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Bedrohte Eidgenossen : Die NSDAP in der Schweiz

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Ehrenwache für Gustloff in der Alexanderhauskirche, Davos Platz Bild: Abb.a.d.bespr.Band

Dem Nationalsozialismus war es in den frühen 1930er Jahren gelungen, Ortsgruppen und Stützpunkte in vielen Städten der Schweiz einzurichten. Selbst die Hitler-Jugend war präsent, in Bern etwa unter dem HJ-Führer Richard von Weizsäcker, dem Sohn des deutschen Gesandten Ernst von Weizsäcker.

          Als föderal aufgebauter, viersprachiger Kleinstaat verspürte die Schweiz in Krisenzeiten stets ein Unbehagen mit Blick auf die großen Nachbarn. Der Erste Weltkrieg hatte die Spannungen zwischen einer tendenziell deutschfreundlichen, alemannischen Deutschschweiz und einer proalliierten, romanischen Eidgenossenschaft verdeutlicht – ein Graben, der den Zusammenhalt des neutralen Landes gefährdete. Und so wurde die Gründung der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ nach Einschätzung von Peter Bollier, einem pensionierten Geschichtslehrer aus Davos, zu einer „existenziellen Herausforderung für Davos, Graubünden und die Schweiz“. Diese thesenhafte Behauptung findet sich im Untertitel seiner Untersuchung zur „NSDAP unter dem Alpenfirn“, die quellengestützt daherkommt, analytisch aber über weite Strecken lediglich dem „Murmeln der Quellen“ lauscht.

          Zweifellos hat es der Landesgruppenleiter der NSDAP in der Schweiz, der 1936 von einem jungen Juden in Davos ermordete Wilhelm Gustloff, ungewollt zum Märtyrer und ersten „Blutzeugen“ der Partei im Ausland gebracht. Seine Beerdigung in Schwerin wurde als Staatsbegräbnis begangen. Unter den mehr als 30 000 Teilnehmern befand sich die gesamte NS-Prominenz. Propagandaminister Joseph Goebbels notierte am 14. Februar 1936 in sein Tagebuch: „Der Führer hält eine radikale, scharfe Rede gegen die Juden. Das ist mal gut so. Sie geht auch noch über alle Sender. Dafür sorge ich. Alles gut vorbereitet.“ Der Mythos Gustloff war geboren. Nach ihm wurde im Mai 1937 ein neu in Dienst gestellter KdF-Dampfer benannt, der wiederum am 30. Januar 1945 – mit Tausenden Flüchtlingen und Verwundeten an Bord – vor der Küste Pommerns von einem sowjetischen U-Boot versenkt werden sollte. Seither ist der Name Gustloff untrennbar mit der blutigsten Schifffahrtskatastrophe des Zweiten Weltkriegs verbunden.

          Doch welchen Stellenwert hatte der Nationalsozialismus in der Schweiz bis 1945 tatsächlich? War die NSDAP mit geschätzt 5000 Mitgliedern (1935) wirklich eine Bedrohung für die helvetische Unabhängigkeit und Demokratie? Oder hat ihre bloße Existenz bei den Eidgenossen nicht vielmehr dazu geführt, nun erst recht die eigenen Reihen zu schließen und sich spätestens seit Entfesselung des Zweiten Weltkriegs dezidiert der geistigen wie physischen Landesverteidigung zu widmen, etwa im „Réduit“ des Generals Henri Guisan in den Alpen?

          Eine „existentielle Herausforderung“ der Eidgenossenschaft durch die NSDAP in der Schweiz zu konstatieren scheint überzogen. Sicher, dem Nationalsozialismus war es in den frühen 1930er Jahren gelungen, Ortsgruppen und Stützpunkte in vielen größeren Städten der Schweiz einzurichten (Liste S. 355). Selbst die Hitler-Jugend war präsent, in Bern etwa unter dem HJ-Führer Richard von Weizsäcker, dem Sohn des deutschen Gesandten Ernst von Weizsäcker. In seinen Memoiren „Vier Zeiten“ (1997) konnte (oder wollte) sich der nachmalige deutsche Bundespräsident an sein jugendliches Engagement nicht mehr erinnern, wohl aber sein Mitschüler Hanspeter Steinmann (Richard von Weizsäcker. Profile eines Mannes. Herausgeben von Werner Filmer und Heribert Schwan, erschienen 1984). Mit Blick auf solche NS-Aktivitäten wurde zwar ein generelles Verbot der NSDAP in der Schweiz von den Berner Bundesbehörden erwogen, aber angesichts zahlreicher Schweizer Staatsbürger im Deutschen Reich und der engen wirtschaftlichen Verflechtungen beider Staaten immer wieder verworfen.

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