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Arthur Hoffmann : Größe und Tragik

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Bundesrat Arthur Hoffmann als Chef des Militärdepartements Bild: Abb.a.d.bespr. Band

Schwierig war die Lage auch für sie. Aber Probleme wie die Schweiz hätten andere Länder während des Ersten Weltkrieges sehr gerne gehabt.

          „Glücklich das Land, das es sich leisten kann, seine Regierung als Nebensächlichkeit zu betrachten“, so lautet ein Bonmot des Fribourger Historikers Urs Altermatt über die Stellung der Bundesräte (Minister) im politischen Gefüge der Schweiz. In der Tat sorgt die Konstruktion eines aus sieben Mitgliedern bestehenden Kollektivorgangs, die den Gesamtbundesrat bilden und dessen Vorsitz im Amt des Bundespräsidenten als Primus inter Pares jährlich wechselt, dafür, dass eine Unterteilung der schweizerischen Geschichte nach Amtszeiten von Regierungschefs undenkbar ist. Dass eine detaillierte Untersuchung des Wirkens einzelner Mitglieder der helvetischen Regierung dennoch sinnvoll ist, beweist der ehemalige Schweizer Diplomat Paul Widmer mit seiner Monographie über den liberalen Bundesrat Arthur Hoffmann (1857–1927), der zwischen 1911 und 1917 verschiedene Ministerämter innehatte. Im Mittelpunkt stehen die Jahre 1914 bis 1917, als Hoffmann während des Ersten Weltkriegs als Außenminister amtierte – bis er wegen eines fehlgeschlagenen Vermittlungsversuchs zwischen dem Deutschen Reich und Russland zurücktreten musste.

          Aus der Sympathie für seinen Protagonisten macht Widmer keinen Hehl. Keiner seiner Nachfolger könne sich mit ihm messen, Hoffmann sei „einer der brillantesten Bundesräte, die die Schweiz je hervorgebracht hat“. Es geht dem Autor wohl auch um die Rehabilitierung seines historisch überwiegend kritisch beurteilten „Helden“. Hoffmann galt als deutschfreundlich und setzte sich Anfang August 1914 für die Wahl von Oberst Ulrich Wille, der Berlin nahestand und 1912 der begleitende Militär von Wilhelm II. bei den Kaisermanövern in der Schweiz gewesen war, zum Oberkommandierenden der Schweizer Armee ein.

          Widmer tritt der Kritik entgegen, Hoffmann habe sich von irrealen deutschfreundlichen Gefühlen leiten lassen. Für die Unterstützung Willes sprachen aus Sicht Hoffmanns sachliche Argumente; so wurde mit einem raschen deutschen Sieg des Deutschen Reichs gerechnet, was für die Ernennung eines Offiziers mit guten Kontakten nach Berlin sprach. Zudem hatte Hoffmann als Reserveoffizier unter Wille gedient und war von dessen menschlichen und militärischen Fähigkeiten überzeugt. Allerdings ist Autor Widmer entgegenzuhalten, dass die Entscheidung für Wille der Schweiz auch unter solchen rationalen Gesichtspunkten eher zum Nachteil gereichte. Sie vertiefte den Graben gegenüber der französischsprachigen Westschweiz: Bei der „Obersten-Affäre“ innerhalb der Schweizer Armee machte der General keine gute Figur – und gegenüber den Entente-Mächten war er der falsche Repräsentant.

          Wie Widmer überzeugend ausführt, gab es unter Hoffmann zwei Außenpolitiken, eine öffentliche und eine clandestine, die ohne Wissen des Gesamtbundesrats praktiziert wurde. Der Außenminister war sowohl aus persönlichem Ehrgeiz als auch aus humanitär-politischen Gründen von dem Wunsch beseelt, sich als Friedensvermittler einen Namen zu machen. In seinen Reden vertrat er den Kurs einer strikten Neutralitätspolitik und zeigte sich skeptisch gegenüber einseitigen Friedensinitiativen, womit er den Nerv der bürgerlichen Öffentlichkeit traf und sich hohes Ansehen erwarb. Gleichzeitig übernahm Hoffmann bis Februar 1917 hinter den Kulissen vier erfolglose Vermittlungsversuche, die entweder nicht öffentlich wurden oder für die er die Verantwortung auf die Diplomaten vor Ort abwälzen konnte.

          Mit dem fünften Versuch erlitt der Bundesrat persönlich Schiffbruch. Ein geheimes Telegramm, in dem Hoffmann dem in St. Petersburg weilenden sozialistischen Schweizer Abgeordneten Robert Grimm über Bedingungen informierte, unter denen das Deutsche Reich zum Abschluss eines Separatfriedens mit Russland bereit sei, fand den Weg in die schwedische Presse. Mag es dem Außenminister auch um einen Beitrag zur Friedensvermittlung gegangen sein – in der Konsequenz bedeutete ein Separatfrieden das Herausbrechen Russlands aus der Entente, widersprach der Politik der provisorischen russischen Regierung und war mit der Schweizer Neutralitätspolitik völlig unvereinbar.

          In Bern platzte die Bombe am 18. Juni 1917, an Hoffmanns 60. Geburtstag: Am Morgen noch Würdigungen und Glückwünsche, seit Nachmittag Krisensitzungen und schließlich der Rücktritt am Folgetag – der Sturz war hart. Nach Ansicht Widmers war eine gewisse „Hybris“ mitverantwortlich. Zudem kritisiert er zu Recht, dass Hoffmann ohne Rücksprache mit seinen Regierungskollegen agierte. Zu hinterfragen ist jedoch Widmers Ansicht, wonach dem Außenminister wohl nicht bewusst gewesen sei, dass er mit seinem Agieren den Mittelmächten diente, sondern sich naiv von deutscher Seite für deren Zwecke einspannen ließ. Damit widerspricht Widmer nicht nur der von ihm doch Hoffmann wiederholt attestierten analytischen Brillanz, sondern auch dem von ihm selbst zitierten deutschen Gesandten von Romberg mit dessen interner Einschätzung, Hoffmann lasse sich nicht in die deutsche Kriegsstrategie einspannen, sondern verfolge einzig die Interessen seines Landes. Dieser spannend geschriebene reale Polit-Krimi um „Größe und Tragik“ eines hohen Magistraten sei eingedenk teils unterschiedlicher Bewertungen wärmstens zur Lektüre empfohlen.

          Paul Widmer: Bundesrat Arthur Hoffmann. Aufstieg und Fall.

          Verlag NZZ Libro, Zürich 2017. 384 S., 48,– .

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