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Anne Frank : Überlieferung und Deutung

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Ein Faksimile des Tagebuchs von Anne Frank, aufgenommen am 11.06.2009 im Anne-Frank-Museum in Amsterdam. Bild: dpa

Bei der Verhaftung im August 1944 hatten die Deutschen die Tagebücher von Anne Frank und weitere Schriftstücke übersehen oder nicht gefunden. Inzwischen sind weltweit mehr als 20 Millionen Exemplare der Tagebücher verkauft worden, ihre Geschichte ist Bestandteil vieler Lehrpläne.

          Anne Frank ist das weltweit wohl namentlich bekannteste Opfer des Holocausts. Sie wurde am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main als Tochter assimilierter jüdischer Deutscher geboren, die 1933 nach Amsterdam auswanderten. Mit der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 ging es, wie Anne Frank schreibt, „bergab mit den guten Zeiten. Erst kam der Krieg, dann die Kapitulation.“ Anfang Juli 1942 tauchte die Familie Frank unter und bezog das vorbereitete Versteck in der Prinsengracht 263. Dort lebten sie mehr als zwei Jahre. Am 4. August 1944 wurden sie aufgrund einer Denunziation verhaftet und deportiert. Im Februar oder März 1945 starb Anne im KZ Bergen-Belsen. Nur ihr Vater überlebte und widmete sich nach seiner Rückkehr nach Amsterdam der Erinnerung an seine Tochter.

          Bei der Verhaftung hatten die Deutschen die Tagebücher von Anne Frank und weitere Schriftstücke übersehen oder nicht gefunden. Inzwischen sind weltweit mehr als 20 Millionen Exemplare der Tagebücher verkauft worden, ihre Geschichte ist Bestandteil vieler Lehrpläne, und das Museum in der Prinsengracht 263 wird jährlich von über einer Million Menschen besucht. Angesichts dieser Zahlen wird klar, dass es nicht nur um Deutungshoheit über die Tagebücher geht, sondern auch, wie David Barnouw schreibt, „um viel Geld“.

          1957 hatte Otto Frank in Amsterdam die Anne-Frank-Stiftung gegründet, die das Haus in der Prinsengracht unterhält „und über das Erbe Anne Franks wachte“. 1963 hatte er in Basel noch den „Anne Frank Fonds“ gegründet, dem die Einnahmen aus den Urheberrechten zufließen, die dann guten Zwecken zugeführt werden. Allerdings gibt es dazu keine Zahlen. Bei seinem Tod hatte Otto Frank, um die Verwirrung komplett zu machen, sämtliche Aufzeichnungen Anne Franks sowie ihre Fotoalben dem Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation vererbt. Deshalb wurde auch dort, unter Mitwirkung von David Barnouw, die erste Gesamtausgabe der Tagebücher publiziert, die 1988 auf Deutsch erschienen.

          Barnouw schildert eindringlich die Rezeptionsgeschichte von Anne Franks Tagebuch, das 1947 erstmals auf Niederländisch erschien. Allein die Geschichte der Übersetzungen und jeweiligen Auslassungen ist beeindruckend. Dazu kommen Auseinandersetzungen um Theaterstücke, Filme, Musicals und Fernsehproduktionen. Er berichtet über Versuche rechter Kreise in Europa, die immer wieder die Authentizität der Tagebücher in Frage stellten. Nach Untersuchungen von staatlichen Kriminaltechnikern und Schriftsachverständigen ist diese Frage abschließend und positiv geklärt. Ein interessantes Buch, dem allerdings eine redaktionelle Betreuung gutgetan hätte - vom missverständlichen Titel angefangen bis hin zu sprachlichen Mängeln. Am besten sollte man nach der Lektüre nochmals die Tagebücher der Anne Frank von 1988 in die Hand nehmen und einfach nur ihre bewegenden Gedanken und Berichte lesen.

          David Barnouw: Das Phänomen Anne Frank. Klartext Verlag, Essen 2015. 180 S., 14,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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