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Veröffentlicht: 09.05.2017, 10:48 Uhr

Afrikas Zukunft Kaum Optimismus für Afrika

Warum nimmt Korruption in Politik und Wirtschaft in Afrika im weltweiten Vergleich einen Spitzenplatz ein? Asfa-Wossen Asserate verfügt über alle Zahlen und Statistiken und vergisst trotzdem nie, dass es nicht um Kennziffern und Jahresbilanzen geht, sondern um Menschenschicksale.

von Wilfried von Bredow
© Wolfgang Eilmes Prinz Asfa-Wossen Asserate am 2. August 2010 in Frankfurt

Am Ende seines Buches schreibt Asfa-Wossen Asserate, vermutlich etwas deprimiert, niemand von außen, weder Amerika noch Europa oder gar China könnten Afrika „retten“. Die Afrikaner müssten schon ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Nur so könnte es seine politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Misere überwinden. Auf den knapp 200 Seiten davor liefert der Autor eine nüchterne Diagnose dieser Misere: defizitäre Staatlichkeit, wirtschaftliche Ungleichheit zwischen einer kleinen Elite und der großen Masse der Bevölkerung, soziale Auflösungstendenzen überlieferter sozialer Bindungen und kulturelle Perspektivlosigkeit der aus diesen Bindungen herausgerissenen Menschen in den Elendsviertel der wuchernden Städte und den riesigen Lagern binnen-afrikanischer Flüchtlinge.

Und dies alles trotz des enormen Reichtums an weltweit nachgefragten Bodenschätzen wie zum Beispiel Rohöl, Gold, Diamanten, Uran oder Kobalt! Außerdem sind vorsichtigen Schätzungen zufolge in den vergangenen 60 Jahren rund 2000 Milliarden US-Dollar als „Entwicklungshilfe“ nach Afrika geflossen. Größtenteils in die falschen Taschen. All dies scheint nach einer Logik des Misslingens abzulaufen. Welche Faktoren für diese Entwicklung in welchem Maße verantwortlich sind, darüber gibt es ganze Lesesäle von gelehrten und nicht so gelehrten Studien über die Probleme Afrikas.

Sind es die Nachwirkungen der Wunden, die der Kolonialismus dem Kontinent beigebracht hat? Oder ist der Hinweis darauf nichts als eine Ablenkung von den eigenen Machenschaften der postkolonialen afrikanischen Herrschaftseliten, die den Versuchungen zur Diktatur und Gewaltherrschaft so rasch erlagen? Welche Rolle spielt dabei auch der Neokolonialismus mächtiger Konzerne, die den afrikanischen Reichtum für eigene Zwecke ausbeuten? Korruption in Politik und Wirtschaft gibt es auch anderswo, aber warum nimmt sie in Afrika im weltweiten Vergleich einen Spitzenplatz ein? Der Autor lässt keinen dieser Faktoren aus dem Blick und legt auseinander, wie sie miteinander verknüpft sind und sich wechselseitig verstärken. Er ist mit den afrikanischen Verhältnissen bestens vertraut, verfügt über alle aussagekräftigen Zahlen und Statistiken und vergisst trotzdem nie, dass es eigentlich nicht um Kennziffern und Jahresbilanzen geht, sondern um Menschenschicksale.

Die wenigsten Zahlen geben Anlass zu Optimismus. Zwar weisen etliche afrikanische Staaten in den vergangenen Jahren beachtliche Wachstumsraten ihrer Wirtschaft auf, was in der Hauptsache an dem Boom auf dem Energiesektor und den Weltmarktpreisen für Rohstoffe und seltene Bodenschätze liegt. Dieses Wachstum kommt aber nicht der gesamten Wirtschaft zugute. Vor allem der wirtschaftliche Basis-Sektor in den allermeisten afrikanischen Ländern, die Landwirtschaft, leidet seit Jahren – unter wiederkehrenden Problemen mit dem Klima (Dürre), den AgrarexportSubventionen von Ländern auf anderen Kontinenten (nicht zuletzt der Europäischen Union) und den Investitionen ausländischer Agrarkonzerne in riesige Monokultur-Plantagen (landgrabbing). Das hat verhängnisvolle Folgen, die Asserate am Beispiel seines Heimatlandes erklärt. Äthiopien ist der „Wachstumsstar“ Afrikas. Die Hauptstadt Addis Abeba hat sich zu einer modernen Riesenmetropole mit sieben Millionen Einwohnern entwickelt: rund um die Uhr geschäftig, konsumorientiert, reich und teuer. Aber nur im Zentrum, denn am Stadtrand wachsen die Armutsviertel, und weiter im Lande herrscht weiter die Armut. Die letzte Hungersnot in Äthiopien war 2015/16, und es wird nicht die letzte gewesen sein.

Ein paar andere afrikanische Zahlen gehen auf demnächst vermutlich sehr direkte Weise auch die Europäer an. Die Demographie Afrikas ist sozusagen die Gegenthese zur Demographie Europas. Auch hier wieder das Beispiel Äthiopien: Im Jahr 1970 lebten dort etwa 25 Millionen Menschen, heute sind es viermal so viele. Wie sollen diese vielen Menschen in den nächsten Jahren ernährt werden? Die Regierungen Afrikas schaffen es nicht, auch weil die Politiker und Beamten viel zu sehr damit beschäftigt sind, ihre eigenen Taschen zu füllen. Man wird sehen, ob der gegenwärtig als aufrechter Ausnahmepolitiker gefeierte Präsident Tansanias, John Magufuli, die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen kann.

Die korrupten und sich mittels Repression an der Macht haltenden Regime vieler afrikanischer Länder, man denke nur an Eritrea, Sudan, Südsudan oder die von Bürger- und Religionskriegen zerrissenen schwachen Staaten südlich der Sahara, können den dort lebenden Menschen weder politische noch wirtschaftliche Aussichten auf eine lebenswerte Zukunft bieten. Weil das so ist, prognostiziert Asserate (und er ist da keineswegs der Einzige), dass auf Europa schon bald eine große Welle von Flüchtlingen in der Dimension einer „neuen Völkerwanderung“ zurollen wird. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten, so der Untertitel seines Buches. Nun könnte Europa gewiss einiges tun, um die Lage der Afrikaner zu erleichtern, etwa seine Agrarexportpolitik ändern. Das ist schon unwahrscheinlich genug. Aber nur eigene Anstrengungen können Afrika wirklich retten. Dafür aber stehen die Chancen, sagen wir: nicht besonders gut.

Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völker- wanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten. Propyläen Verlag, Berlin 2016. 219 S., 20,– €.

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Quelle: wahlrecht.de
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