauens. Gaben bei dem Gros der Flüchtenden persönliche Beweggründe den Ausschlag, spielten bei einem kleinen Teil politische Motive eine Rolle - zum Beispiel bei dem Mitbegründer des Spartakusbundes Wilhelm Pieck. Konsequenterweise schloss sich der spätere „kommunistische Hindenburg der DDR“ (Willy Brandt) im niederländischen Exil einem sozialrevolutionären Arbeiterverein an. Dessen Mitglieder forderten die an der Westfront kämpfenden Soldaten in Flugblättern auf, sich gegen ihre Offiziere zu erheben und die Revolution in die Heimat zu tragen.

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Quelle: wahlrecht.de
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