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Angela Merkel: Dialog über Deutschlands Zukunft Jeder Zipfel auf dem Gipfel

Kanzlerin Merkel hat über unsere Zukunft nachdenken lassen. Herausgekommen ist etwas Lesbares, das die Schwarm-Intelligenz einfach einbinden soll.

© dapd Vergrößern Bundeskanzlerin Merkel am 14. März 2012 in der Stadthalle in Heidelberg beim zweiten Bürgerdialog über Deutschlands Zukunft.

Berichte von Expertentagungen sind in Redaktionen aller Mediensparten etwa so willkommen wie Freibier bei Anonymen Alkoholikern. Wenn die Kanzlerin einen „Zukunftsdialog“ ins Leben ruft und sich in den Kopf setzt, dass die Diskussionen von nicht weniger als 18 Arbeitsgruppen mit mehr als 130 Teilnehmern in die Öffentlichkeit gelangen sollen, muss sie folglich selbst einen Journalisten anheuern. Christoph Schlegel dürfte ihren Auftrag, „etwas Lesbares“ zu verfertigen, zu Frau Merkels Zufriedenheit erledigt haben. Auf 200 Seiten liefert er eine Endlos-Reportage über zahllose Gruppensitzungen ab, gespickt mit allem, was man auf der Journalistenschule lernt: hier ein Quentchen Anschauung, da eine Prise Datengrundlagen, schnelle Schnitte, jede Menge künstlich erzeugte Spannung, Fragen über Fragen - und leider wenig Antworten. Es darf ja nicht langweilig werden. Eine Zeitungs- oder Hörfunkredaktion hätte sich trotzdem schwerlich dafür begeistern lassen. So musste ein Buch daraus werden.

Wie wollen wir zusammenleben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen? Die drei großen Fragezeichen, die das Kanzleramt vorgegeben hat, wurden zunächst fachgerecht seziert. Das erste Thema zum Beispiel in die drei Aspekte „Der Einzelne und die Gesellschaft“, „Bürger und Staat“ und „Deutschlands Selbstbild und Außenbild“. Für jeden dieser drei Aspekte wurden je zwei Arbeitsgruppen gebildet: Das Unterthema „Der Einzelne und die Gesellschaft“ behandelten die Gruppe „Familie“ und die Gruppe „Zusammenleben der Generationen“. Der offizielle Ergebnisbericht blieb den jeweiligen Koordinatoren des Dialogs selbst vorbehalten. Er wurde Ende August vorgestellt; die Kurzfassung ist 202 Seiten lang. Schlegel hat nur Momentaufnahmen liefern können, Szenen aus dem Labor. Dabei waren die Expertenrunden, die er beschreibt, nur ein Teil des Großexperiments Zukunftsdialog. Ein zweiter waren die „Bürgergespräche“ der Kanzlerin an drei verschiedenen Orten; ein dritter der Online-Dialog, an dem sich Zigtausende Internetnutzer beteiligten.

Schlegels Aufzeichnungen durften keine Ergebnisse enthalten, sondern nur Schilderungen, wie es so zuging im Labor. Jeder, der schon einmal an einer Tagung teilgenommen hat, kennt das: Es ist wie Lagerfeuer - nur ohne Romantik. Oft wird wild durcheinandergeredet, selten wild gedacht. Fast alle bewegen sich in den eingefahrenen Gleisen ihres Metiers. Beim Thema Bildung etwa führen die Propheten des Internets das große Wort. Mit Hilfe einer „Bildungs-Cloud“ könnten endlich „alle Schüler in Deutschland mit denselben Dokumenten denselben Stoff lernen“, schwärmt der Informatiker Jörn von Lucke. Gnade den Kindern und dem Bildungsstandort Deutschland, wenn solche Visionen Gehör finden. Dass sich Deutschland nicht nur in einer Finanzkrise, sondern auch in einer Systemkrise befindet, die schon die Fundamente der Demokratie unterspült, wird kaum spürbar. Das Kanzleramt will handhabbare Vorschläge.

Die Experten dagegen - Wissenschaftler und sogenannte Praktiker aus der Wirtschaft - neigen dazu, der Politik davonzugaloppieren. Auffallend schnell sind sie bei Forderungen nach dem „großen Wurf“, allenthalben beklagen sie das Fehlen von Denkfabriken, Forschungszentren, Sondergremien, Bundesinstituten. Doch große Würfe passen nicht zur Kanzlerin der (unmerklichen) kleinen Schritte. Lieber hörte sie, wenn sie gelegentlich mitdiskutierte, auf den Wunsch nach „Gipfeln“ aller Art. Da kann dann unverbindlich weiter nach kleinsten gemeinsamen Nennern gesucht werden, durch die alle teilbar sind.

Immerhin scheinen an einigen Stellen des Debattenberichts Ideen auf, die der Vertiefung wert gewesen wären, aber im Ergebnisbericht nicht mehr vorkommen. „Die Berufswelt wird künftig jeden brauchen - Männer und Frauen und eben auch Alte“, sagte der Unternehmensberater Loring Sittler. Seine Konsequenz daraus: Alle Arbeitsformen - also die Erwerbs-, die Familien- und die Freiwilligenarbeit - müssten gleichgestellt werden. „Es reicht nicht, nur von Anerkennungskultur zu sprechen.“ Für Anerkennung kann man sich bekanntlich nichts kaufen. Unbezahlte häusliche Arbeit ist längst zur Zumutung geworden in einer Gesellschaft, die das persönliche Einkommen zum Maßstab der Selbstverwirklichung erhebt. Das „Outsourcing“ von Erziehungs- und Pflegeleistungen ist die Folge dieser Entwicklung. Denn nur wenn Fremde diese Tätigkeiten übernehmen, werden sie bezahlt. Politisch mag das gewollt sein. Viele würden an dieser Stelle die Frage „Wie wollen wir leben?“ mit „so nicht!“ beantworten. Hier blieb sie einfach unbeantwortet.

Als Schaufenster-Veranstaltung sollte man den großangelegten Gehirnsturm dennoch nicht abtun. Vielmehr steht hinter der ganzen Veranstaltung die unausgesprochene Frage der Kanzlerin: „Wie geht gutes Regieren heute?“ Ihre Antwort scheint zu lauten: Mit Hilfe der Schwarm-Intelligenz. Es geht darum, möglichst viele Mitwirkende in einen Entscheidungsprozess einzubinden. Die große Zahl soll das Gewicht der Ergebnisse vergrößern. Masse mal Organisation ist gleich Legitimität. Wenn sich Frau Merkel da mal nicht täuscht!

 Angela Merkel (Herausgeberin): Dialog über Deutschlands Zukunft. Murmann Verlag, Hamburg 2012. 254 S., 19,90 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 02.10.2012, 11:50 Uhr

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Von Berthold Kohler

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